Deutsche Hockeymänner bei Olympia:Revanche für Rio

Hockey - Men - Quarterfinal - Germany v Argentina

Im Halbfinale und damit nur ein Spiel von einer Medaille entfernt: die deutschen Hockey-Männer.

(Foto: Corinna Kern/Reuters)

Vor fünf Jahren warf Argentinien Deutschland aus dem Olympiaturnier. Nun zeigen die deutschen Hockeymänner eine taktische Meisterleistung - und stehen nach dem 3:1-Sieg im Halbfinale.

Von Jürgen Schmieder

Und dann streichelte Tobias Hauke zärtlich die Schulter von Schiedsrichter Jakub Mijzlik. Der Kapitän der deutschen Hockey-Männer, seit diesen Olympischen Spielen auch Rekord-Nationalspieler, bemühte sich redlich, aufrichtig betroffen und verständnisvoll zu blicken, jedoch konnte er sich ein Lausbubengrinsen nicht verkneifen - denn er wusste in diesem Moment: Haben wir euch!

Und genau so war es: Sie führten gegen die giftigen und galligen Argentinier zwar lediglich mit einem Treffer, als Mijzlik die Kapitäne beider Teams zu mehr Gelassenheit mahnte; doch Hauke grinste nicht wie einer, der gewinnen würde. Er grinste wie einer, der wusste, dass er gewonnen hatte. Kurz darauf stand es nach Tor nach zauberhafter Strafecken-Variante und einem 160-km/h-Laserstrahl-Schuss von Lukas Windfeder 3:0.

Am Ende gewannen die Deutschen dieses Viertelfinale mit 3:1, im Halbfinale treffen sie auf Australien, das die Niederländer aus dem Turnier warf. "Überschrift ist heute: 'Wir haben den kühlen Kopf bewahrt.' Argentinien hat eine bekannt hitzige Spielweise, gegen die du bei aller Emotion, die man ja selbst auf dem Platz benötigt, die Kontrolle behalten musst", sagte Bundestrainer Kais al Saadi danach: "Natürlich hätten wir gern mehr Spektakel geboten, aber mir als Trainer war diese sehr erwachsene, kontrollierte Leistung der Jungs lieber."

Im Rückstand werden die Argentinier fahrig und unstrukturiert, die Akteure motzen und foulen

Es war ein Spiel, bei dem von vornherein klar war, dass es zu einer taktischen Schachpartie in mehreren Dimensionen wachsen könnte. Die Argentinier sind bekannt dafür, ihre Gegner mit einer strukturierten Defensive zu frustrieren, und sie dann mit präzisen Kontern in die Verzweiflung zu treiben - wie im Halbfinale bei Olympia 2016, das sie 5:2 gegen Deutschland gewannen, woraufhin sie Olympiasieger wurden. Was Sportler, die eine strukturierte Spielweise bevorzugen, überhaupt nicht mögen: wenn der Gegner unvorhersehbar spielt, und genau das probierte al Saadi. Er ließ seine Mannschaft variieren zwischen Pressing und Rückzug, zwischen Spieleröffnung über die Flügel und harten Pässen durch die Mitte; und im zweiten Viertel, da probierte Stürmer Niklas Wellen plötzlich ein Dribbling - Strafecke.

Das sind die entscheidenden Momente einer engen Partie, in dem es nicht besonders viele Torchancen geben würde, und Windfeder prügelte das Spielgerät in die linke untere Ecke. 1:0, diese ohnehin hochtaktische Partie bekam nun eine weitere Dimension. Nun musste Argentinien das Spiel machen, das taten sie auch und erspielten sich einige gute Gelegenheiten mit harten Pässen in den Strafkreis.

Bei einem entschieden die Schiedsrichter auf Strafecke - und es zeigte sich, wie sie in dieser Sportart mit umstrittenen Entscheidungen umgehen. Es gab kurz vor der Halbzeit einen Pfiff, weil ein deutscher Spieler den Ball im Strafkreis mit dem Fuß gespielt haben soll. Einspruch der Deutschen, der Schiedsrichter auf dem Feld erklärte per Mikrofon, was er gesehen hatte, und nur ein paar Sekunden später bekam er mitgeteilt - auch das ist für die Zuschauer zu hören -, dass der Ball zuerst den Fuß eines Argentiniers touchiert hatte. Natürlich ist auch dieses Vorgehen nicht unfehlbar (im Zweifel bleibt die Entscheidung der Unparteiischen auf dem Platz bestehen, auch wenn die Zuschauer sehen, dass es keinen Zweifel geben dürfte), was es aber ist: transparent, verständlich, schnell. Mögen Verantwortliche der Disziplinen Fußball und Basketball ganz genau hinsehen, wie das gehen kann mit dem Videobeweis.

In der zweiten Halbzeit sah man, was ebenfalls bekannt war über diese argentinische Mannschaft. In Rückstand wird sie fahrig und unstrukturiert, die Akteure motzen und foulen - und dann motzen sie über jeden einzelnen Pfiff der Unparteiischen. Das führte zu diesem Moment der beiden Kapitäne mit Referee Mijzlik, in dem Hauke wusste, dass dieser Spielverlauf den Argentiniern aber so was von auf die Nerven geht und sie nicht mehr wissen, wie sie diese Partie noch drehen sollten - und umgekehrt die Deutschen nun wussten, dass sie die Partie im Griff hatten.

Kurz darauf gab es eine Strafecke, deren Verlauf sich die Freunde dieser Sportart als Diagramm ins Wohnzimmer hängen sollten - hier nur die Nachnamen der Stationen: Müller, Hauke, Rühr, zurück zu Hauke, Herzbruch, Tor.

"Nach der Pause wurde die Brust immer breiter", sagte Kapitän Hauke

Nun änderte sich die Taktik nochmals, weil Argentinien noch wütender angriff und Deutschland kontern konnte. Das führte zu einem Pfostenschuss im dritten Viertel und zu dieser Strafecke im Schlussabschnitt, die Windfeder in die rechte untere Ecke donnerte. "Es war, wie wir erwartet hatten", sagte Abwehrspieler Martin Häner über diese taktische Glanzleistung von Trainer al Saadi, die er und seine Kollegen formidabel umsetzten: "Die wollten nichts für den eigenen Aufbau tun, sondern mit harten Bällen in den Kreis Ecken ziehen. Das haben wir verhindert und stattdessen unsere eigenen Ecken genutzt." So einfach klingt manchmal, was in Wirklichkeit höchst kompliziert ist.

Und Hauke? Der sprach von bitteren Niederlagen in der Vergangenheit (er war beim 2:5 vor fünf Jahren dabei), über sichere Defensive und Nadelstiche im Angriff. Und dann sagte er: "Nach der Pause konnte man sehen, wie unsere Brust immer breiter wurde." Ja, konnte man, vor allem in diesem Moment, als er nach der Begegnung mit dem Schiedsrichter wusste: Haben wir euch!

© SZ/schm/lib
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