AntholzDie Gaudi-Enklave der Biathlon-Fans

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Deutsche Biathlonfans bei den Wettbewerben in Antholz.
Deutsche Biathlonfans bei den Wettbewerben in Antholz. Joel Markelund/Imago/Bildbyran
  • Die Pandemie veränderte die Feierkultur in Antholz: Statt der gewohnten Bierkeller im ganzen Tal gibt es nun das umzäunte „Biathlon Gaudi Dorf".
  • Bei den Olympischen Winterspielen gelten verschärfte Sicherheitskontrollen mit Busüberprüfungen und Taschenkontrollen, was zu längeren Warteschlangen führt.
  • Vor Spielbeginn gab es einen Streit um die italienische Ortsbeschriftung „Anterselva" statt „Antholz", der mit einer ergänzenden deutschen Beschriftung gelöst wurde.
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Antholz richtet jedes Jahr einen Weltcup aus, aber Olympia funktioniert nach anderen Regeln. Um die Stimmung zu erhalten, haben die Antholzer ohne das IOC das „Biathlon Gaudi Dorf“ aufgebaut. Ein Besuch.

Von Korbinian Eisenberger, Antholz

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Es gibt Lebensumstände, da fordert einen die Unvernunft geradezu heraus. Nichts anderes ist seit Anbeginn der Olympischen Winterspiele im Pustertal zu beobachten, wo die Vernunft hinter einem Tor mit den großen Lettern „Biathlon Gaudi Dorf“ zerbröckelt wie Südtiroler Schüttelbrot. Wenn man so will, kulminiert hinter der Pforte im Antholzer Ortsteil Mittertal olympischer Geist mit Himbeergeist, ein Boden aus hinterhältigen Holzhackschnitzeln vereint Fankultur und Partnerbörse. Und genau wie im unweit gelegenen olympischen Biathlonstadion beginnt jeden Tag aufs Neue die wilde Jagd.

Die Suche nach dem viel zitierten olympischen Geist gestaltete sich anfangs beschwerlich. Im lang gezogenen Antholzer Tal musste man recht weit hinauffahren, bis ins entlegene sportliche Herz dieser Region, das Biathlonstadion, um ihm nahezukommen. Weiter unten im Tal, also etwa in der Gemeinde Rasen-Antholz oder in Antholz-Niedertal, da konnte man bisweilen nur an vereinzelten Fähnchen am Hotelbalkon erahnen, dass irgendwo in der Gegend Olympia zu Gast ist. Im Örtchen Oberrasen durfte man schon froh sein, nach 19 Uhr noch ein geöffnetes Wirtshaus zu finden. Aber je länger die Spiele dauerten, desto mehr sprach sich etwas herum: dass es da diese Enklave gibt, wo auch nach Mitternacht noch echte Schnitzel serviert werden.

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Anders als sonst in Antholz, etwa im Weltcup, werden diese olympischen Wettkämpfe und auch die Begleiterscheinungen vom Internationalen Olympischen Komitee reguliert. Für die Zuschauerschaft verändert das den Besuch insofern, als sie sich deutlich erhöhten Sicherheitsprozeduren fügen muss. Die Busse werden mit Spiegelapparaten überprüft und mit Klebestreifen versiegelt, Rucksäcke und Taschen werden kontrolliert. Wer ins Stadion und zurück möchte, muss mehrere Etappen bewältigen. Warteschlangen und Staus auf der engen Talstraße waren sonst in Antholz auch schon üblich, allerdings in geringerem Ausmaß als nun bei Olympia. Und jede Minute im Stau fehlt dann beim Après-Biathlon.

Fast ein halbes Jahrhundert hat das alljährliche Gastspiel des Biathlonweltcups diese bäuerlich geprägte Region in ein Spektakel verwandelt. Einst verteilte sich die Festmeile an diesen Tagen durchs ganze Tal, von Niederrasen bis Obertal standen Bierkeller bereit, in denen sich nicht wenige Zuschauer vor und speziell nach dem Stadionbesuch gütlich taten. Die Pandemie brachte auch hier einen Wandel, neue Regeln und Umstände veränderten die gesellschaftliche Statik. Zunächst fielen die gewohnten Feten ganz aus dem Programm, ehe sich in den vergangenen Jahren ein Dorf im Dorf etablierte.

Norwegische Wikinger zählen zu den auffälligsten Gästen

In diesem Dorf steht nun Stefan Weissteiner hinter seinem Freilufttresen, vor seinem Gesicht dampfen Bockwürste im Topf. Der 35-Jährige betreibt sonst die im Zillertal gelegene Gampiel-Alm in Pfunders, für die Spiele schenkt er hier mit seinem Team bis spät in die Nacht Getränke aller Art aus, je später der Abend, desto höher die Umdrehungen. Weissteiner berichtet, dass die Keller im Ort mit der zunehmenden Ekstase der Biathlonfans auch zu gewissen Themen mit Anwohnern führten. „Hier im Gaudidorf können die Leute nachts länger feiern“, sagt er. „Viele Leute aus verschiedenen Ländern, das macht es aus hier.“

„Viele Leute aus verschiedenen Ländern, das macht es aus hier“: Stefan Weissteiner (links), hier mit seinem Team.
„Viele Leute aus verschiedenen Ländern, das macht es aus hier“: Stefan Weissteiner (links), hier mit seinem Team. Korbinian Eisenberger

Fünf Hütten und mehrere Buden bilden das umzäunte Dorf. Durch das Eingangstor darf aber jeder hinein, ganz ohne Eintrittskarte, anders als etwa im Ruhpoldinger Championspark; daran erinnert dieses Konzept, das die Antholzer selbst auf die Beine gestellt haben, nicht das IOC. Norwegische Wikinger zählen zu den auffälligsten Gästen hier, nahezu täglich erobert eine wilde Horde samt Kriegsbemalung das Dorf. Schweden, Slowaken, Australier und Italiener, Südtiroler und Deutsche liegen sich in den Armen. Und je später der Abend, desto mehr wird die Holzhackschnitzeldecke zur Falle.

Zwischen den Hütten und Buden ist zu erfahren, welchen Aufwand manche Aficionados betreiben, um hier dabei sein zu können. Eine Gruppe aus dem Chiemgau betätigt sich auffällig fleißig am Bierstand und berichtet, dass sie sich einen Wohnwagen organisiert hat, um auf dem Antholzer Campingplatz zu nächtigen. Zimmer in Hotels und Pensionen waren hier schon seit Langem ausgebucht. Biathlonfans sind eben nicht nur für Trinkfestigkeit bekannt, sondern auch für kreatives Denken.

Kurz vor Beginn der Spiele ging es in der lokalen Presse um weniger schöne Themen dieser Zeit

Bevor hier das erste Schnitzel herausgebacken war, musste man sich zuvorderst Sorgen machen, ob die Antholzer das diesmal überhaupt alles gebacken bekommen würden. Kurz vor Beginn der Spiele ging es in der lokalen Presse um weniger schöne Themen dieser Zeit. Es war von einem Zwist die Rede, bei dem die Historie Südtirols mit der Gegenwart kollidierte. Grund waren die neuen Schilder der olympischen Wettkampfstätten, auf denen nicht Antholz geschrieben stand, sondern die italienische Bezeichnung „Anterselva“. Mehr als hundert Jahre alte Überbleibsel aus der Nachkriegszeit schwangen da mit, als Österreich dazu gezwungen war, Südtirol gegen den Willen der dortigen Bevölkerung an Italien abzutreten. Die Posse endete damit, dass die deutsche Beschriftung ergänzt wurde. Und so konnten die Spiele beginnen.

Der Abend wird zur Nacht, und die Menschen strömen nun von den rutschigen Holzhackschnitzeln hinein in die Hütten. Hier langen alle zu, die Betreiber bei den Preisen und die Gäste an der Bar. Im Dorf kommen alle zusammen. Italienisch oder Südtirolerisch? Die Nationalitäten sind egal, Sprache spielt längst keine große Rolle mehr. Wer noch seriös sprechen kann, wird ohnehin nicht mehr verstanden, so laut dröhnt die Musik. Der Biathlonfan sei für eine Eigenschaft bekannt, sagt Stadionsprecher Stefan Steinacher, auch er kommt schon mal in der Gaudialm vorbei: „Er ist vor allem farbenfroh.“ Eine Disziplin, die einst aus dem Militär entstand, sprengt Grenzen, nicht nur die der Vernunft.

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