Fahnenträgerin bei Olympia:Pechstein ist die falsche Wahl

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Fahnenträgerin bei Olympia: Als Fahnenträgerin die falsche Wahl: Claudia Pechstein beim Training in Peking.

Als Fahnenträgerin die falsche Wahl: Claudia Pechstein beim Training in Peking.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Fahnenträger bei Olympischen Spielen sollen eine Vorbildfunktion haben. Deswegen ist es unverständlich, weshalb nun die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein die deutsche Mannschaft anführt.

Kommentar von Johannes Aumüller

Claudia Pechstein hat es also geschafft. Wenn am Freitag im "Vogelnest" von Peking die Eröffnungsfeier der Winterspiele steigt, werden die Eisschnellläuferin und der Bobfahrer Francesco Friedrich die deutsche Fahne ins Stadion tragen. Wie viel Genugtuung ihr das verschafft, verrät allein der Satz, den sie nach der Wahl äußerte: "Das ist für mich mehr wert als alle meine olympischen Medaillen" - von denen gewann sie in ihrer Karriere immerhin neun.

Man kann es insbesondere in den Tagen von Peking natürlich für nachrangig halten, wer bei der Auftaktzeremonie eine Flagge ins Stadion trägt. Zugleich steckt in dieser Personalie doch viel Symbolik. Hinter den Fahnenträgern versammelt sich im Wortsinne die Mannschaft; sie sind so etwas wie die ersten Gesichter der Reisegruppe, die in den nächsten zwei Wochen für Schwarz-Rot-Gold antritt. Da ist es dann doch befremdlich, wenn nach einer Vorauswahl des Deutschen Olympischen Sportbundes und einer Abstimmung von Öffentlichkeit und deutschem Team nun just Claudia Pechstein voranmarschiert.

Fahnenträgerin bei Olympia: Das waren noch unbeschwertere Spiele: Das deutsche Team mit Fahnenträger Eric Frenzel läuft 2018 bei der Eröffnungsfeier in das Olympiastadion von Pyeongchang.

Das waren noch unbeschwertere Spiele: Das deutsche Team mit Fahnenträger Eric Frenzel läuft 2018 bei der Eröffnungsfeier in das Olympiastadion von Pyeongchang.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Denn laut DOSB gehört zu den Anforderungen nicht nur eine möglichst erfolgreiche sportliche Vergangenheit, die bei Pechstein mit fünf Olympiasiegen und bald acht olympischen Teilnahmen überwältigender ist als bei jedem anderen deutschen Wintersportler. Der Fahnenträger soll auch mit seiner "Persönlichkeit und Haltung einen fairen und manipulationsfreien Leistungssport verkörpern", wie der Dachverband unter der Rubrik "Vorbildfunktion" notiert. Und da ist Pechstein mitnichten eine geeignete Person.

Man muss gar nicht in die Vergangenheit reisen, um die Wahl unverständlich zu finden

Von 2009 bis 2011 war sie wegen auffälliger Blutwerte gesperrt - auch wenn sie stets beteuerte, nie gedopt zu haben. Der Kampf gegen die angeblich ungerechtfertigte Sanktion ist Pechsteins Lebensthema. Und wie sie und ihr Lebensgefährte Matthias Große, der seit rund zwei Jahren den deutschen Eisschnelllauf-Verband anführt, dabei mit kritischen Beobachtern umgingen, läuft der gewünschten "Vorbildfunktion" erst recht zuwider. Im deutschen Eisschnelllauf haben sich Pechstein und ihr Anhang, vorsichtig ausgedrückt, auch nicht nur Freunde gemacht.

Man muss aber gar nicht in die Vergangenheit reisen, um die Wahl unverständlich zu finden. Man kann auch in der Gegenwart bleiben - und bei ihren Aussagen nach der Wahl. "Das ist Emotion pur, das ist Motivation pur", sagte Pechstein da.

Es ist schon erstaunlich, wenn einem rund um die Eröffnungsfeier dieser Peking-Spiele solche Begriffe einfallen. Es wird ja auch just der Moment sein, in dem Chinas Propagandamaschine so richtig loslegen kann. Wenn die Nationen einmarschieren, mit Fahnenträgern und einem Tross, der eifrig winkt und lacht und Fähnchen schwenkt, vorbei an der Ehrentribüne mit Xi Jinping, Thomas Bach und weiteren hochrangigen Mitgliedern der internationalen Autokratenschaft - dann kann die Diktatur das Signal versenden: Seht her, die Welt ist zu Gast bei uns, alles ganz normal.

Niemand verlangt von den Athleten während der Spiele große Protestaktionen. Aber so ein paar kleine Hinweise, dass in Peking eben nicht alles normal ist, die dürfen sie schon wagen. Es wäre zumindest ein interessantes Szenario gewesen, hätte sich schlicht kein einziger deutscher Athlet gefunden, der bei dieser Diktatorenverneigung die Fahne tragen möchte.

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