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Oliver Kahn beim FC Bayern:Mehr als nur ein Vorstandspraktikum

Oliver Kahn

Uli Hoeneß konnte die Entwicklung von Oliver Kahn im Fernsehen beobachten.

(Foto: dpa)

Oliver Kahn zieht in die Chefetage des FC Bayern ein, es ist das aufregendste Erbfolgeprojekt des deutschen Sports. Spannend wird, wie er mit Rummenigge klarkommt.

Es war im Mai 2001, da lag der designierte Boss des FC Bayern plötzlich wie ein Käfer auf dem Rücken. Die Eckfahne, derer er sich bemächtigt hatte, stemmte er wild entrückt gen Himmel. Soeben hatten die Münchner in Hamburg noch das Spiel gedreht, die berühmte Last-Minute-Meisterschaft an sich gerissen - und die in der Ferne voreilig feiernden Schalker in ein Tränenmeer gestürzt. Nachdem Oliver Kahn wieder auf die Beine fand, raunte er seinem Trainer Ottmar Hitzfeld ein Motiv zu, das heute so unverrückbar für den FC Bayern steht, als wäre es in Stein gemeißelt: "Niemals aufgeben! Immer weitermachen! Immer weiter! Immer weiter." Dies hätte Kahns ewiges Vermächtnis bleiben können. Doch jetzt rückt der Mann, der dreimal Welttorhüter des Jahres war, wieder an der Säbener Straße ein - am 2. Januar ist erster Arbeitstag.

Mit diesem Rücktransfer planen die Münchner, sich selbst treu zu bleiben. Viele Klubs haben versucht, deren Modell zu kopieren, Ex-Profis mitsamt ihrer Heldengeschichte an die Schreibtische zu lotsen. Keinem ist dies - über alle Krisen hinweg - erfolgreicher gelungen, nicht einmal Real Madrid. Uli Hoeneß, der sich die Personalie Kahn ausgedacht hat, war Weltmeister 1974, ehe er mit 27 Jahren als Manager begann. Karl-Heinz Rummenigge, der von der Personalie Kahn überrascht wurde, war 1980 Europameister; seit 1992 wirkt er maßgeblich auf der Chefetage.

Mit Kahns Einzug erfolgt nun der Start in das aufregendste Erbfolgeprojekt des deutschen Sports, zunächst mit zweijähriger Übergangsphase - zum 1. Januar 2022 löst Kahn Rummenigge dann als Vorstandschef ab. So hat es Hoeneß in einem letzten Kraftakt im Aufsichtsrat durchgeboxt. Dann empfahl er sich zur Beobachtung an den Tegernsee.

Mehr als ein Vorstandspraktikum, aber längst noch nicht das Steuerpatent

Spannend wird, wie Rummenigge, 64, und Kahn, 50, miteinander klarkommen. Ob Kahn, als Mann von Hoeneß, nicht doch etwas erbt von all diesen Konflikten, die die beiden Senioren immerzu ausfochten. Der eine wollte diesen Trainer, der andere jenen; der eine diesen Sportvorstand (Rummenigge bevorzugte Philipp Lahm), der andere jenen (Hoeneß stand auf Max Eberl). Man einigte sich am Ende auf Hasan Salihamidzic, ebenfalls ein Held von einst, mit dem Kahn im Champions-League-Finale 2001 im Elfmeterschießen triumphierte: Salihamidzic verwandelte, Kahn wurde nach drei gehaltenen Elfern als Titan geadelt. Erinnerungen, die verbinden könnten.

Jüngst hat Rummenigge Kahns Einstieg einen "Onboarding-Prozess" genannt. Der Neue komme aufs Bayern-Schiff und werde sich erst mal umschauen und die Abteilungen besuchen. Das ist mehr als ein Vorstandspraktikum, aber längst noch nicht das Steuerpatent. Verständlich andererseits, zumal sich der Neue nur schrittweise aus seinen bisherigen Geschäften löst. Kahn war nach der Fußballerzeit als eine Art Handlungsreisender in eigener Sache unterwegs, er vermarktete sein Gesicht (Tipico), seine Stimme (ZDF), seine Ideen (Kongressredner) und seine Vergangenheit (Online-Torwartschule). Er war eine Ich-AG, nun muss er versuchen, die Mia-san-mia-AG des Rekordmeisters zu inspirieren.

Unwahrscheinlich ist es, dass Kahn dazu die "Abteilung Attacke" neu belebt. Zum einen verliert, wer Hoeneß als Poltergeist zu kopieren versucht, zum anderen ist Kahn nicht mehr der Eckfahnenrüttler von einst. An der Stelle bleibt eine Vakanz im Klub. Akut sogar, da die Münchner nur als Bundesligadritter überwintern und sie im Champions-League-Achtelfinale nicht wie im Vorjahr auf der Insel scheitern wollen (damals Liverpool, jetzt Chelsea). Ohne allzu tief in die Glaskugel zu schauen, ob das was wird mit Kahn und seiner alten Liebe - eines hat sich nicht geändert. Das Betriebsklima hängt in dieser Weiter-immer-weiter-Firma nur von einem ab: vom letzten Ergebnis.

© SZ vom 31.12.2019/dsz
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