Es wimmelt geradezu an Herrschertiteln, bei diesen Olympischen Winterspielen. Allein in Livigno kann man einer ganzen Reihe von royalen Figuren begegnen: Der „Big-Air-Königin“ Anna Gasser aus Österreich, die ihre imaginäre Krone am Montag weiterreichte. Der chinesischen „Freestyle-Queen“ Eileen Gu mit ihren Freestyle-Skiern oder Chloe Kim, der „Herrscherin über die Halfpipe“ aus den USA, die sich Donnerstagabend allerdings überraschend der Südkoreanerin Choi Gaon geschlagen geben musste. Wie ein Tal der Königinnen und Könige wirkt der Wintersportort Livigno in diesem Jahr, und doch sticht ein Name immer wieder hervor, beim Geraune über die Besten ihrer Sportart: der von Mikael Kingsbury, dem kanadischen „King of Moguls“.
Gemäß seiner Verfassung hat Kanada bereits einen König als Staatsoberhaupt, von dem aus man aber auch Kingsbury’s Herrschaft erklären kann. Charles III. ist entweder „King of Canada“ oder „Roi du Canada“, je nachdem, wo man sich im zweisprachigen Land befindet. Und je nachdem, wo man sich in Kanada befindet, teilen sich auch die Wintersportarten auf: Im Westen, im vornehmlich englischsprachigen British Columbia oder in Alberta, wird in der Regel von hohen Bergen sehr schnell hinuntergefahren. Alpinisten sind dort zu Hause, Skifahrer wie Ken Read wuchsen in Alberta auf, der Anführer der „Crazy Canucks“ wurde einer der besten Alpin-Abfahrer in der Ski-Geschichte.
Im Osten des Landes aber, vor allem in Quebec, wo die Berge flacher, die Läufe kürzer und die Verhältnisse eisiger sind, ist weniger der Alpin-Sport beheimatet – sondern unter anderem die „Mogul-Skiers“, die Buckelpistenfahrer, die für ihren Sport weniger Platz brauchen und doch zu Legenden werden können. In Kanada ist Kingsbury auch über den französischsprachigen Teil des Landes hinaus bekannt, seinen Ehrentitel verdiente er sich mit 100 Weltcupsiegen, 15 Medaillen aus 16 Teilnahmen bei Freestyle-Weltmeisterschaften sowie zwei Silber- und einer Goldmedaille bei Olympischen Spielen. „Er ist die größte Inspiration für uns alle“, sagte der 24-jährige Kanadier Julien Viel am Donnerstag, der designierte Nachfolger des Nationalhelden. Wobei, noch ist es nicht so weit, noch hat Kingsbury nicht abgedankt. Ganz im Gegenteil: Weil in Kanada die olympischen Erfolge besonders zählen, stand er noch einmal besonders im Fokus, bei einem der akrobatischsten Bewerbe der Spiele in Livigno.

Etwas versteckt liegt die Piste hier, abseits der ganzen großen Schanzen und Parks für die anderen Königinnen und Könige schlängeln sich die Buckelpistenfahrer durch ihren Kurs aus knie-malträtierenden Hügeln, nur um zwischendurch wilde Sprünge in den Schnee zu setzen. „Es ist gar nicht so schlimm, solange man es richtig macht“, sagt Kingsbury über die Belastung für den Körper, die für die meisten Zuschauer der erste Gedanke ist. Im Detail aber geht es nicht nur um die fittesten Knie, sondern um eine Mischung aus Zeit, Fahrstil und Sprungqualität, die hier die Medaillen bringt. Oder auch: den Gleichstand.
Im finalen Lauf der besten acht Fahrer kam Kingsbury mit einem Ergebnis von 83,71 Punkten ins Ziel und übernahm die Führung. Kurz darauf jedoch folgte ihm der Australier Cooper Woods – mit seinem Laufergebnis von 83,71 Punkten. Ein Resultat, das „so gut wie nie“ vorkommt, sagte Kingsbury nachher, mit einer Silbermedaille um den Hals: Gold gewann Woods, aufgrund einer besseren Bewertung seines Fahrstils. Dass der Kanadier seinen größten Konkurrenten, den Japaner Ikuma Horishima, geschlagen hatte, ging im australischen Jubel unter.
„Es ist bittersüß heute“, sagte Kingsbury nachher: „Man kann der Goldmedaille gar nicht mehr näher kommen, ohne sie zu gewinnen.“ Seine vierte Medaille bei den vierten Spielen, an denen er teilnimmt, erarbeitete sich Kingsbury trotzdem, nach einer Verletzung im September, wegen der er erst spät in die Saison einsteigen konnte. Im Alter von 33 Jahren ist allein das schon eine Besonderheit, die Buckelpiste ist kein Ort für alte Athleten. Auch deshalb erklärte Kingsbury schon vorab, dass es seine finalen Olympischen Spiele sein würden: „In vier Jahren bin ich 37, das wäre ein bisschen zu alt für einen Buckelpistenfahrer.“
Dem König allerdings bleibt eine weitere Chance, doch noch eine weitere Goldmedaille zu holen. Zum ersten Mal finden bei Olympischen Spielen nicht nur Einzelbewerbe im Buckelpistenfahren statt, sondern auch ein Parallel-Wettbewerb. Die Männer sind am Sonntag dran, die Frauen bereits am Samstag. Und Kingsbury ließ sich auch von dem bittersüßen Resultat nicht den Mut nehmen: „Letztes Jahr habe ich die beiden hier geschlagen“, sagte er und blickte lachend in Richtung der Konkurrenten auf dem Podium: „Und es wird mein letztes Rennen bei den Olympischen Spielen. Ich kann’s kaum erwarten.“

