Oliver Kahn Höher, immer höher

Vom Amateur zum Titan und künftigen Vorstandschef des FC Bayern München: In der Karriere des früheren Nationaltorhüters, der an diesem Samstag 50 wird, ging es meist steil bergauf. Heftige Rückschläge stachelten ihn zusätzlich an.

Von Maik Rosner

Mit einem Plastikball im heimischen Garten fing alles an. Blau war die Grundfarbe des Balles, unterbrochen von ein paar braunen, grünen und gelben Flecken, von denen das Kleinkind auf dem Familienbild nicht wusste, was diese bedeuten sollen. Im Nachhinein aber passt es ganz gut zur Karriere von Oliver Kahn, dass er damals in Karlsruhe mit einem Plastikball spielte, der den Globus darstellte. Und wie der ehemalige Torwart findet, fügt es sich ebenso gut ins Bild seines Lebens, dass er den kleinen Erdball nicht zuerst mit dem Fuß berührte, sondern diesen in die Hände nahm.

An diesem Samstag feiert Kahn seinen 50. Geburtstag, und er kann dabei auf eine weltweit beachtete Karriere als Torwart zurückblicken, die sich auch lange nach dem Spielen mit der Plastikkugel noch nicht absehen ließ. Wie auf jenem anderen schönen Zeitdokument vom 27. November 1987, in dem er als 18 Jahre alter Abiturient mit blonder Mähne ein paar Sätze in eine Fernsehkamera spricht. "Es ist net so, dass ich jetzt hier irgendwie schlaflose Nächte hätt'", sagt der Teenager Kahn dabei in breitem Badisch, "natürlich ist Nervosität da. Aber die Nervosität - ich bin sicher, wenn der Anpfiff erfolgt ist, verspüre ich keine Nervosität mehr." Nach dem Spiel wird der damalige Amateur-Fußballer auf eine 0:4-Niederlage mit dem Karlsruher SC beim 1. FC Köln blicken und dabei für seine Verhältnisse erstaunlich gelassen wirken. "Wenn man vier Tore kriegt, na gut, kann man eigentlich net zufrieden sein", sagt er, "aber es war für ein Debüt eigentlich einigermaßen." Danach dauerte es noch drei Jahre, bis Kahn zur dauerhaften Nummer eins beim KSC aufstieg.

„Nichts spruchreif“: Oliver Kahn ahnt aber schon, dass ihm die schwierigste Aufgabe seiner Karriere wohl noch bevorsteht – als Lenker des FC Bayern.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Es war Geduld für den Durchbruch gefragt, der ihn mit seinem Wechsel 1994 zum FC Bayern für die damalige Bundesliga-Rekordablöse eines Torwarts (4,6 Millionen Mark) in neue Dimensionen führte. Acht Mal wurde Kahn bis zu seinem Karriereende 2008 dort Meister, zudem sechs Mal DFB-Pokal-Sieger und als Höhepunkt 2001 Gewinner der Champions League, als er im Finale gegen den FC Valencia drei Elfmeter parierte. Drei Mal wurde er als Welttorhüter ausgezeichnet, bei der WM 2002 in Japan und Südkorea gar als bis heute einziger Torwart zum besten Spieler gekürt. Der Boulevard erhob ihn zu King Kahn und zum Torwart-Titan, auch ohne maßgebliches Mitwirken an einem großen Titel mit der DFB-Auswahl. Den Gewinn des Europameisterschafts-Titels 1996 erlebte er als Reservist der Nationalmannschaft, für die er zwischen 1993 und 2006 86 Spiele bestritt.

Wenn Kahn nun seinen 50. Geburtstag feiert, wird auch und vor allem an seinen einzigartigen Ehrgeiz erinnert, ohne den er kaum zum gefürchteten Ballfänger geworden wäre. Im Ligagedächtnis geblieben sind dabei auch seine Ausbrüche. Wie seine Annäherung im April 1999 an den Hals von Borussia Dortmunds Stürmer Heiko Herrlich, gefolgt nur Minuten später von seiner Kung-Fu-Einlage gegen Stéphane Chapuisat. Als "Höhepunkt meiner Aggressionen, die sich je in mir entladen haben", sollte er diese Aktionen später einstufen und sich selbst mit einem "wilden Tier" vergleichen.

Nur Ribéry hat mehr: Bayern-Spieler mit den meisten Meistertiteln

Franck Ribéry (2007 - 2019) 9

Oliver Kahn (1994 - 2008) 8

Mehmet Scholl (1992 - 2007) 8

Philipp Lahm (2005 - 2017) 8

Bastian Schweinsteiger (2002 - 2015) 8

Thomas Müller (seit 2008) 8

Arjen Robben (2009-2019) 8

David Alaba (seit 2010) 8

Lothar Matthäus (1984 - 1988, 1992 - 2000) 7

Klaus Augenthaler (1976 - 1991) 7

Alexander Zickler (1993 - 2005) 7

Manuel Neuer (seit 2011) 7

Rafinha (2011 - 2019) 7

Jerome Boateng (seit 2011) 7

Javi Martinez (seit 2012) 7

Robert Lewandowski (seit 2014) 7*

*zwei Titel mit Borussia Dortmund

Ähnlich legendär waren seine markanten Aussagen vor laufenden Kameras. "Eier, wir brauchen Eier", sagte er 2003 nach einer 0:2-Niederlage beim FC Schalke. Zwei Jahre zuvor, bei der Last-Minute-Meisterschaft in Hamburg samt entrücktem Eckfahnenjubel, wurde sein Lebensspruch "Weiter, immer weiter" zum Markenzeichen. Auch deshalb, weil ihn heftige Rückschläge zusätzlich anstachelten. Wie 1999, als er durch zwei Gegentore in der Nachspielzeit die Mutter aller Niederlagen im Finale der Champions League gegen Manchester United erlebte (1:2).

Auch in seiner zweiten Karriere im ZDF seit 2008 und als Geschäftsmann für Torwart-Förderprogramme trieb ihn sein Ehrgeiz an. Nach anfänglicher Kritik gelang ihm die Wandlung vom verbissenen Profi zum souveränen Experten. So gibt er sich nun auch in Bezug auf seine dritte Karriere. Vom 1. Januar 2020 an soll er im Vorstand des FC Bayern München eingearbeitet werden, um sukzessive AG-Chef Karl-Heinz Rummenigge abzulösen, der sich Ende 2021 verabschieden wird. "Ich glaube, dass er ein guter Nachfolger sein wird", sagte Rummenigge gerade der Sport Bild über Kahn, der nun "gelassener" sei. Nach Eingewöhnungszeit könne dieser "das Schiff Bayern München (...) erfolgreich als Kapitän steuern". Das Vorgehen konkret abstimmen wollen sie nach dem Urlaub.

Rummenigges designierter Nachfolger gab sich dieser Tage zwar zurückhaltend. Noch sei "nichts spruchreif", sagte er, aber die Gespräche seien schon "sehr weit entwickelt". Für Kahns Werdegang scheint mittlerweile "Höher, immer höher" zu gelten. Damit verbunden ist allerdings seine Ahnung, dass ihm die schwierigste Aufgabe seiner Karriere wohl noch bevorsteht - als Lenker des FC Bayern, spätestens nach dem ebenfalls nicht mehr allzu fernen Abschied von Präsident Uli Hoeneß. Angesprochen auf den geplanten Transfer von Leroy Sané ließ Kahn seinen Respekt vor der Aufgabe anklingen, als er sagte: Der Verein versuche, "international konkurrenzfähig zu bleiben". Das sei gegen Europas Topklubs "eine große Aufgabe, da der finanzielle Unterschied riesig ist". Es sei "in dem jetzigen Fußball-Umfeld schon eine riesige Leistung", dass die Münchner seit 2012 - abgesehen von der Vorsaison - in der Champions League stets vorne mitspielten. Beim FC Bayern trauen sie Kahn zu, dass das mit ihm weiterhin möglich bleibt. Den nötigen Ehrgeiz dafür bringt er jedenfalls mit.