Erst verloren die deutschen Hockeymänner Gold, dann Olympiasieger Niederlande die Nerven. Nach dem Sieg im Penaltyschießen verhöhnte Torschütze Duco Telgenkamp den deutschen Torwart Jean-Paul Danneberg mit seinem über den Mund gelegten Zeigefinger, Niklas Wellen geriet in eine Rangelei mit mehreren Niederländern, es kam zu heftigen Wortgefechten. Danneberg hatte vor dem Finale der Erzrivalen gesagt: „Wir gehen da mit einer richtig breiten Brust rein, denn ich glaube, die Holländer haben richtig Angst vor uns.“
Letztlich feierten die Niederländer vor den Augen von Bundeskanzler Olaf Scholz im Stade Yves-du-Manoir in Colombes nordwestlich von Paris das 3:1 (1:1, 0:0) im Penaltyschießen gegen die deutschen Weltmeister. Zwölf Jahre nach dem bislang letzten Olympiasieg des Teams in London war die Auswahl des Deutschen Hockey-Bunds angetreten, um in Frankreich wieder zu triumphieren. Nachdem die Enttäuschung nach Platz vier vor drei Jahren bei den Sommerspielen in Tokio groß war, gab es nun das erste Edelmetall seit 2016.

Im Stade Yves-du-Manoir brachte Thierry Brinkman (46. Minute) die Niederlande in Führung, Thies Prinz (50.) traf kurz darauf zum Ausgleich. Im Penaltyschießen sorgten Kapitän Brinkman, Thijs van Dam und Duco Telgenkamp für die Entscheidung zugunsten von Oranje. Nur Justus Weigand traf für Deutschland.
Das insgesamt achte Olympiafinale für eine deutsche Männermannschaft begann verhalten. Erst nach zehn Minuten kam Deutschland durch eine scharfe Hereingabe von Christopher Rühr erstmals gefährlich vor das Tor, konnte daraus aber nichts kreieren. Auch die Niederländer schafften es im ersten Viertel nicht, sich gute Chancen zu erarbeiten. Stattdessen ging es zunächst darum, kompakt und sicher zu stehen. Das war der DHB-Auswahl auf dem Weg ins Finale oft gelungen.
Bundeskanzler Scholz trifft zum zweiten Viertel ein
Die DHB-Auswahl hatte sich mit vier Siegen aus fünf Gruppenspielen als Erster für die K.-o.-Runde qualifiziert und dabei nur wenige Gegentore zugelassen. Bei den Siegen gegen Argentinien im Viertelfinale und Indien in der Vorschlussrunde (jeweils 3:2) wurde es teilweise dramatisch. Die Niederländer hatten im Halbfinale gegen Spanien (4:0) zwar weniger Mühe, mussten sich dafür aber Deutschland schon in der Vorrunde 0:1 geschlagen geben.
Zu Beginn des zweiten Viertels nahm dann Scholz auf Höhe der Mittellinie Platz. Der SPD-Politiker machte seinen ersten Zwischenstopp bei den Spielen in Paris beim Hockey und wurde auf der Tribüne unter den Ehrengästen von seinen Leibwächtern geschützt. Der Bundeskanzler sah, wie sich die Niederländer immer mehr Ballbesitz erarbeiteten, Deutschland aber die erste Strafecke bekam. Diese führten genau wie alle anderen Bemühungen zur Pause zu keinem Tor.
Auch die zweite Halbzeit begann zögerlich. Tausende niederländische Fans auf den Tribünen trieben den EM-Gewinner des Vorjahres mit „Holland“-Rufen an – kurz nach Start des Schlussviertels durften sie jubeln. Eine kleine Unachtsamkeit in der Verteidigung nutzte Brinkman zum 1:0, den zweiten Treffer kurz darauf verhinderte Keeper Jean-Paul Danneberg mit einer Glanztat. Fast im Gegenzug traf Prinz nach einer Strafecke mit einem satten Schuss zum Ausgleich – dann begann die denkwürdige Schlussphase samt Rudelbildung.
Hinterher bereute Telgenkamp seine Aktion „Ich hätte das nicht machen sollen, es waren die Emotionen“, sagte der 22-Jährige. „Es war nicht so klug von mir, dass ich noch mal zum Torwart gehe. Ich meine, wir haben gewonnen und dann sollte ich mich nicht so gehen lassen.“
Kritik an dem Verhalten gab es auch vom niederländischen Nationaltrainer Jeroen Delmee. „Emotionen sind Teil des Spiels, aber er muss sich noch an ein paar Regeln des internationalen Hockeys gewöhnen, er ist noch sehr jung“, sagte Delmee: „Man sollte niemals einen anderen Spielern anfassen, da sind leider die Emotionen mit ihm durchgegangen.“
Auch Danneberg verurteilte Telgenkamps Aktion. „Anscheinend sind bei dem ziemlich viele Sicherungen durchgebrannt. Mein großes Beileid für so eine Unsportlichkeit“, sagte der 21-Jährige: „Die Fans haben ihn ausgebuht, als er die Medaille bekommen hat. Eine größere Schande gibt es gar nicht.“

