Olympia 2010: Skispringen:Versöhnlicher Abschluss

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Nichts liegen gelassen: Den deutschen Skispringern gelingt nach durchwachsenen Leistungen im Einzel im Mannschaftswettbewerb der zweite Platz.

Thomas Hahn, Vancouver

Michael Uhrmann schaute sich um, als er gelandet war. Als wolle er sichergehen, dass er nichts liegen gelassen hatte bei seinem Sprung auf 140 Meter von der Großschanze im Callaghan Valley. Er war der letzte Deutsche gewesen im Mannschaftsspringen der Olympischen Spiele von Vancouver, er trug somit die Verantwortung für den Erfolg, der greifbar nahe zu sein schien. Eine Medaille im Team-Wettbewerb zu erringen war von Anfang an das Ziel der Auswahl von Bundestrainer Werner Schuster gewesen, alle ihre Kräfte hatten sie auf diesen Wettkampf ausgerichtet.

Die deutschen Skispringer schaffen die Silbermedaille. (Foto: Foto: dpa)

Und nun entschied Uhrmanns Leistung darüber, ob ihnen dieser zweite Platz bleiben würde, den die Sprünge Michael Neumayers, Andreas Wanks und Martin Schmitts vor dem letzten Durchgang gebracht hatten. Uhrmann wartete mit den anderen. Norwegens Anders Jacobsen war zuvor 140,5 Meter gesprungen. Es sah gut aus. Dann erschienen die Zahlen zur Uhrmanns Sprung. Uhrmann hatte nichts liegen gelassen. Er sagte: "Ich habe mich nicht aus der Ruhe bringen lassen." Wenig später standen die deutschen Skispringer als Silber-Gewinner hinter Österreich und vor Norwegen auf dem Podest.

Simon Ammann, der doppelte Doppel-Olympiasieger aus der Schweiz, bedauert es sehr, dass sein Verband derzeit neben ihm und Andreas Küttel keine konkurrenzfähigen Springer aufbieten kann. "Dass man noch eine Medaille erringen kann bei einem Großanlass, das wird wahrscheinlich immer ein Traum bleiben", sagt er, "und das sind die ganz großen Momente für eine Mannschaft, die wir wahrscheinlich nie erleben werden."

Für den Team-Wettkampf von Vancouver brachten die Schweizer nicht einmal ein Quartett zusammen, was wiederum der Rest des Feldes überhaupt nicht bedauerte. Nicht, weil ihnen die Schweizer unsympathisch wären. Sondern weil somit auch Ammann nicht mitspringen konnte, der in seiner aktuellen Goldform der Jury im Einzelspringen von der Großschanze am Samstag einen so kurzen Anlauf aufgezwungen hatte, dass viele im Feld an der langsamen Anfahrt scheiterten. Zum Beispiel die Deutschen Schmitt, Uhrmann und Wank, die bei ungünstigem Wind auf tiefe Mittelfeldplätze zurückgefallen waren.

Der Startbalken lag also höher. Auf Luke 18, 17 bzw. 16. Beim zweiten Ammann-Triumph von Whistler hatten sich die Springer im Finale von Luke elf in die Spur gedrückt. Und schon ging es weit für die Deutschen. Schon in der Probe gehörten sie zu den Besten, und auch als es ernst wurde, überzeugten sie. Startspringer Michael Neumayer platzierte zum Auftakt einen sehenswerten Satz von 137 Metern in den Hang. Er ballte die Faust, er sagte: "Traumstart." Andreas Wank sprang 128,5 Meter, Martin Schmitt 128, Michael Uhrmann 135 Meter. Gesamtrang zwei zur Pause.

Das Quartett wirkte ausgeglichener im Vergleich zu Norwegen und Finnland, ihren Hauptkonkurrenten um den besten Platz hinter den unanfechtbaren Österreichern um den zweimaligen Olympiadritten Gregor Schlierenzauer, der am Ende mit Tagesbestweite von 146,5 Metern den Sieg Österreichs absicherte. Vor allem die Finnen hatten Probleme, nachdem ihnen ihre beste Kraft abhanden gekommen war: Janne Ahonen war in der Probe zum Einzelspringen gestürzt und sagte für die Mannschaft wegen Knieschmerzen ab.

Es war eine Entscheidung mit gewissen Dimensionen. Ahonen, 32, der seine Karriere auch wegen der Spiele wieder aufgenommen hatte, wird das Olympia-Gold nicht mehr bekommen, das ihm in seiner Titelsammlung noch fehlt. Und mit Kalle Keituri statt dem alten Meister fehlten den Finnen im Medaillenkampf entscheidende Meter.

Aber die Gegner wehrten sich im zweiten Durchgang, und bei den Deutschen brach einer aus der Serie verlässlicher Sprünge. Martin Schmitt, der aktuelle WM-Zweite und frühere Weltmeister, schien schon die Tage zuvor eine kleine Privatfehde auszufechten mit dem großen Bakken von Whistler. Und nachdem Neumayer (136,5) und vor allem der starke junge Wank (139) die ersten Angriffe der Konkurrenz abgewehrt hatten, hatte Schmitt bei seinem Versuch schon nach 122 Metern Schnee unter den Ski. "Ein bisschen verdreht rausgekommen" sei er, sagte Schmitt, möglicherweise weil er wieder zu viel Ehrgeiz in den Sprung gelegt hatte. Die Deutschen waren weiter Zweite, aber der Vorsprung war knapp.

Schmitt überließ Uhrmann, mit dem er schon 2002 Team-Olympiasieger geworden war, die Verantwortung für den gelungenen Ausgang der olympischen Mission. Und dass Michael Uhrmann dem Druck dieser Aufgabe standhielt, machte ihn zum Vater eines besonders wertvollen Erfolges.

© SZ vom 23.2.2010 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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