Gäbe es eine olympische Medaille für außerordentliche Präzision, der deutschen Biathletin Vanessa Voigt wäre Gold gewiss. Drei Rennen, 40 Schüsse, 40 Treffer, diese Statistik sei erwähnt an diesem Samstag, da die zu vergebenden Medaillen wie so häufig dieser Tage an ihre Konkurrentinnen verteilt wurden. Maren Kirkeeide aus Norwegen, die im olympischen Sprintrennen der Frauen wie Voigt zehn von zehn Scheiben getroffen hatte, wurde nach 7,5 Kilometern in der Loipe mit Gold geehrt. In einem packenden Endspurt hatte die 22-Jährige noch die Französin Oceane Michelon verdrängt, die sich mit dem Silberrang trösten durfte und der Gewissheit, ihre Teamkollegin Lou Jeanmonnot bezwungen zu haben, die Dritte wurde.
Treffsicherheit allein hat im Biathlon noch nie zur Vollkommenheit gereicht, eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt eben die Leistung in der Langlaufloipe. Und hier lässt sich zur Halbzeit der olympischen Biathlon-Wettkämpfe erahnen, dass es im deutschen Team verglichen mit anderen großen Skijägernationen derzeit an der letzten Kraft fehlt. Franziska Preuß, Deutschlands Sportlerin des Jahres und Gesamtweltcupsiegerin des Vorwinters, kam als Siebte ins Ziel, ein achtbares Ergebnis, aber eben bei Olympia ohne größeren Wert, das sich ja sportlich gesehen über Medaillen definiert. Und in dieser Statistik steht bisher eine bronzene Plakette aus der Mixed-Staffel zu Buche.

Überraschung im Biathlon:„Wer ist diese Bulgarin?“
Die kaum bekannte Lora Hristova holt überraschend Olympiabronze – und muss sich Franziska Preuß erst vorstellen. Hinter dem historischen Erfolg steht der Felix Magath des Biathlons: Wolfgang Pichler.
Fast schon erwähnenswert, dass die deutsche Männerstaffel des Jahres 2014 am Sonntag nachträglich die Goldmedaille überreicht bekommen wird. Für ein zwölf Jahre altes Olympiarennen, dessen Sieger Russland nach einem jahrelangen Verfahren wegen Dopings disqualifiziert wurde.
Vanessa Voigt hat wegen Magenproblemen zwei Tage im Bett verbracht
Der goldene Glanz von einst ist der deutschen Skijägerschaft zuletzt abhandengekommen. Die letzte Goldmedaille im Sprint hatte 2018 die im vergangenen Jahr verunglückte Laura Dahlmeier gewonnen. Am Samstag wäre im Frauenteam von Cheftrainer Kristian Mehringer läuferisch keine Athletin ernsthaft in der Lage gewesen, in den Kampf um die Medaillen einzugreifen. Preuß, im Ziel mit einer Minute Rückstand auf Kirkeeide, hatte in diesem Sprintrennen alles aus sich herausgeholt, das wurde deutlich, als die Ruhpoldingerin im Ziel entkräftet zusammensank. Ohne Fehlschuss und Strafrunde wäre die 31-Jährige sehr wahrscheinlich auf Rang vier gelandet. Dort reihte sich Milena Todorova ohne Fehlschuss ein, also abermals eine Bulgarin aus dem Team des deutschen Cheftrainers Wolfgang Pichler.
Vanessa Voigt stand in dieser zentralen Statistik am Ende auf Rang zwölf (+1:14,0 Minuten), was hoch einzuschätzen war, denn Voigt hatte wegen Magenproblemen zuvor zwei Tage im Bett verbracht, wie sie später im Stadion berichtete. Bis zum Vormittag sei nicht sicher gewesen, ob sie überhaupt starten könne: So war sie „absolut stolz, mehr war heute absolut nicht machbar“. Der Thüringerin Voigt war es dabei besser ergangen als Janina Hettich-Walz, deren Magenverstimmung noch gravierender ausfiel, weswegen sie ihren Start am Morgen absagte. Selina Grotian, 21, rückte kurzfristig ins Sprint-Team nach, schaffte aber mit drei Strafrunden in den Beinen nur den 52. Platz (+2:22,6 Minuten). Die 20-jährige Julia Tannheimer kam bei ihrem Olympia-Debüt nach zwei Fehlern als 20. über die Ziellinie (+1:32,3 Minuten). Und hat nur kurz Pause, denn am Sonntag folgt der zweite Teil dieser olympischen Kombination aus Sprint und Jagdrennen.
„Ich hänge etwas in den Top Ten hinten fest“, sagte Preuß zu ihrem Rennen. Enttäuschung war aber nicht alles, was bei ihr zu erkennen war, zumal sie ihre Ausgangsposition für Sonntag zum Angriff nach vorn inspirieren könnte. Oder wie Preuß es ausdrückte: „Man darf nie aufgeben und morgen ist ein neuer Tag.“

