Mesut Özil Ein Rücktritt mit Millionen Verlierern

Das Ende von Mesut Özil in der deutschen Nationalmannschaft ist die wahre Niederlage dieses Sommers. Es wird bittere Konsequenzen für Fußball und Gesellschaft haben und daran haben beide Seiten ihren Anteil.

Kommentar von Martin Schneider

Das Echo dieses Knalls wird überall hallen. Man wird es hören auf den Bolzplätzen in Gelsenkirchen und Berlin-Neukölln und auf den Rasenplätzen bei Vereinen, die Türkiyemspor Mindelheim oder Gencler Birligi Aschaffenburg heißen. Man wird ihn hören in den U-Mannschaften des Deutschen Fußball-Bundes wo Spieler Yassir Atty oder Tekin Gençoğlu heißen und man wird diesen Knall auch über die Fußballplätze hinaus hören, in den Familien, den Schulen, der Politik, von der AfD bis zum Zentralrat der Muslime, von Berlin und München bis Ankara und Istanbul.

Mesut Özil hat seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft erklärt. Er nennt als Hauptgrund dafür Rassismus und das ist nichts weniger als eine Zäsur. Denn Mesut Özil war nicht irgendein Spieler der deutschen Nationalmannschaft, Mesut Özil war ein Symbol für das Miteinander, für das Zusammenleben von Menschen mit türkischen Wurzeln und solchen, die in der x-ten Generation in Deutschland leben. Er war der Straßenfußballer aus Gelsenkirchen, der Angela Merkel in der Kabine mit dem Handtuch um die Hüften die Hand schüttelte, der 92-fache Nationalspieler, der Weltmeister.

"Ich werde nicht länger der Sündenbock für Grindels Inkompetenz und Unfähigkeit sein"

Mesut Özil hat in einem Statement seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt und DFB-Präsident Reinhard Grindel Rassismus vorgeworfen. Seine Rücktritts-Erklärung in der deutschen Übersetzung. mehr ...

Dieses brutale Ende zwischen Özil und der deutschen Nationalmannschaft ist nun die wahre Niederlage dieses Sommers - nicht das Vorrundenaus der deutschen Elf. Nein, die Folgen, die diese Verwerfung mit sich bringt, werden viel schwerwiegender sein, als es Pleiten gegen Mexiko und Südkorea je hätten sein können. Verschiedene Seiten werden sich nun ihren Teil der Wahrheit raussuchen und für ihre Zwecke instrumentalisieren. Es wird diejenigen geben, die sagen, Erdoğan-Fans hätten in Deutschlands nichts verloren und es wird diejenigen geben, die sagen, Deutsche würden Türken sowieso nicht akzeptieren. Es wird noch mehr geschrien, es wird noch weniger zugehört, das sowieso schon toxische Klima in der Debatte um Integration wird weiter vergiftet. Es ist ein Ende, das Millionen von Verlierern produziert. Nämlich alle, die - ob auf dem Fußballplatz oder daneben - miteinander und nicht gegeneinander arbeiten wollen.

Und daran tragen beide Seiten ihren Anteil. Mesut Özil und sein Beraterteam, weil sie die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die im Mai entstanden, eine Ewigkeit nicht erklärten und die Erklärung nun im besten Fall von sehr großer Naivität zeugt. Und der DFB, weil er Özil nicht gegen den aufkommenden Rassismus in Schutz nahm, der irgendwann längst die Kritik an den Fotos mit Erdoğan überlagerte. Weil der größte Sportverband der Welt die gesellschaftliche Bedeutung der Debatte nicht erkannte, sondern Özil im Gegenteil durch Interviews von Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel zum Sündenbock des frühen Ausscheidens in Russland machte.

Man muss versuchen, in dieser Debatte zu differenzieren und man muss beiden Seiten Fragen stellen. Zum Beispiel an das Team um Mesut Özil: Warum kommt erst jetzt ein Statement? Warum war Özil sein Schweigen so wichtig, dass er sich Sonderrechte erbat, zum Beispiel als einziger Spieler nicht beim Medientag in Südtirol zu erscheinen? Oliver Bierhoff beklagte die Haltung und erklärte, man habe Özil die Konsequenzen aufgezeigt, aber der wolle unbedingt während der WM weiterhin nichts sagen. Eine Erklärung für dieses Schweigen liefert Özil nicht.

Unabhängig vom Zeitpunkt - der Inhalt der Erklärung zu den Fotos wirft ebenso viele Fragen auf. Özil begründet das Foto mit seinen türkischen Wurzeln, dass er zwei Herzen habe, ein deutsches und ein türkisches. In der Erklärung heißt es, er hätte das Foto mit jedem Wahlgewinner gemacht - egal ob Erdoğan oder nicht. Özil und Team schreiben: "Für mich war es nicht wichtig, wer der Präsident ist. Es war mir wichtig, dass es der Präsident ist." Özil schreibt, er habe Erdoğan ja schon mehrfach getroffen. Und dass die Bilder keine politische Intention gehabt hätten.

Genau das ist im allerbesten Fall naiv und gedankenlos und erscheint angesichts der Differenziertheit seiner weiteren Statements unglaubwürdig. Ein Foto mit Erdoğan in Zeiten des Wahlkampfes hat eine politische Bedeutung und es behält eine politische Bedeutung, auch wenn Mesut Özil und sein Beraterteam noch so entschieden schreiben, das hätte nicht in ihrer Absicht gelegen. Wenn Özil und Team weiter schreiben, es hätte für ihre Handlungen keinen Unterschied gemacht, ob es der deutsche oder der türkische Präsident gewesen sei, dann möchte man ihnen sagen, dass das vielleicht ein Problem ist, wenn man da nicht unterscheidet. Es kommt nun mal darauf an, was ein Politiker tut und nicht nur, dass er ein Politiker ist. Özil und Team haben mitbekommen, dass in der Türkei Oppositionelle, Journalisten, Lehrer, Beamte und viele weitere in Gefängnissen sitzen. Dass dieser Präsident - und kein möglicher anderer Präsident, nein, genau dieser Präsident - die Gewaltenteilung aushebelt und das Land in eine Autokratie führt.

Ist eine Ablehnung eine einfache Sache? Nein, ist sie nicht. Erdoğan regiert autokratisch, wer sich gegen ihn wendet, der riskiert Repressionen gegen sich oder Teile der Familie. Dem NBA-Basketballer Enes Kanter drohen vier Jahre Haft, weil er Erdoğan beleidigt haben soll. Was eine Beleidigung ist - das definiert freilich Erdoğan, wie er auch beim Journalisten Deniz Yücel definierte, dieser sei ein Terrorist. Das sollte man zumindest berücksichtigen, wenn man über Özil urteilt.

"Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt"

Bayern-Präsident Uli Hoeneß reagiert mit heftigen Worten auf den DFB-Rücktritt von Mesut Özil. Er sei "froh, dass der Spuk vorbei ist". Der frühere DFB-Sprecher attackiert Verbandspräsident Grindel. mehr ...

Und damit zum Deutschen Fußball-Bund, der in dieser Affäre sich zunächst hinter seinen Spieler stellte, ihn verteidigte (auch Grindel), der ihn aber nach der WM auf schmähliche Art und Weise fallenließ und dachte, man könne ihn zum Sündenbock machen. Die Vorwürfe, die Özil und Team speziell an Reinhard Grindel richten, könnten massiver kaum sein. Sie unterstellen ihm offen, dass er ein Rassist sei: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren", steht unter anderem in der Erklärung.

Diese Vorwürfe sind erst einmal Vorwürfe und Grindel hat sich noch nicht dazu geäußert - aber Fakt ist, dass weder dieser DFB-Präsident noch sonst jemand aus dem Umfeld der Nationalmannschaft (abgesehen von einem kurzen Statement von Jérôme Boateng) sich vor Özil stellte, als die Kritik an den Erdoğan-Fotos deutlich in Rassismus umschlug. Im Gegenteil: In zwei autorisierten, also gegengelesenen Interviews, stellten Bierhoff und Grindel Özil namentlich heraus und machten ihn so zum Schuldigen für das WM-Aus. Gleichzeitig fehlte in beiden Interviews ein Satz wie: "Wir wenden uns ganz klar gegen den Rassismus, dem unser Spieler ausgesetzt ist."

Diese Kombination aus Attacke auf der einen Seite und fehlender Unterstützung auf der anderen Seite war für Mesut Özil nun genug. Ein Spieler, der in Gelsenkirchen geboren wurde, der mit Deutschland Weltmeister wurde, der sich einst für die deutsche und nicht für die türkische Nationalmannschaft entschied und für diese Entscheidung damals übrigens in der Türkei massiv angefeindet wurde, empfindet Ablehnung und Rassismus als so stark, dass er keine Zukunft für sich in dieser Mannschaft sieht. Das ist unabhängig von den Fotos mit Erdoğan ein Einschnitt im deutschen Fußball, der noch vor Kurzem mit einem Werbespot vor den Länderspielen stolz mit seiner integrativen Kraft warb.

Dieser Rücktritt ist ebenso ein Zeichen dieser Zeit, in der rechtspopulistische Parteien immer stärker werden, Tausende Menschen in München gegen die ihrer Ansicht nach hetzende Rhetorik der CSU demonstrieren, und man darüber debattiert, ob man Menschen aus Afrika im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten sollte und Retter vor Gericht stehen. Vielleicht steht der Fußball nicht immer für die Gesellschaft, aber er ist unstrittig Teil der Gesellschaft. Die zersetzenden Kräfte haben nun jedenfalls auch das Lieblingsspiel der Deutschen erreicht.

"Und schon bist du wieder der Türke"

Integrationspolitikerin Güler zeigt Verständnis für beide Seiten, ihre Parteikollegen in der Union kritisieren den Fußballer für seinen Rücktritt aus der Nationalelf. Grünen-Chef Habeck sieht die Schuld beim DFB. mehr...