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1. FC Nürnberg:Zwei Endspiele am Abgrund

Holstein Kiel v 1. FC Nürnberg - Second Bundesliga

Philip Heise ist nach dem 1:1 in Kiel deprimiert.

(Foto: Getty Images)

Der Club muss nach einem 1:1 am letzten Spieltag in Kiel die Relegation gegen den Abstieg in die dritte Liga bestehen. Der sportliche Niedergang hatte schon vorher eingesetzt.

In der vergangenen Woche hatte Robert Palikuca eigentlich nur noch einen Wunsch: "Hoffentlich", sagte der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, sei dies wirklich die letzte Woche dieser Saison. Hoffentlich, sollte das heißen, endet diese Spielzeit, in der es ursprünglich um den Wiederaufstieg in die erste Liga gehen sollte, für seinen Verein wirklich nach dem 34. Spieltag. Doch als die Nürnberger Fußballer nach dem 1:1 bei Holstein Kiel am Sonntag auf den Boden sanken, die Fassungslosigkeit in ihren Blicken, da wussten sie, dass diese Zweitligasaison tatsächlich noch weitergehen wird: Mit zwei Relegationsspielen gegen den Abstieg in die dritte Liga.

Schon vor dem letzten Spiel hatte es sich längst nicht mehr ändern lassen, dass der FCN im Jahr seines 120-jährigen Bestehens so schwach Fußball spielt wie selten in seiner Geschichte, von der Fans gerne betonen, dass sie "ruhmreich" ist - neunmal wurde Nürnberg deutscher Meister. In den vergangenen Jahren war diese Historie allerdings vielmehr von Abstiegen aus der Bundesliga geprägt, neun insgesamt, Rekord. In die dritte Liga ist Nürnberg jedoch erst einmal abgestiegen, 1996. Nun droht dies erneut. Weil der Karlsruher SC beim Nürnberger Erzrivalen Greuther Fürth 2:1 gewann, reichte das Unentschieden, das 13. der Saison, nicht aus, um den Absturz auf Rang 16 noch zu verhindern.

Ist Kellers Ablösung schon beschlossen?

Der Nachmittag begann eigentlich nach Plan: Während Fürth schon nach zwei Minuten in Führung ging, trafen die Nürnberger nach drei Minuten: Johannes Geis flankte den Ball mit einem Freistoß in den Strafraum, Patrick Erras sprang am höchsten und traf per Kopf zum 1:0. Es war die bestmögliche Konstellation, so betrug der Vorsprung auf den KSC fünf Punkte. Doch der Mannschaft von Trainer Jens Keller schien das nur in kurzen Phasen Sicherheit zu verleihen. Meistens spielte sie ähnlich wie in den Monaten zuvor.

"Wir sehen Kiel als Chance, als Möglichkeit, die ganze Scheißsaison mit einem Spiel zu einem akzeptablen Ende zu bringen", hatte Kapitän Hanno Behrens vor dem Spiel gesagt. Es war eine Saison, in der Palikuca, selbst erst kurz vor dem Bundesligaabstieg aus Düsseldorf gekommen, bereits im Herbst den im Sommer verpflichteten Trainer Damir Canadi entließ. In der vergangenen Woche berichtete dann die Bild-Zeitung, dass auch die Ablösung von Canadis Nachfolger Keller unabhängig vom Saisonausgang bereits beschlossene Sache sei. Palikuca dementierte das entschieden. Doch er selbst, der den Kader mit unzähligen Zugängen zusammengestellt hat, steht natürlich auch in der Kritik.

Nürnberg vergibt die Chance auf das 2:0

Noch vor zwei Wochen hatte es so ausgesehen, als würde die individuelle Klasse genügen, um immerhin den Abstieg zu verhindern. Mit 6:0 schlug Nürnberg den direkten Konkurrenten SV Wehen Wiesbaden. Doch die darauffolgende Begegnung gegen den VfB Stuttgart ging mit 0:6 verloren. Und die ganze Bedeutung der Höhe dieser ernüchternden Niederlage stand erst am Sonntag fest: Es sind zwei Tore, die Nürnberg zum punktgleichen KSC fehlen.

In Kiel hatte der FCN zunächst noch Chancen auf das 2:0, die beste vergab Geis, einer der vielen Zugänge im Sommer, als er einen Freistoß an die Latte schoss. Der 26-Jährige, einst U21-Nationalspieler, ist einer von vielen Fußballern im Kader, die im Zweitliga-Abstiegskampf verloren wirken. Umso länger das Spiel dauerte, umso weniger waren Nürnbergs Individualisten die Protagonisten. Umso größer schien die Angst vor dem Versagen zu werden.

Nürnberg verteidigte zunächst noch konzentriert, irgendwann aber nur noch tief. Und nachdem in Fürth der KSC das Spiel drehte, fiel in Kiel der Ausgleich: Innenverteidiger Asger Sörensen sprang nicht richtig mit hoch, als Lion Lauberbach per Kopfball traf (67.). Wie Geis ist Sörensen ein Sommerzugang, der zuletzt aber nur zum Einsatz kam, weil Dinos Mavropanos verletzt war, ein vom FC Arsenal geliehener Winterzugang, der vor der Corona-Pause die Nürnberger Hoffnungen auf einen glimpflichen Saisonausgang getragen hatte. Am Sonntag saß er nur auf der Bank.

Er sah eine dramatische Schlussphase, in der Nürnberg mit so weiten und hohen wie unpräzisen Pässen in den Strafraum angriff. In Mikael Ishak, Adam Zrelak und Fabian Schleusener standen drei eingewechselte Angreifer auf dem Platz, doch einzig der Verteidiger Sörensen vergab noch eine Kopfballchance. Kiel war mit zwei Pfostentreffern nach Kontern dem Siegtor näher.

Der Relegations-Gegner steht noch nicht fest

Nach jetzigem Stand wäre der FC Ingolstadt der Gegner in zwei Relegationsspielen am 7. und 11. Juli. Jener Klub also, bei dem Jens Keller in der vergangenen Saison vor dem Abstieg in die dritte Liga entlassen worden war. "Es geht nicht um mich, ich bin das kleinste Rädchen", hatte der Trainer über die Gerüchte um seine Ablösung gesagt. "Wir wollten den Sack zumachen. Jetzt müssen wir eine Ehrenrunde drehen", sagte er am Sonntag. "Wir müssen den Verein in der Liga halten, koste es, was es wolle. Heute müssen wir uns ärgern, aber ab morgen vorbereiten auf die Relegation", sagte Torwart Christian Mathenia.

Und auch der Sportchef Palikuca sprach noch mal über Hoffnung. In der Kabine habe er keine Resignation gesehen, sagte er, "sondern Aufbruchstimmung für die Relegation". Es sei noch keine Zeit für Analysen, das hatte er unter der Woche betont. Es sind keine erfreulichen Analysen, die in Nürnberg anstehen. Aber noch ist es dafür nun wohl weiterhin zu früh.

© SZ vom 29.06.2020/schm
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