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Von Arsenal zu Fenerbahce:Özils Wechsel wird zum Staatsereignis

Sogar das Abstempeln des Reisepasses ist live zu sehen: Fenerbahce inszeniert die Ankunft von Mesut Özil mit allen Mitteln. Für ihn ist es wohl der Rückzug vom internationalen Spitzenfußball.

Von Sven Haist, London

So glücklich hat man Mesut Özil lange nicht mehr gesehen. Nach seiner Ankunft um 1.05 Uhr Ortszeit am Montag auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul posierte der deutsche Weltmeister von 2014 freudestrahlend mit dem Schal seines neuen Klubs: Fenerbahce. Seine feierliche Begrüßung auf dem Rollfeld hatte Züge eines Staatsempfangs, bei dem das Flughafenpersonal und die Klubvertreter am Terminal den Hof bereiteten.

Fenerbahce strahlte die Landung des Flugs KOC10 - mit Özil an Bord der Privatmaschine des Klub-Präsidenten Ali Koc - im Internet aus, sogar das Abstempeln von Özils Reisepass war live zu sehen. Die einstündige Sondersendung ließ Özils ablösefreien Winterwechsel vom FC Arsenal in die türkische Süper Lig wie ein Nationalereignis erscheinen.

Gott habe ihm die Chance gegeben, das Fenerbahce-Trikot zu tragen, sagt Özil

Diesen Eindruck konnte man schon am Sonntagnachmittag gewinnen, als die türkische Staatsregierung um Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor Özil den roten Teppich mit dem weißen Halbmond ausrollte. "Willkommen in Deinem Zuhause, in Deiner Heimat", schrieb ein Regierungssprecher bedeutungsschwer auf Twitter. Machthaber Erdoğan, in seiner Jugend näher bei Fener, nun aber mit Meister Basaksehir verbandelt, ist Özils Trauzeuge und spielte bekanntlich auch eine Hauptrolle rund um jenes gemeinsame Foto, das vor der WM 2018 die Entzweiung zwischen Özil und dem DFB auslöste. Seitdem ist Özil mehr denn je eine politische Figur, die Erdoğan offenbar vehement für seine Zwecke einspannen möchte.

Mesut Özil mit neuem Fanschal und neuem Verein

(Foto: -/AFP)

Kurz nach dem Staatsgruß bestätigte Özil übers Telefon dem türkischen Nachrichtenkanal NTV seine Karrierefortsetzung in der Türkei. Gott habe ihm die Chance gegeben, das Fenerbahce-Trikot zu tragen, teilte er mit, und das werde er auch "mit Stolz" tun. Auf dem Weg nach Istanbul veröffentlichte er mehrere Bilder im Beisein seiner Familie, stets im Hintergrund erkennbar: Fenerbahces Emblem und türkische Nationalflaggen. Im Zollbereich des Flughafens sagte Özil zu später Stunde, dass nicht nur für Fenerbahce, sondern auch für ihn jetzt "ein Traum" in Erfüllung gehe: "Gott segne alle, die mich unterstützt haben."

Özil befeuerte Gerüchte um Abschied aus London

Über die sozialen Medien hatte Özil zuletzt Gerüchte um einen Abschied aus London befeuert und um eine Zukunft bei Fenerbahce geworben. Angeblich soll er Mutter Gulizar einst das Versprechen gegeben haben, einmal für diesen Verein aufzulaufen; und das möchte er seinen Andeutungen zufolge mit der Rückennummer 67 tun - die Zahl steht in der Türkei für die Region Zonguldak, wo die Großeltern herkommen. Seine Botschaften waren jeweils mit gelb-blauen Herzen in den Vereinsfarben verziert. Für die türkische Liga dürfte Mesut Özil, 32, der namhafteste Spieler in der Historie sein. Trotzdem gründet sich der Transfer eher auf einer Millionenrechnung als auf einer Herzenssache.

Aus Sorge vor einem ablösefreien Weggang verlängerte Arsenal im Winter 2018 den Vertrag mit Özil bis 2021 - zu einem astronomischen Jahressalär von circa 20 Millionen Euro. Nach dem darauffolgenden Abschied des Ewigkeitstrainers Arsène Wenger, der Özil 2013 für die damalige Klubrekordablöse von 42 Millionen Euro von Real Madrid verpflichtete, gelang es Özil weder bei Wenger-Nachfolger Unai Emery noch beim derzeitigen Chefcoach Mikel Arteta, eine tragende Rolle einzunehmen.

Die Unzufriedenheit des Klubs mit seinem Rekordverdiener gipfelte im Frühjahr 2020 in einem handfesten Streit, als sich Özil nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie als einer von wenigen Spielern weigerte, einem Gehaltsverzicht zuzustimmen. Seine Erklärung: Er sei nicht ausreichend informiert worden, wofür das Geld eingespart werden sollte. Seitdem hat Özil kein Pflichtspiel mehr für die Londoner bestritten. In dieser Saison nominierte ihn Arsenal nicht mal für die Premier League.

Wiederholt versuchte der Verein vergeblich, das Arbeitsverhältnis mit seinem oftmals antriebslos wirkenden Profi vorzeitig zu beenden. Stets verwies Özil mit seinem Berater Erkut Sögüt darauf, den üppigen Vertrag aussitzen zu wollen - bis sich jetzt eine lukrativere Alternative bot. Dem Vernehmen nach soll Özil bei der Vertragsauflösung mit Arsenal auf einen Teil des ihm bis Sommer zustehenden Gehalts in Höhe von etwa acht Millionen Euro verzichtet haben.

Aber diese Summe dürfte er mindestens schon über ein Handgeld bei Fenerbahce von kolportiert circa fünf Millionen Euro wieder rein holen. Sein Vertrag soll zudem bis 2024 datiert sein und mit einem Salär im niedrigen einstelligen Millionenbetrag vergütet werden. Immer noch viel Geld für Fener, das den Deal über Klubchef Koc, Sponsoren und Özils Werbewert stemmen möchte. Bereits vor einem Jahr wurde der Klub als ein Interessent gehandelt, schloss einen Transfer jedoch "aus wirtschaftlichen Gründen" aus.

Neben dem finanziellen Aspekt dürfte Özil die Perspektive locken, den Tabellenzweiten der Süper Lig aus dem beliebten Stadtteil Kadiköy auf der asiatischen Seite des Bosporus zur ersten Meisterschaft seit 2014 führen zu können. Im Team des Trainers Erol Bulut, der 2004 als Spieler ein Jahr bei 1860 München unter Vertrag stand, trifft Özil auf die Bundesliga-Legionäre Marcel Tisserand, Luiz Gustavo, Tolga Cigerci und Papiss Demba Cissé.

"Mesut ist einer der größten Namen im Weltfußball", sagte Fenerbahces Sportchef Emre Belözoğlu zu Özils Verpflichtung und kündigte an, dass man zusammen "viele Trophäen" gewinnen werde. Laut der Zeitung Hürriyet muss sich Özil aufgrund der Reisebeschränkungen mit seiner Familie für die nächste Woche in Selbstisolation begeben. Vier der in der Türkei vorgeschriebenen zehn Quarantänetage konnte er offenbar bereits in England hinter sich bringen, bevor er in den Privatjet stieg.

Das Goodbye von der Insel nach 254 Pflichtspielen geht für Özil wohl einher mit dem Rückzug vom internationalen Spitzenfußball. In siebeneinhalb Jahren gelangen ihm für Arsenal 44 Tore und 77 Vorlagen, bei vier nationalen Pokalsiegen hatte er seine Füße im Spiel. In Mesut Özil verliert die Premier League einen der letzten klassischen Spielmacher, einen echten Zehner, der mit seiner Laune ein Spiel bestimmen konnte - aber in London letztlich nicht glücklich wurde.

© SZ/ska
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