Olympia 2016:Das letzte Bündnis der Dinosaurier

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Rio de Janeiro und Madrid wollen einander im Ringen um die Olympischen Spiele 2016 unterstützen, Chicago hofft auf Missionar Obama.

Thomas Kistner

Stündlich wächst die Aufregung in Kopenhagen, Journalisten, Fotografen, sogar Berater wollen am Freitag früh morgens auf den Beinen sein, um die Air Force One zu sehen, die Maschine des US-Präsidenten, wie sie von Abfangjägern begleitet auf Dänemarks brave Metropole zuschwebt. Vorgezogene Weckzeiten soll Barack Obamas spät verkündete Anreise auch den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bescheren. Weil vom Flughafen bis zur Innenstadt Absperrungen und sonstige fallspezifische Vorkehrungen getroffen werden müssen, soll das olympische Wahlvolk schon um sieben Uhr im Bella-Center aufkreuzen.

Olympia 2016: Dank Barack Obama soll die Kandidatur von Chicago noch erfolgreich verlaufen.

Dank Barack Obama soll die Kandidatur von Chicago noch erfolgreich verlaufen.

(Foto: Foto: AFP)

Obama ist in aller Munde am Ort, an dem am Freitag die Sommerspiele 2016 vergeben werden; im Ring stehen neben Chicago noch Tokio, Madrid und Rio de Janeiro. Schlagartig hat sich diese Olympia-Session in einen Obama-Konvent verwandelt, die kurzfristige Zusage des Präsidenten nach der "definitiven" Absage vor wenigen Wochen sorgte für Alarmstufe Rot und hektische Betriebsamkeit im Kongress-Ort.

Was die Bedeutung der für ihre ausgeprägte Ehrpusseligkeit bekannten IOC-Mitglieder spürbar schmälert in einem kleinen, doch entscheidenden Zeitfenster. Deshalb bleibt abzuwarten, ob der überfallartige Besuch des politischen Schwergewichts Obama im olympischen Porzellanladen wirklich hilfreich sein wird für die Bewerber aus Chicago, der Heimatstadt des Präsidenten.

Die bessere Hälfte arbeitet bereits in Kopenhagen. Am Mittwoch begann First Lady Michelle ihre Last-Minute-Mission. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen, Talkmasterin Oprah Winfrey und Präsidentenberaterin Valerie Jarrett, will sie noch die komplette Hundertschaft IOC-Mitglieder von den Vorzügen des amerikanischen Olympia-Kandidaten überzeugen. Das wird schon aus Termingründen nicht einfach, womöglich werden Gruppensitzungen erforderlich.

Chicago ist in aller Munde, das jedenfalls haben die Bewerber geschafft. In der öffentlichen Wahrnehmung, der veröffentlichten Meinung und den internen Stimmungsbildern hält da nur eine Stadt mühelos mit: Rio de Janeiro. Der Rivale aus dem südlichen Subkontinent ist nicht nur mit derselben günstigen Fernseh-Zeitzone gesegnet, sondern mit dem einzig wirklich verlockenden sportpolitischen Argument unter allen Bewerbern: Spiele in Rio wären historisch. Sie würden Olympia auf die Landkarte Südamerikas setzen. Rund um diese Stärke zogen Rios Werber ihre Strategie auf.

Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva hat mit Rios Bürgermeister Eduardo Paes und Gouverneur Sergio Cabral in den vergangenen Monaten die Erde umrundet. In den letzten Wochen vor der Kür ließ sich selbst IOC-Chef Jacques Rogge, für seine strikte Neutralität sonst gefürchtet, zu ein paar unverhohlenen Komplimenten hinreißen. Spiele in Rio de Janeiro würden ein wunderbares Panorama bieten, sagte der Präsident, der in Kopenhagen für weitere vier Jahre im Amt bestätigt wird; was er in solchem Kontext gar nicht auszusprechen brauchte, war der Hinweis auf die vergleichsweise unspektakulären Skylines, die Madrid, Chicago und das endlose Hochhäusermeer von Tokio zu bieten haben.

Auf der nächsten Seite: Was IOC-Chef Rogge über die vermeintliche Abmachung zweier Kandidatenstädte denkt.

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