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Özil-Debatte:Fußballer und "ihr Land"

  • Mesut Özil wird mit seinem Rücktritt aus dem DFB-Team zum Symbol dafür, dass der Fußball und der Sport keine Lösung parat halten für die unterschiedlichen Biografien junger Menschen.
  • Fußballer mit Migrationshintergrund können - nach dem ersten Pflichtspiel - nur für ein Land kicken. Das führt zu persönlichen und oft diskutierten Entscheidungen der Spieler.
  • Auch andere Länder erleben Debatten um die Kinder von Migranten im Fußball.

Mesut Özil saß in Berlin auf dem Podest und sprach mit Journalisten. Er tat das nie gerne, aber wegen des riesigen Interesses an ihm musste er diesmal. Er sagte dabei mehrfach, dass es "für mich nie eine andere Nationalmannschaft gab als die deutsche". Seine Familie sei in der dritten Generation in Deutschland, er sei in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen, habe in allen Jugendnationalmannschaften gespielt. "Ich fühle mich sehr wohl hier", und er sei "sehr, sehr stolz", für Deutschland zu spielen.

Das war im Oktober 2010. Es stand das EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei an. Özil sagte dazu noch: "Das wird ein besonderes Spiel für mich, weil ich gegen meine Freunde spiele."

Deutsche Nationalmannschaft Was hinter Özils Aussagen steckt
Rücktritt aus dem DFB-Team

Was hinter Özils Aussagen steckt

In seinen Statements teilt der Weltmeister aus: gegen den DFB-Präsidenten, einen Sponsor und die Medien. Was genau kritisiert er? Und stimmen die Äußerungen?   Von Martin Schneider

Der damals 21-Jährige wurde tags darauf fast aus dem Stadion gebuht. Die Hälfte der Zuschauer kamen aus der Türkei oder waren Deutsche mit türkischen Wurzeln - und die wollten überhaupt nicht einsehen, dass Mesut Özil für Deutschland spielen wollte. Und nicht für das Land seiner Großeltern, die Türkei.

Persönliche Entscheidungen der Spieler

Jetzt, fast acht Jahre später, ist Mesut Özil mit einem lauten Knall aus seiner deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Er wirft Teilen der Medien, Zuschauer und auch dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel, Rassismus vor. Er fühle sich nicht mehr gewünscht im weißen Trikot mit dem Bundesadler. Der Fußballer Mesut Özil ist damit wieder ein Symbol für die Einwanderer-Geschichte Deutschlands. Diesmal ein Symbol dafür, was alles schief gehen kann. Aber er ist auch ein Symbol dafür, dass der Fußball und der Sport insgesamt keine Lösung parat halten für die diversen Biografien junger Menschen.

Das gründet schon im Namen: Nationalmannschaft. In immer globaler werdenden Gesellschaften sollen Sportler plötzlich ein Land vertreten. Natürlich "ihr Land" und das des Publikums. Vor allem rund um den Fußball wird diese Forderung häufig überhöht, weil kaum ein Ereignis eine solche nationale Aufwallung in sich trägt wie große Fußballturniere und Länderspiele. Und Fußballer gerne zu übergroßen Heldenfiguren stilisiert werden, seit eh und je auch im Dienste der "Nation".

Was tun also, wenn man in einem Land als sogenannter Immigrant aufwächst, seine familiären Wurzeln aber in einem anderen Land liegen? Nach den Statuten des Weltfußballverbands Fifa kann man nicht für zwei Nationalmannschaften spielen. Zumindest dann nicht, wenn man einmal für ein Land ein Pflichtspiel bestritten hat. Davor ist der Wechsel möglich.

Mesut Özil

Artist mit Ball

Das führt zu persönlichen und oft diskutierten Entscheidungen der Spieler. Damals, 2010 in Berlin, standen der Lüdenscheider Nuri Sahin, der Kasselaner Ömer Erdogan oder die Gelsenkirchener Zwillinge Altintop für die Türkei auf dem Platz. Hamit Altintop hatte Özil damals hart kritisiert dafür, dass der auf der anderen Seite spielte. Er hielt das für eine reine Karriere-Entscheidung: "Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre jetzt nicht bei Real Madrid. So einfach ist das." Tatsächlich ist es ein offenes Geheimnis, dass sich viele Spieler die für ihre Laufbahn günstigere Nationalmannschaft aussuchen. Ein Vorgang, der auch nicht allen passt.

So standen in diesem Jahr im WM-Kader Senegals acht Spieler, die in Frankreich geboren und aufgewachsen sind. Im WM-Kader Tunesiens waren es neun. Im französischen Fußballverband FFF gab es dazu bereits mehrfach Auseinandersetzungen. Nach dem Desaster bei der WM 2010 mit dem Vorrunden-Aus und einem Spielerstreik wurde das Protokoll einer Sitzung öffentlich, in dem mehrere Teilnehmer eine Quote in Jugendteams für Spieler mit Migrationshintergrund forderten. Darunter der damalige Nationaltrainer Laurent Blanc und der U21-Nationaltrainer. François Blaquart, Technischer Direktor des Verbands FFF, hatte gesagt: "Unser Problem sind nur die Spieler mit doppelter Nationalität", weil diese Frankreich den Rücken kehren und für die Auswahl ihres Herkunftslandes spielen könnten. Er wurde kurz darauf suspendiert.