Süddeutsche Zeitung

Beachvolleyball:"Beschissene Fehler"

Laura Ludwig und Louisa Lippmann hatten große Erwartungen bei der WM in Mexiko - doch dann verlieren die Mutter zweier Kinder und die Novizin im Sand in der ersten K.-o.-Runde.

Von Sebastian Winter

Der Wind blies am Mittwoch kräftig durch die 3500 Zuschauer fassende Stierkampfarena im Zentrum von Tlaxcala, der Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaats. Schwarze Gewitterwolken zogen über die rot und gelb bemalte Arena, in der die Zuschauer ziemlich eingemummelt auf den Tribünen saßen, und über die uralte Kirche San Francisco direkt daneben. Fehlte zur düsteren Szenerie nur noch der Torero, der dem Stier den Todesstoß versetzt.

Die Arena wird aber gerade zweckentfremdet, denn Tlaxcala, übersetzt "der Ort, an dem die Tortillas gebacken werden", ist in dieser Woche Schauplatz der ersten Beachvolleyball-Weltmeisterschaft in Mexiko. Und das auf gut 2000 Metern Höhe, wo die Ausläufer des Hurrikans Lidia den Spielern nicht nur die Haare, sondern gerade auch Aufschläge und Annahmen zerzausen.

Während die Weltranglistensiebten Nils Ehlers und Clemens Wickler sowie Cinja Tillmann und Svenja Müller, die WM-Dritten von Rom 2022, ins Achtelfinale einzogen, wo sie in der Nacht zu Freitag (MEZ) gefragt waren, schieden die beiden anderen deutschen Duos in der ersten K.-o.-Runde aus.

Das WM-Aus ist ein Rückschlag auf dem Weg nach Paris 2024

Karla Borger und Sandra Ittlinger mussten wegen ihrer starken Gegnerinnen damit rechnen - Laura Ludwig und Louisa Lippmann eher nicht. Letzteren war die Lust auf Tortillas und Fiesta jedenfalls am Mittwoch vergangen. Das Nationalteam aus Hamburg unterlag den Brasilianerinnen Agatha Bednarczuk und Rebecca Cavalcanti völlig unnötig 1:2 (21:19, 20:22, 8:15). 320 Weltranglistenpunkte und 7000 US-Dollar Preisgeld waren auch kein Trost, denn für Ludwig und Lippmann, dieses gerade wohl spannendste Projekt im deutschen Beachvolleyball, ist das frühe WM-Aus vor allem ein großer Rückschlag für Paris 2024.

"Zu hektisch" seien sie gewesen, hätten "beschissene Fehler" gemacht und ihre "Chancen nicht genutzt", fasste Ludwig das Spiel zusammen. Die Olympiasiegerin von Rio und Weltmeisterin von Wien hat andere Ansprüche. Sie selbst hatte aber im zweiten Satz, nachdem vor allem Lippmann mit starken Blocks den 14:19-Rückstand in eine 20:19-Führung verwandet hatte, Fehler im Angriff gemacht. So war nicht nur der Matchball dahin, sondern nach drei Punkten in Serie für die Brasilianerinnen auch der Satz.

Im dritten Satz spielten Ludwig und Lippmann dann konstant - bis zur 6:5-Führung. Danach zappelte Lippmanns Aufschlag im Netz, später landete nach einer erfolgreichen Abwehr Ludwigs der Angriff im Aus. Kurz danach schlug sie einen weiteren Angriff blockfrei ins Netz, und die Fehlerkette ging weiter. Wieder eine starke Abwehr von Ludwig - doch Lippmann berührte währenddessen beim Blocken das Netz. Ein ungenaues Zuspiel. Schließlich eine schlechte Annahme. 8:15, vorbei.

Blackout könnte man das nennen oder einen Rückschritt, Lippmann hatte das Gespür fürs Spiel verloren. "Heute haben wir es nicht an unser Top-Level geschafft", schrieb sie später auf Instagram - und dürfte damit vor allem sich selbst gemeint haben. Die 29-Jährige gilt nach wie vor als Novizin im Sand, wohin sie nach einer langen Hallenkarriere, in der sie fünfmal als Deutschlands Volleyballerin des Jahres ausgezeichnet wurde, im Sommer 2022 gewechselt ist. Seit einem knappen Jahr spielt sie mit Ludwig zusammen, die 37-jährige hat ihr ganzes Leben im Sand verbracht.

Hochleistungssport als Mutter kleiner Kinder: Das ist die Herausforderung

Dies ist die eine große Herausforderung des Projekts Olympia 2024: die Hallenspielerin Lippmann in eine Beachvolleyballerin zu verwandeln. Sie muss sich dafür auf einem völlig neuen Untergrund einen Baukasten an komplett anderen Techniken aneignen. In einer zehnteiligen Dokumentation, in der sie das ZDF auf ihrem Weg nach Paris begleitet, sagt sie: "Ich glaube, ich muss flexibler sein", es gebe "noch viele Denkmuster, die ich in der Halle hatte, wo es mir schwerfällt, sie loszulassen."

Die andere Herausforderung: Ludwig, die Mutter von zwei kleinen Kindern, wieder auf ihr höchstes Niveau zu bringen. Die Partie gegen Agatha und Rebecca war auch deshalb so besonders, weil Agatha, 40, erstens selbst inzwischen Mutter geworden ist. Zweitens standen sich Ludwig und die Brasilianerin in Rio im Finale gegenüber. Beide treibt auch der Ansporn, es den Jüngeren, die noch nicht an Windeln, Babybrei und die Kita denken müssen, noch einmal zu zeigen. Ludwigs großes Vorbild, die US-Beachvolleyballerin Kerri Walsh, hat nach 2004 und 2008 auch in London 2012 Olympiagold gewonnen - als Mutter zweier Kinder.

Wie schwer die Rückkehr nun für Ludwig ist, trotz ihrer herausragenden Schnelligkeit und Antizipation, das spürte sie nun auch in Mexiko. Bei einem Turnier, bei dem sie und Lippmann nach dem bislang größten Erfolg, der EM-Bronzemedaille im August, nun eigentlich die nächste Sprosse auf der Leiter nehmen wollten.

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