Nürnbergs Virgil Misidjan Der Torjäger, dem vier Monate Gefängnis drohen

Virgil Misidjan (r.) beschert dem 1. FC Nürnberg mit seinem Tor einen Punkt in Bremen.

(Foto: imago/Zink)
  • Nürnbergs Virgil Misidjan, im Sommer für 2,5 Millionen Euro von Bulgariens Meister Razgrad verpflichtet, trifft gegen Werder Bremen zum 1:1 in der Nachspielzeit.
  • Doch womöglich muss der Club bald ohne Misidjan auskommen: In der ersten Instanz hat ihn ein Gericht in Den Haag wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt, wobei zwei Monate auf Bewährung ausgesetzt sind.
  • Ihm wird vorgeworfen, einen 68-jährigen Rentner übel zusammengetreten zu haben. Misidjans Anwalt bestreitet den Vorwurf gegen seinen Mandanten und hat Widerspruch eingelegt.
Von Jörg Marwedel

Über den Torschützen zum 1:1 in der Nachspielzeit, Virgil Misidjan, wurde nach dem Remis beim selbsternannten Europapokal-Anwärter Werder Bremen vergleichsweise wenig gesprochen. Dabei ist der Niederländer mit surinamesischen Wurzeln, der erst in der 61. Minute für Matheus Perreira aufs Feld gekommen war, ein interessanter Mann. Und zwar nicht nur, weil der 1. FC Nürnberg ihn am letzten Tag der Transferperiode am 31. August mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet hatte und für Club-Verhältnisse beachtliche 2,5 Millionen Euro an Bulgariens Meister Razgrad überweisen musste.

Es kann nämlich sein, dass der 25-jährige Außenstürmer bald nicht mal auf der Bank sitzen darf wie in der ersten Stunde in Bremen, sondern seine Freiheit vier Monate lang aufgeben muss. In der ersten Instanz hat ihn ein Gericht in Den Haag wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt, wobei zwei Monate auf Bewährung ausgesetzt sind. Vorerst ist er auf freiem Fuß, weil sein Anwalt Widerspruch eingelegt hat. Er habe nicht, wie vom Gericht geurteilt, einen 68-jährigen Rentner übel zusammengetreten (der soll sich Ellenbogen und Knöchel gebrochen haben). Es gäbe Zeugenaussagen, die behaupten, Misidjan habe sich nur selbst verteidigt, sagt sein Rechtsbeistand. Wann über die Berufung verhandelt wird, ist noch unklar.

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Mal abgesehen davon, wie das vertraglich geregelt ist, wenn Misidjan amtlich aus dem Verkehr gezogen wird, war für die Nürnberger aktuell etwas ganz anderes wichtig: Sie haben erneut bewiesen, dass sie in der ersten Bundesliga "angekommen sind", wie Sportvorstand Andreas Bornemann feststellte. Sie hatten nach der "schlechtesten ersten Halbzeit", wie Stürmer Mikael Ishak sagte, mit einigen Umstellungen in der Pause ein ausgeglichenes Spiel hinbekommen. Obwohl, wie Bornemann anfügte, gleich acht Leute bisher über keinerlei Bundesliga-Erfahrung verfügten. Geholfen haben dabei auch der Co-Trainer und ein Analyst auf der Tribüne, die noch besser erkennen konnten, wie man die Bremer Laufwege versperrt.

In der Liga ankommen, heißt für Club-Trainer Michael Köllner auch, "fußballerisch unterwegs zu sein". Das wurde ihm von Werder-Kollege Florian Kohfeldt gerne bestätigt. Und Bornemann errechnete, dass man statt zwei Punkten aus drei Spielen auch fünf hätte haben können. Wenn Ishak beim 0:1 in Berlin den Elfmeter verwandelt und Yuya Kubo in der letzten Szene in Bremen die Chance zum 2:1 nicht ausgelassen hätte. Das wäre am Schluss nicht einmal unverdient gewesen. Denn die Favoriten aus Bremen, die nach der 1:0-Führung durch das sehenswerte Tor von Maximilian Eggestein (27.) mit "Europapokal"- und "Deutscher Meister wird nur der SVW"-Rufen gefeiert wurden, zogen sich immer weiter zurück, während die Franken immer mutiger wurden.

Vergessen war, dass der Brasilianer Perreira, der wie Misidjan erst am letzten Transfertag von Sporting Lissabon ausgeliehen wurde, wegen seiner noch ausbaufähigen Defensivarbeit dem Trainer "einige Schwitzflecken auf dem Hemd" bescherte. Deshalb wurde er schließlich gegen den Torschützen ausgewechselt. Nicht ganz vergessen war dagegen, dass man sich schon in der 59. Minute über den vermeintlichen Ausgleich zwei Minuten lang gefreut hatte, bis Schiedsrichter Daniel Schlager in seinem ersten Bundesligaspiel den Treffer von Ondrej Petrak zurücknahm. Der Video-Assistent war sehr spät eingeschritten, weil er eine Abseitsstellung gesehen hatte. Ishak hatte vor der Flanke den im Abseits befindlichen Georg Margreitter angeköpfelt.

Es war zwar eine korrekte Entscheidung, aber für die jubelnden Nürnberger war das laut Köllner "mental wie ein K.-o.-Schlag". Irgendwann, ätzte der Coach, würde ein gegebenes Tor nach sechs Minuten wegen Haltens aberkannt. Die Zeitgrenze sei nicht klar, monierte der gegen den Videobeweis argumentierende Köllner. Ob seine Einwände beim Verband gehört werden? "Nein", sagte er, "ich kenne den DFB, ich habe zwölf Jahre für ihn gearbeitet."

Am kommenden Samstag kann der 1. FC Nürnberg im Heimspiel gegen Hannover 96 seinen nächsten Versuch unternehmen, drei Zähler einzufahren. Denn auch der Stolz über den Punktgewinn in Bremen und eine bundesligareife Leistung lässt Bornemann nicht entspannen. "Immer ein bisschen mitspielen und das eine oder andere Pünktchen zu sammeln, ist auf Dauer zu wenig", sagte der Sportvorstand. Ein bisschen Glück auf dem Rasen und vor Gericht würde da helfen.

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