In dem Sonderheft, das der Deutsche Schützenbund (DSB) zu den Olympischen Spielen herausgebracht hat, gibt es zu jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer einen Infokasten mit ihren größten Erfolgen. Und einen zweiten mit allen Angaben über ihre Waffen.
Florian Peter, 24, der am Montagmorgen als letzter DSB-Schütze in einem Finale stand und letztlich um die Winzigkeit von zwei Treffern Bronze verpasste, schießt mit einer Schnellfeuerpistole der Marke Pardini RF, deren Knauf ein schwarzer Bundesadler und ein Paris-2024-Aufkleber zieren, und mit der Munition Lapua Center X. Christian Reitz, 37, der Olympiasieger von Rio 2016, der den Endkampf diesmal verpasst hatte, schießt ebenfalls mit Pardini, hatte aber, weil er auch in der Disziplin Luftpistole an den Start ging, auch noch Geschosse namens RWS R10 mitgebracht. Reitz gibt zudem gerne Einblick in seinen Werkzeugkasten: Der reicht „vom Schlagbolzen über Ausziehkralle, diverse Federn und Schrauben bis hin zu Ersatzverschluss (…), Splintentreiber, Hammer und eine entsprechende Unterlage, Zange, Feile, Sandpapier, unterschiedliche Inbusschlüssel und Schraubendreher“.
Das alles und noch viel mehr heiße Eisen – Luftgewehre, Schrotflinten, Bockdoppelflinten – hatten die deutschen Pistolen- und Gewehrschützen für die Spiele nicht nach Paris, sondern in das Städtchen Châteauroux in Zentralfrankreich verbracht, wo die Schießwettkämpfe stattfanden. Mit dem Zug braucht man zweieinhalb Stunden dorthin von der Gare d’Austerlitz. Das olympische Flair? Beschränkte sich auf zwei junge Breakdancer mit der Aufschrift „Animateur“ auf den T-Shirts, die auf dem Bahnhofsvorplatz für Stimmung sorgten.
Ursprünglich sollten die Wettkämpfe in einer Halle in Saint-Denis stattfinden, aus Kostengründen entschied sich das Organisationskomitee aber kurzfristig dafür, das bestehende Nationale Schießzentrum zu nutzen, das in Châteauroux auf einem ehemaligen Militärgelände alle nötigen Einrichtungen bereithält. Die deutschen Schützinnen und Schützen waren nicht begeistert, haben sich aber damit abgefunden. Zumal der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ihnen ein Angebot machte, das sie nun in voller Mannschaftsstärke annehmen werden: Für zwei Tage dürfen sie noch nach Paris und wenigstens ein bisschen Olympiastimmung schnuppern.
Das Problem? Ihre Gewehre und Pistolen, ihre Kugeln und Diabolo-Geschosse dürfen die Schützen nicht mit in die französische Hauptstadt bringen. Also fahren oder fliegen sie jetzt erst mal nach Hause, um alles ordnungsgemäß und sicher einzuschließen. Florian Peter zum Beispiel nach Obertshausen in Südhessen. Nele Wißmer, 27, und Sven Korte, 34, die sich am Montag im letzten Schießwettkampf dieser Spiele durch einen schwachen Start um eine Medaillenchance im Skeet-Mixed brachten und Sechste wurden, verpacken nun ihre Perazzi-Flinten und müssen heim nach Niedersachsen.
Der DOSB hat für seine Schützen zwei Hotelnächte und, so gewünscht, Tickets für die Abschlussfeier am Sonntag im Stade de France organisiert. Ins olympische Dorf dürfen sie nicht: Dort müssen alle Olympiaathleten immer schon kurz nach ihren Wettkämpfen wieder die Betten frei machen für andere. So sind die olympischen Regeln. Olympia ist eben immer auch mit Kompromissen und Enttäuschungen verbunden – für den Schützenbund etwa mit jener, dass zum zweiten Mal nach Tokio 2021 nur die Bogenschützen-Sparte eine Medaille mitnimmt von den Spielen.
Für Kathrin Murche, 24, Sportsoldatin aus Elsnig in Sachsen, Platz elf im Trap, war es die erste Olympiateilnahme, sie sagte: „Ich möchte meiner Familie auf jeden Fall noch schöne Souvenirs mitbringen“ aus Paris. Und Anna Janßen, 22, am ersten Wettkampftag zusammen mit Maximilian Ulbrich Vierte im Luftgewehr-Mixed, will sich noch ein kleines Croissant auf den Knöchel tätowieren lassen – das folgt gewissermaßen einer Tradition. Vor zwei Jahren bei einem Weltcup in Südkorea hatte eine Kollegin sie spontan zu einem Herz-Tattoo überredet, bei den European Games in Polen folgte das zweite. Und nun ziehen sie das gemeinsam weiter durch. Sich ein Croissant stechen lassen, das macht man vielleicht wirklich besser in Paris als in Châteauroux. Ist ja wirklich eine Waffe, so eine Tätowiermaschine.


