Längst hatte die Dämmerung eingesetzt, was immer ein bisschen schwermütig wirkt. Scheinwerfer beleuchteten den Rasen, das Spiel dauerte nur noch etwa vier Minuten, und sämtliche deutsche und niederländische Hockeyspielerinnen traten sich vor dem niederländischen Tor von Keeperin Anne Veenendaal im engen Schusskreis auf den Hockeyschuhen herum.
Das Team von Valentin Altenburg hatte noch mal alles nach vorn geworfen, doch es half nichts, die Gegnerinnen waren geschickter und abgebrühter. 2:1 für die Niederlande stand es, und dabei blieb es. Altenburgs Auswahl hatte ordentlich gespielt, war lange in Führung gelegen, aber nicht bis zum Schluss. Seine Spielerinnen hatten phasenweise großartig gespielt, aber phasenweise eben auch nicht. Am Ende blieb es nur ein spannendes, verlorenes Spiel. Oder wie der Bundestrainer sagte: „Ich weiß, dass es viele toll finden, dass wir die auch mal am Haken haben. Aber wir wollen die nicht am Haken haben. Wir wollen gewinnen.“ So wie die Männer des deutschen Verbandes, denen dies beim 5:1 gegen Südafrika tatsächlich gelungen war. Es war für die Mannschaft von Coach André Henning schon der zweite Sieg auf dem Weg ins olympische Viertelfinale.
Olympische Hockeyanlagen strahlen oft kein Flair aus. Die Tribünen sind meist aus geschraubtem Eisengestänge – man sieht ihnen an, dass sie bald wieder anderes stützen müssen. Diese Anlage im Westen von Paris aber ist massiv gebaut und war offenbar schon immer ein Hockeystadion. So auch in diesen Tagen, was man auch daran erkannte, dass sämtliche Tribünen orange schimmerten – die niederländischen Fans stellten eine Übermacht. Passend dazu beschien die untergehende Sonne die benachbarten Hochhäuser, während das Spiel träge dahinplätscherte – etwa bis Ende des ersten Viertels, ab dem es dann zur Sache ging.
Dem DHB-Team gelang es im zweiten Viertel, den sonst überlegenen Gegner zurückzudrängen. Mehrere kurze Ecken hatten sie herausgeholt, und auch wenn diese daneben landeten, so erzeugte der Offensivdrang weitere Überlegenheit. Denn auch im dritten Viertel hielt Altenburgs Team mit – in einem immer spannenderen Olympiaspiel, in dem auch eine Überraschung möglich wurde. Denn in Durchgang drei bekam Charlotte Stapenhorst den Ball zugespielt, drehte sich in Schussposition – es hieß 1:0.
Indes, auch der Hockeysport hat seine wiederkehrenden Verläufe. So wie im Fußball Real Madrid sich die Spiele oft noch zurechtbiegt, so ist auch das Ensemble der niederländischen Hockeyspielerinnen gefühlt immer am Ende Sieger, sagte später die deutsche Kapitänin Nike Lorenz. Es war diese Entwicklung im Kopf, die aus einem sehr guten Ensemble ein unschlagbares macht. Auch jetzt, so hat es Lorenz bestätigt, sei es abermals so gekommen.
Torhüterin Nathalie Kubalski spricht erstaunlich offen über die entscheidende Szene
1:0 stand es also noch, die Dämmerung war bereits fortgeschritten, und Altenburgs Team, so meinte man, hatte äußerlich alles im Griff. Dann aber zog die Phase von Team Oranje herauf. Immer mehr Druck entfachten sie, bis alles von selbst zu gelingen schien. Die Deutschen kämpften, bis sie zwangsläufig ihren schnellen und überlegenen Vorwärtsstil nicht länger durchziehen konnten. 1:1 – das wäre immer noch ein großartiges Ergebnis gewesen, jedoch, das Spiel war bereits gekippt. Und das bedeutete, dass es dann auch ganz kippte.
Eine der niedergeschlagensten Spielerinnen des Abends war Torhüterin Nathalie Kubalski, die später noch vor den Reportern ihren Lapsus bekannte, der zum Gegentor führte – obwohl dies nur absolute Hockeyexperten mit gutem Auge erkannt hätten. Doch Kubalski hatte den Drang, dies zu klären, was womöglich eine Art Verarbeitung war. Bei der Torszene habe sie sich von der Torschützin narren lassen. Diese hatte mit halb versteckten Gesten zuvor fingiert, ihren Schläger so gegriffen zu haben, dass sie nur noch in eine Richtung schießen könne. Worauf sich Kubalski ins vermeintlich richtige Eck warf. Im nächsten Moment musste sie erkennen, dass sie ausgetrickst worden war – 1:2.
Aber auf ihre Art, eine Art Beichte, hat sie diese persönliche Niederlage vielleicht auch hinter sich gelassen – und kann sich nun dem nächsten Gegner zuwenden.


