SlalomkanuTriumph des Träumers im Kanal

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Frankreichs Slalomkönig: Nicolas Gestin fährt vor großer Kulisse in Vaires-sur-Marne zur Goldmedaille.
Frankreichs Slalomkönig: Nicolas Gestin fährt vor großer Kulisse in Vaires-sur-Marne zur Goldmedaille. (Foto: Olivier Morin/AFP)

Nicolas Gestin fährt spektakulär zur Goldmedaille im Kanuslalom, der 24-Jährige ist Frankreichs große Hoffnung für die Zukunft – und beweist schon jetzt, dass er leicht mit großen Erwartungen umgehen kann.

Von Saskia Aleythe, Vaires-sur-Marne

Den Weg nach Vaires-sur-Marne kennt Nicolas Gestin wie kaum ein Zweiter. Gerade einmal 13 000 Einwohner zählt die Gemeinde im Osten von Paris, seit 2019 ist der Kanuslalomkanal hier das Zuhause von Gestin. Er hat ihn bei Regen gesehen und bei Sonnenschein, morgens, mittags, abends. Aber mit so etwas bisher nicht: mit dieser riesigen Tribüne, auf der 18 000 Zuschauer dieser Tage die Athleten den Parcours runterbrüllen, als würden die Sekunden dann langsamer verstreichen. „Das ist besser als in meinen Träumen“, sagte Gestin am späten Montagnachmittag, und damit meinte er auch: dieses Gefühl, tatsächlich Olympiasieger geworden zu sein.

Als Gestin alle Wellen und Walzen bezwungen und die 23 Tore mit seinem Canadier passiert hatte, leuchtete eine fast unwirkliche Zeit auf der Tafel auf: Mit einem Vorsprung von 5,48 Sekunden auf den Silbergewinner Adam Burgess aus Großbritannien war Gestin den Kanal heruntergerast, da raunten im Publikum nicht nur die Franzosen. „Das war das beste Rennen meines Lebens“, sagte Gestin. Und dass er erst 24 Jahre alt ist, verstehen die Franzosen durchaus als ein weiteres Versprechen für die Zukunft. Er ist nach Tony Estanguet und Denis Gargaud Chanut der dritte Olympiasieger Frankreichs im Kanuslalom.

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Die Franzosen haben eine lange und erfolgreiche Tradition in diesem Sport: Estanguet, dreimaliger Olympiasieger, dreimaliger Welt- und Europameister ist auch der Mann, der diese Spiele gestaltete. Der Fahnenträger von 2008 in Peking ist Chef des Pariser Organisationskomitees und auch ein Grund, warum Gestin nun hier stand. „Ich habe Tonys Olympische Spiele damals im Fernsehen gesehen, es hat mich zum Träumen gebracht. Er ist jemand, der mich sehr inspiriert hat und der in mir den Wunsch geweckt hat, aufs Wasser zu gehen“, sagte Gestin vor seinem Goldrennen. Die Spiele 2021 in Tokio hatte er noch verpasst, er wechselte danach den Trainer und machte große Fortschritte. Im vergangenen Jahr gewann Gestin seine ersten WM-Medaillen bei den Erwachsenen, schon im Juniorenbereich stand er immer wieder auf dem Treppchen.

Die Art, wie Gestin mit den Erwartungen und Eindrücken hier in Vaires-sur-Marne umgeht, ist dabei fast genauso beeindruckend wie seine Vorstellung auf dem Wasser. So viele Zuschauer und der Lärm, der von ihnen ausgeht, können einem Athleten ja alle Kraft rauben, aber ihm machte das wenig aus. „Du kannst dich nicht darauf vorbereiten, was du fühlen wirst“, sagte Gestin zwar, aber auch das: „Ich war mir meiner Stärke bewusst.“ Am Morgen hatte er ein Interview mit einem seiner Fans gelesen, „ich wollte nicht, dass sie alle umsonst gekommen sind“, sagte er und lachte. Die Atmosphäre nun fand er unglaublich. Und dann animierte Gestin das Publikum nach seinem Erfolg noch dazu, noch mehr zu feiern als sie es ohnehin schon taten.

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Als er dann gemeinsam mit den Zuschauern die Nationalhymne sang, stand Sideris Tasiadis im deutschen Trikot abseits der Siegerehrung: Für den Augsburger sprang ein vierter Platz heraus, er landete knapp hinter Matej Benus aus der Slowakei. Nach Rang elf am Vortag für Ricarda Funk ging Cheftrainer Klaus Pohlen dann auch nicht zimperlich mit dem Ergebnis um. „Natürlich ist es wieder komplett enttäuschend“, sagte er, „zumal die Halbfinalzeit für eine Medaille gereicht hätte.“ In Tokio war Funk noch zu Gold gefahren, Tasiadis hatte Bronze gewonnen. Nun steht das deutsche Kanuslalom-Team entgegen den eigenen Erwartungen nach zwei Rennen ohne Medaille da.

Tasiadis selber fand es „ein bisschen schade“, dass er an den Medaillen vorbeigefahren war. Vor dem achten Tor wurde er vom Wasser weit nach unten gedrückt, der 34-Jährige musste mit aller Kraft zurückpaddeln, um das Tor noch zu erwischen. Er machte später wieder Zeit gut, aber eben nicht genug für eine Medaille. Trotzdem haderte Tasiadis nicht lange mit seinem Ergebnis. „Wenn ich Rio mit Platz fünf nehme und sage, das war meine schlechteste Platzierung, dann ist Platz vier bei den vierten Spielen schon stark“, sagte er am Rande der Strecke. 2012 in London hatte er Silber gewonnen. Dass er im Januar Vater werden wird, sagte Tasiadis noch, sei für ihn aber „auch eine Goldmedaille“.

Und dann strömten die Zuschauer so wie sie gekommen waren wieder weg von Vaires-sur-Marne, in Richtung Paris, zu all den anderen sportlichen Wettkämpfen dieser Spiele. Was sich nun mit dem Olympiasieg für ihn ändern würde, wurde Nicolas Gestin noch gefragt. „Das wüsste ich gerne“, sagte er, „ich hoffe nicht, dass der Sieg mich verändert, denn ich bin sehr glücklich und möchte einfach so weitermachen“. Und überhaupt: Das Bootfahren werde ihm nie langweilig werden. Für die Konkurrenz sind das nicht so gute Nachrichten.

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