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Olympia:Eröffnungsfeier in Rio: Bitte sehr genau hinsehen

Zuschauer aus der Favela Mangueira schauen sich das olympische Feuerwerk an.

(Foto: AFP)

Die warme Stimmung der Brasilianer trägt die Eröffnung von Olympia in Rio. Aber die Botschaften des IOC sind dreist bis über die Schmerzgrenze, Thomas Bach redet sich die Realität gnadenlos schön.

Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen bestehen aus zwei Themenbereichen, einem kulturellen und einem im weiteren Sinne politischen. Der politische Akzent wird immer dann deutlich, wenn die Nationen ins Stadion kommen, oder wenn der Staatspräsident die Spiele mit ein paar Sätzen eröffnet. Das Publikum hat kaum je einen solchen Zugriff auf die Ereignisse, es kann pfeifen und buhen, und weil ja angeblich der gesamte Planet bei der Eröffnungsfeier zusieht, wird die Reaktion der paartausend Leute im Stadion zu einem entsprechend wuchtigen Statement.

Einige Fragen vor der Opening Ceremony von Rio: Wie würde das Publikum auf das Erscheinen der russischen Delegation reagieren, die ja trotz des Doping-Tsunamis zuhause mit beachtlichem Team dabei sein darf? Während die Whistleblowerin Julia Stepanowa nicht mitmachen darf, obwohl wegen ihrer Hinweise die gesamte Giftküche in Russland implodiert oder explodiert ist - oder beides. Die Russin Stepanowa muss um ihr Leben fürchten, weshalb sie sich in Amerika versteckt; sie ist also ein Flüchtling, liegt aber dem IOC in Zeiten von Thomas Bach nicht so sehr am sogenannten Herzen wie jene Flüchtlinge zum Beispiel aus Syrien, die inzwischen zum Teil auch in Werbespots für olympische Großsponsoren auftreten.

Das Wichtigste zu Olympia 2016 in Rio

Vor gedanklichen Panoramen wie diesen ist es schwierig, einfach zu feiern, als wäre alles in Ordnung, also warteten viele im Maracanã-Stadion vor allem auf das Erscheinen der Russen, zum einen, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich da sind. Zum anderen, um zu hören, wie sie von den Brasilianern empfangen werden. Bevor aber alle Teams und schließlich auch die Russen kamen, stand das kulturelle Programm an.

Ein Land stellt sich vor, und wie bei jeder Opening Ceremony stellte man fest, dass Musik immer ein Ereignis für alle ist, während jedes Tanztheater abstrakt bleibt, so tief es auch in der Geschichte des jeweiligen Gastgeberlandes verwurzelt sein mag. Die Brasilianer haben sehr schöne Lieder. Die brasilianische Nationalhymne hört man sonst oft vor Länderspielen, bei Olympia allerdings sang Paulinho da Viola sie zur akustischen Gitarre, und es war einer der Höhepunkte, die man als still beschreibt. Laute Höhepunkte gibt es schon genug.

Musikalisch also alles sehr tief und schön. Was bei Olympiern oft schwer heuchlerisch wirkt, ist dieses ewige Bekennen zu allen guten Werten. Ohne sie selbst zu beherzigen, natürlich. Das Thema Klima wurde bei der Eröffnungsfeier also auch dramatisch umtanzt, und jede Mannschaft erfreute sich beim Einmarsch der Begleitung durch ein Kind, das eine gesund aussehende Topfpflanze einhertrug. Schönes Symbol, wichtiges Thema - aber bitte: den Leuten Olympia als Blumenmärchen verkaufen zu wollen ist natürlich dreist bis über die Schmerzgrenze nach den Umweltquälereien von Peking (2008) über Sotschi (2014) bis zu Peking (2022). Es mag von manchem verdrängt worden sein, aber Peking kriegt die Spiele ja schon wieder, Geschichte wiederholt sich.

Der brasilianische Präsident eröffnet die Spiele unter Pfiffen

Bei den teilnehmenden Ländern stellte man seinerseits einen Trend zur Wiederholung fest. Bhutans Fahnenträgerin heißt Karma Karma, Bahrains Fahnenträger heißt Farhan Farhan, und Mohamed Mohamed schleppte das edle Tuch für Somalia. Da waren die Russen schon im Innenraum des Stadions angekommen, sie kamen nach Ruanda und vor den Solomon Islands, und wer damit gerechnet hätte, sie würden unfreundlich empfangen, der kennt die Brasilianer schlecht, die jedem Gast zuvorkommend entgegentreten, natürlich auch dem Refugee-Team, und ganz am Ende der Parade den schönen Menschen aus dem eigenen Olympia-Aufgebot. Soundtrack des Augenblicks: "Aquarela do Brasil."

Dass der amtierende Präsident Michel Temer die Spiele eröffnete, bekam dann leider kein Mensch mit, die Pfiffe der Menge waren, einmal an diesem Abend, zu laut.

Thomas Bach himself konnte sich sicher sein, nicht ausgebuht zu werden, er nannte Rio überraschenderweise ein "Modern Metropolis", was vom Publikum etwas ratlos, aber grundsätzlich wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Er sagte, dass in der olympischen Welt alle gleich sind, natürlich erwähnte er Julia Stepanowa nicht, dabei steht sie für alles, was er da besang. Bach redete über Fairness und die friedensstiftende Kraft des IOC, er redete sich - oder den Leuten - die Realitäten gnadenlos schön; im Licht der vergangenen Ereignisse klang all das dreist und bitter wie Hohn.

Schließlich entzündete der Läufer Vanderlei de Lima das olympische Feuer. 2004 wurde er auf dem Weg zum Marathon-Gold von einem Zuschauer niedergerissen. Keine schlechte Wahl - und sicher war die Eröffnungsfeier, so warm die Stimmung im Publikum war, ein Vorgeschmack auf das, was die nächsten zwei Wochen bringen könnten. Dass nämlich die Geschehnisse im verlotterten und verkommenen IOC erst Mal aus dem Blickfeld geraten. Das ist Bachs Kalkül, darauf baut das IOC: dass die Skandale und Ungerechtigkeiten einstweilen geschluckt werden, von Brasiliens emotionaler Tiefe.

Zwei Wochen Olympia in Rio. Man sollte, man muss da sehr genau hinsehen.