DFB-Team Mesut Özil will nicht mehr für Deutschland spielen

Wird nicht mehr für Deutschland spielen: Mesut Özil.

(Foto: dpa)
  • Mesut Özil verteidigt das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan.
  • Er habe keine politischen Absichten verfolgt, schreibt er auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken.
  • In einem zweiten Statement kritisiert Özil deutsche Medien und den DFB.
  • In einem dritten Statement, das er um kurz nach 20 Uhr postete, erklärt Özil seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft.

Mesut Özil hat sich am Sonntag in drei Statements an die Öffentlichkeit gewandt. In einer ersten Mitteilung erklärte er seine Sicht zu den Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, in einem zweiten Teil kritisierte er Medien und Sponsoren und in einem dritten Statement erklärte Mesut Özil seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft und attackierte vor allem DFB-Präsident Reinhard Grindel scharf. (Tweet)

"Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre", schrieb Özil. In dem Schreiben unterstellt er speziell Grindel Rassismus. Er schreibt in Richtung des DFB-Präsidenten: "Ich bin enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihren Handlungen." Und weiter: "Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen", betonte Özil an die Adresse von Grindel. "In den Augen von Reinhard Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren", schreibt Özil. Im Gegensatz zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, hätte ihm Grindel nicht zugehört und stattdessen seine eigenen politischen Ansichten vertreten und Özils Meinung herabgesetzt. Özil unterstellt Grindel außerdem, dass er ihn nach den Erdoğan-Fotos aus der Mannschaft ausschließen wollte, aber Bundestrainer Joachim Löw und Oliver Bierhoff hätten sich für ihn eingesetzt.

Er schreibt, er fühle sich ungewollt und dass all seine Erfolge seit 2009 scheinbar vergessen worden sind. Er fragt sich, warum Lukas Podolski und Miroslav Klose nie auf ihre polnische Herkunft reduziert wurden, er aber sehr wohl auf seine türkische. Özil zitiert rassistische Attacken unter anderem von SPD-Politiker Bernd Holzhauer oder von Werner Steer, dem Chef des deutschen Theaters in München und erwähnt Aussagen von Grindel aus seiner Zeit als CDU-Politiker, der Multikulturalismus als "Lebenslüge" bezeichnete und nannte unter anderem seine Stimme im Bundestag gegen die doppelte Staatsbürgerschaft "unvergessen und unverzeihlich". Özil schreibt: "Menschen mit rassendiskriminierender Vorgeschichte sollten nicht im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen, in dem viele Spieler spielen, die Wurzeln in zwei Ländern haben. Solche Einstellungen spiegeln einfach nicht die Spieler wider, die sie vorgeben zu vertreten."

Zuvor hatte er sich erstmals öffentlich zur Erdoğan-Affäre geäußert und sich zu dem Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten bekannt. Er hätte das Foto in jedem Fall gemacht, unabhängig davon, wer zu diesem Zeitpunkt türkischer Präsident gewesen wäre, schrieb Özil am Sonntag auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken auf Englisch in seiner ersten öffentlichen Erklärung seit dem Bild.

Özil erklärte, er habe sich im Mai zu dem Foto mit Recep Tayyip Erdoğan aus Respekt vor dessen Präsidenten-Amt bereit erklärt - unabhängig von der Person. Ähnlich hätten wohl die Queen oder die englische Premierministerin Theresa May gehandelt, als sie sich mit Erdoğan trafen.

Das Foto habe aber keine politische Botschaft und sei auch nicht als Wahlhilfe zu verstehen gewesen, betonte Özil. Er habe sich mit Erdoğan wie bei früheren Treffen nur über Fußball unterhalten.

Außerdem verwies der 29-Jährige auf seine Wurzeln. "Ich habe zwei Herzen, das eine ist deutsch, das andere türkisch", schrieb er. Seine Mutter habe ihn stets gelehrt, Respekt zu zeigen und nie zu vergessen, "wo ich herkomme". Hätte er sich geweigert, Erdoğan zu treffen, hätte er die Wurzeln seiner Vorfahren nicht respektiert, meinte Özil.

Özils Kritik an der Berichterstattung

In einem zweiten Statement kritisierte Özil deutsche Medien für ihre Berichterstattung: "Bestimmte deutsche Zeitungen benutzen meine Herkunft und das Foto mit Präsident Erdoğan als rechte Propaganda, um ihre politische Sache voranzubringen. Warum sonst sollten sie Bilder und Überschriften mit meinem Namen als direkte Erklärung für die Niederlage in Russland nutzen? Sie kritisierten nicht meine Leistungen, sie kritisierten nicht die Leistung der Mannschaft, sie kritisierten nur meine türkische Abstammung und den Respekt für meine Erziehung." Weiterhin schrieb Özil, er habe 23 Kindern dabei geholfen, "lebensverändernde" Operationen in Russland zu bekommen - dies hätten "die Zeitungen" aber nicht beachtet.

Zudem bemängelte er Doppelstandards. Dabei verwies er auf Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der sich mit einem anderen Politiker, Russlands Präsident Wladimir Putin, getroffen hatte, und dafür laut Özil "fast keine Medienkritik" bekam. Dagegen habe seine frühere Schule in Gelsenkirchen einen mit ihm geplanten Termin abgesagt - aus Furcht vor der Berichterstattung und aufgrund des Aufstiegs einer rechtsgerichteten Partei in Gelsenkirchen. Auch ein Werbepartner (Mercedes-Benz) habe sich von ihm abgewandt. Der Verband habe nichts dagegen unternommen, dass der Sponsor ihn im Zuge der Erdoğan-Affäre aus seiner WM-Kampagne genommen habe. "Das ist alles ironisch, da ein deutsches Ministerium erklärt hat, dass ihre Produkte illegale und unautorisierte Software besitzen, was die Kunden in Gefahr bringt. Tausende ihrer Produkte werden zurückgerufen. Während ich kritisiert wurde und vom DFB gebeten wurde, meine Taten zu rechtfertigen, gab es keine solche offizielle und öffentliche Erklärung, die vom DFB-Sponsor verlangt wurde", schreibt Özil. Ein Sprecher von Mercedes verwies auf Twitter darauf, dass man seit 40 Jahren Partner des DFB sei und dass man sich die Vorwürfe von Mesut Özil ansehen und bewerten werde.

Während also DFB-Präsident Reinhard Grindel, den Özil zunächst namentlich nicht nannte, von ihm eine öffentliche Erklärung für das Foto gefordert habe, habe sich der Sponsor für Verfehlungen (in der Abgas-Affäre) nicht entschuldigen müssen. "Warum?", fragte Özil, "was hat der DFB zu all dem zu sagen?" Außerdem kritisierte er den Verband dafür, auf öffentliche Kritik an Matthäus verzichtet zu haben, als dieser sich am Rande der WM mit Putin hatte fotografieren lassen.

Im Mai, rund einen Monat vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, hatten Özil und sein DFB-Teamkollege İlkay Gündoğan sich in einem Londoner Hotel mit Erdoğan getroffen. Sie überreichten Erdoğan Trikots, das von Gündoğan war handsigniert: "Für meinen verehrten Präsidenten, hochachtungsvoll." Sie ließen sich fotografieren, in der Gruppe und einzeln. Erdoğans Partei AKP verbreitete die Bilder über die sozialen Netzwerke.

Die Aufnahmen riefen scharfe Kritik hervor, die Spieler wurden bei Testspielen ausgepfiffen. Gündogan und Özil waren in der Angelegenheit sogar zu einem Gespräch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Gast. Diesen Termin lobte Özil im dritten Statement, da sich Steinmeier - anders als Grindel - für seine Wurzeln interessiert habe. Zuletzt erweckten DFB-Präsident Reinhard Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff durch öffentliche Aussagen den Eindruck, Özil sei durch sein Verhalten für das frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft mitverantwortlich. Dafür wurden die Funktionäre heftig kritisiert.

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