Olympia:13 Meter fehlen den Skispringern zu Gold

Von Saskia Aleythe, Pyeongchang

Als Stephan Leyhe dann in die Mixed Zone kam, zweieinhalb Stunden nach seinem ersten Sprung an diesem Abend in Pyeongchang, war er noch immer hellwach. 23.57 Uhr Ortszeit, in der Ferne schrien vier norwegische Skispringer ihre Freude über Olympiagold in den Himmel. Wie er dieses Teamspringen empfunden habe, wurde Leyhe gefragt, und der 26-Jährige sagte: "Aufregend."

Aufregend, weil die deutschen Skispringer dann ja erst noch warten mussten, welche Medaille sie sich ersprungen hatten. Norwegen lag im zweiten Durchgang schnell uneinholbar vorne, doch die Deutschen kämpften um die Silbermedaille. Wellinger, Olympiasieger von der Normalschanze, sprang auf 134,5 Meter, danach kam Kamil Stoch, Olympiasieger von der Großschanze.

"Kamil Stoch ist auch nur ein Mensch", sollte Bundestrainer Werner Schuster später sagen, und als der Pole landete und mit besseren Windverhältnisse vor der grünen Linie aufkam - mit der selben Weite -, war Leyhe schon im Feiermodus: "Da kam die Freude richtig auf." Nach dem dritten Springer hatte Polen einen winzigen Vorsprung von 0,6 Punkten gehabt, der war nun eingebüßt - was Leyhe, Wellinger, Karl Geiger und Richard Freitag Silber bescherte.

Überraschend war Stephan Leyhe ins Team gerutscht

"Das ist krass. Wenn mir einer gesagt hätte, dass ich hier mit drei Medaillen nach Hause fahre, hätte ich gesagt: Schöner Traum!", sagte der 22-jährige Wellinger. Das ist bei Olympia noch keinem anderen deutschen Skispringer gelungen. Als Hochrechnung für die Medaillenvergabe hatte man sich nur mal die bisherigen Ergebnisse der Saison auf der Großschanze anschauen müssen: Die ersten drei Teamspringen hatten die Norweger für sich entschieden, in Zakopane siegte schließlich Polen - aber auch die deutschen Springer landeten immer auf dem Podest. "In der Summe ist es so ausgegangen, wie es auch immer in den Trainings hier war", sagte Schuster nun; Norwegen war mit seinen Springern Daniel Andre Tande, Andreas Stjernen, Johann Andre Forfang und Robert Johansson so stark, dass das Team am Ende einen Vorsprung von fast 23 Punkten hatte. Andreas Wellinger hatte sich extra zurückgenommen, seine Silbermedaille auf der Großschanze am Samstag ausgiebig zu begießen, ein Weißbier hatte er sich genehmigt, er ging früh schlafen: Eine Medaille im Teamspringen wollte er sich und den anderen nicht durch ausschweifende Party vermiesen. Karl Geiger machte am Montagabend dann den Auftakt, er kam auf 136 Meter, er ballte verhalten die Fäuste, Schuster klatschte: Der Startspringer soll schließlich für eine gute Ausgangslage sorgen, und das war ihm gelungen. "War ein echt guter Sprung, ich bin erst mal zufrieden", sagte Geiger danach bei Eurosport und machte sich wieder auf den Weg zum zweiten Durchgang. Überraschend war Stephan Leyhe ins Team gerutscht, er hatte die beiden Einzelspringen gar nicht absolviert, sich aber in den Trainingssprüngen gut präsentiert - so gut, dass Markus Eisenbichler aus der Mannschaft rutschte, der in Pyeongchang bisher auf Rang 14 und acht gesprungen war. "Man soll den Glauben nie aufgeben, aber es war dann schon schwer. Danke für das Vertrauen von den Trainern", sagte Leyhe später. Eisenbichler war mit an die Schanze gekommen, er musste als Ersatzspringer bereitstehen. "Für Markus ist das sicher ein harter Schlag", sagte Schuster, "er war natürlich sehr sauer, er kam aber nie viel weiter als der Stephan." Bei Leyhe hatte man gehofft, dass er über sich hinauswachse. "Das ist nicht passiert", sagte Schuster nun, "aber er hat seine Leistung so weit gebracht." Leyhe kam auf 128 und 129 Meter. Diskussionen, dass es auch für Gold hätte reichen können, mussten gar nicht erst aufkommen, "da hätten wir 13 Meter mehr gebraucht", sagte Schuster.

Nach dem ersten Durchgang war ohnehin noch alles möglich gewesen. Wellinger hatte die undankbare Aufgabe gehabt, nach Kamil Stoch von der Schanze hüpfen zu müssen. Stoch zeigte den bis dahin weitesten Satz von 139 Metern, Wellinger flog, wie man es als medaillendekorierter Olympionike im Idealfall tut: mit feinem Timing, hoch in der Luft - und dann eben noch einen Meter weiter als der Pole. So ergab sich nach dem ersten Durchgang die Reihenfolge: Norwegen, Deutschland, Polen. Die Deutschen trennten zwei Punkte von Norwegen, die Polen wiederum drei Punkte von Silber - das konnte als spannendes Springen durchgehen.

Im zweiten und entscheidenden Durchgang zogen die Norweger aber recht schnell davon, Freitag konnte nicht mehr aufholen, sodass am Ende eben das Duell zwischen Wellinger und Stoch entschied. "Ich habe nicht gedacht, dass es noch Silber wird, Wellingers Sprung war nicht auf einem grandiosen Niveau", sagte Schuster - und war dann nach Stochs Versuch umso besser drauf. "Für uns waren es riesige Spiele. Wir können echt stolz auf uns sein", sagte er. Und Wellinger, der nun mit Gold und zwei Mal Silber die Heimreise antreten kann, wusste sofort: Er kann endlich feiern

© SZ vom 20.02.2018/fued
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