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Ô Cólumnãò:Das Schöne an dieser EM...

Von Ralf Wiegand

...aus deutscher Journalisten-Sicht war: Eine Menge Kollegen, die sonst nie die Sonne sehen, die sich am ersten Tag einer Fußball-Saison ins kicker-Sonderheft vergraben, in fensterlosen Sälen kluge Fragen bei Pressekonferenzen stellen und Nachts im Leihwagen über menschenleere Autobahnen rasen, immer unterwegs zum nächsten Spiel - sogar diese Helden der Arbeit, wunderliche Wesen aus der Schattenwelt allesamt, haben die Sonne gesehen - die Sonne Portugals.

Wir haben die Wärme gespürt durchs Telefon, waren gleichzeitig froh, die kurzen Hosen der Kollegen nicht ertragen zu müssen, ahnten wiederum, die Steaks auf dem Grill zu riechen am Abend eines langen Tages und hörten - platsch! -, wie die Sonne ins Meer plumpste, gleich einem feuerroten Roteiro. Die EM ist nun mal in Portugal und nicht in Sibirien, hat Rudi Völler ganz am Anfang gesagt. Es war leider das letzte Geschenk des Teamchefs: ein kurzer Sommer der kleinen Hoffnung. Nun kommen die Kollegen nach Hause, zwar viel zu früh, aber wenigstens schön knackebraun.

Sie werden auffallen hierzulande. Bleich sind wir geworden, und krank fühlen wir uns nach knapp zwei Wochen vor dem Fernseher, vor dem wir träumten, was wir gerne wären, und erkennen mussten, was wir sind. Noch einmal 24,05 Millionen Menschen verkrochen sich am Mittwochabend zum Glockenschlag des letzten Stündleins vor Plasma-, Flachbild- und Röhrenschirmen.

Die einzigen Strahlen, die sie wärmten, verursachte der Elektrosmog. Aus dem All betrachtet mag Deutschland an diesem Mittwoch ausgesehen haben wie der Kreißsaal der Apokalypse: Wild tanzten schwere Sommerstürme durch menschenleere Gassen, der Deutsche Wetterdienst berichtete sogar von mehreren Tornados mitten in Deutschland. Entwurzelt wurde neben mehreren Bäumen auch der Glaube an den deutschen Fußball.

Die Tschechen und das Wetter - Straßenfeger, die kein Mensch braucht.

Deswegen ist die Bitte an jene, die nun überstürzt heimkehren müssen aus Lissabon und Porto, Coimbra, Braga, Guimaraes, aus Faro-Loulé und Aveiro: Tragt die Sonne in unser Herz, damit die Spesen nicht umsonst verbraten worden sind! Wir können es gebrauchen.