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Österreich:Wiener Retourkutschen

SOCCER - BL, LASK vs WAC PASCHING,AUSTRIA,28.JUN.20 - SOCCER - tipico Bundesliga, championship group, Linzer ASK vs Wol

"Haben uns selbst ins Knie geschossen": Valerien Ismael, Bundesliga-erfahrener Trainer des Linzer ASK.

(Foto: Matthias Hauer/Imago)

Vor der Corona-Pause brannte Linz in der österreichischen Liga ein spielerisches Feuerwerk ab. Doch dann kam es zum Sündenfall, und nun droht der Klub sogar den dritten Platz zu verspielen.

Von Moritz Kielbassa

"Das Glück is' a Vogerl", sagt man in Österreich über die Flüchtigkeit von Gunst und guten Zeiten. Dieser schöne Aphorismus, den am Mittwochabend ein Reporter von Sky Austria zitierte, war einer von vielen Sätzen mit Symbolkraft nach der 1:3-Niederlage des Linzer ASK bei Rapid Wien. Rapid ist nun sicherer Bundesliga-Zweiter hinter Meister Salzburg und darf in der Zulassungsrunde zur Champions League antreten. Linz hingegen, das lange Zeit eine Saison auf der Sonnenseite erlebte und im März als Tabellenführer in die Pandemiepause ging, verpasst nach tiefem Fall die Königsklasse. Und wenn nicht alles täuscht, dann büßt der LASK am letzten Spieltag sogar noch Platz drei und die fixe Europa-League-Teilnahme ein.

"Wir haben uns selbst um unseren Traum gebracht. Der Pfeil ist abgeschossen, wir können ihn nicht mehr zurückholen", sagte der Linzer Vizepräsident Jürgen Werner, der früher ein guter Fußballer war. Auch Valérien Ismaël, der Trainer mit FC-Bayern-Vergangenheit, klang reumütig: "Es gab einen LASK vor Corona, und es gab einen LASK nach Corona", sagte der kantige Franzose: "Wir haben kein gutes Bild mehr abgegeben. Wir haben uns selbst ins Knie geschossen - und irgendwie eine Retourkutsche bekommen."

Jene wunderbaren Monate von August bis März, als Linz von Sieg zu Sieg flog, in der Liga sogar auf der Überholspur vorbei an Serienmeister Salzburg und im Europacup mit furiosen Spielen gegen Basel, Eindhoven, Sporting Lissabon und Alkmaar - all das mag ihnen heute tatsächlich vorkommen wie unstetes Glück. Aber Pechvögel im klassischen Sinne sind die Linzer sicher nicht. Sie setzten Murphy's Law eigenverschuldet in Gang, als sie in der Corona-Pause heimlich Mannschaftstraining abhielten, volle Pulle mit Zweikämpfen, obwohl die Regeln noch Kleingruppenarbeit vorschrieben. Es war wohl Unfairness aus Übermut, denn nur sehr selten hat einer in Österreich die Chance, vor den allmächtigen Salzburgern Meister zu werden.

"Unser Flow war seit Corona weg", sagt LASK-Vizepräsident Werner

Doch der Betrug flog auf, dem Strafsenat der Liga lagen Beweisvideos vor. Der LASK verlor sechs Punkte - und noch viel mehr: "Unser Flow war seit Corona weg", sagt Werner. Ruckzuck weg waren auch viele Sympathien, die das Team mit frischem, gierigem Fußball erworben hatte, schon unter Ismaëls Vorgänger Oliver Glasner. Auch die Konstellation vor dem Saisonfinale am Sonntag ist umfassend ungünstig für Linz. Es geht nun - im Fernduell mit Wolfsberg - noch um Platz drei, der zumindest die Gruppenphase der Europa League garantiert. Auf ein Lockerlassen von Gegner Salzburg kann der LASK nicht hoffen, der Meister will noch seinen Rekord von 110 Saisontoren (2013/14) brechen, aktuell sind es 107. Und dass für Rapid, den Wolfsberger Gegner, das letzte Spiel jetzt piepegal ist, könnte tückisch sein angesichts der Anti-Linz-Gesamtstimmung.

Den Groll der Konkurrenten verstärkte, dass der LASK die Strafe des Sportgerichts nicht hinnahm und den vollen Instanzenweg androhte, obwohl das Protestkomitee den Punktabzug bereits von sechs auf vier Zähler abschwächte. Erst am Dienstag gab der Klub den Verzicht auf weitere juristische Schritte bekannt. Das erspart der Liga eine Hängepartie, die bis weit über das Saisonende hinaus hätte andauern können.

Die Linzer fühlten sich seit ihren Corona-Sünden von vielem und von vielen verlassen: von Fortuna und allen Fußballgöttern, manchmal auch von den Schiedsrichtern. In der Meisterrunde seit Anfang Juni verlor der LASK wiederholt Spiele, in denen sich das Unglück summierte: schräge Gegentore, gerne kurz vor Schluss, vergebene Großchancen vorne, Blackouts hinten. "Alles, was schief gehen kann, geht schief", seufzte Werner, der überzeugt ist, dass "ohne den Trainingseklat "alles anders gelaufen wäre". Das 1:3 bei Rapid rundete die Pannenwochen ab: das 0:1 ein Eigentor, das 0:2 ein abgefälschter Schuss, und als der LASK sich wehrte und vermeintlich zum 2:2 ausglich, wurde das regulär aussehende Tor wegen Stürmerfouls aberkannt.

Rapid-Trainer Dietmar Kühbauer trug während des Spiels mit Ismaël einen wilden Wickel (österr.: Streit) aus. "Halt den Mund! Wir sehen uns nachher noch ...", plärrte der Linz-Coach, der sehr, sehr böse schauen kann. Kühbauer zeigte später ausgiebig Freudenfäuste in Richtung LASK-Bank. Ihn erfüllt es mit Genugtuung, mit seiner von vielen Verletzungen heimgesuchten jungen Rapid-Elf auf Platz zwei zu landen - vor den Corona-Schummlern: "Wir haben Dinge gemacht, die erlaubt waren, von dem her ist es wunderbar", stichelte Kühbauer. Und: "Ich bin stolz. Als Zweiter sind wir der heimliche Meister, denn Salzburg spielt in einer anderen Liga."

Der unheimliche Meister ließ sich derweil in Salzburg bereits den goldenen Teller für den am Ende souveränen siebten Titel in Serie aushändigen. Es war eine schaumgebremste Feier ohne Publikum, immerhin mit Konfetti und Musik - und mit Konzernchef Dietrich Mateschitz, der neben RB-Fußballdirektor Ralf Rangnick und ein paar feschen Frauen auf der Tribüne applaudierte. Jesse Marsch, der Salzburger Trainer aus Wisconsin, holte seinen ersten Titel. Marsch, der ein anständiger Typ zu sein scheint, rätselt bis heute, was den starken Herausforderer Linz bei den Trainingsfouls geritten hatte: "Ich habe so viel Respekt vor der Leistung des LASK", sagte er, "aber ich kann nicht verstehen, was sie da gemacht haben."

© SZ vom 03.07.2020

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