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Relegation:Der Fußballgott reicht Nürnberg nochmal die Hand

das entscheidene Tor zum Klassenerhalt durch Fabian Schleusener (1. FC Nuernberg), Torwart Marco Knaller (FC Ingolstadt; Nürnberg

Das entscheidende Tor zum Nürnberger Klassenerhalt: Fabian Schleusener legt den Ball an Torwart Marco Knaller vorbei.

(Foto: Strisch /Eibner-Pressefoto/Imago/Imago/Eibner)

In der 96. Minute rettet sich der Club am Rande des Abgrunds und bleibt in der 2. Bundesliga. Michael Wiesinger will trotzdem nicht Trainer bleiben.

Von Sebastian Fischer, Ingolstadt

Michael Wiesinger hat mit dem 1. FC Nürnberg viel erlebt. Er ist als Spieler von der ersten Liga bis in die dritte Liga abgestiegen, 1996. Er ist wieder in die Bundesliga zurückgekehrt, 1998. Er ist wieder abgestiegen, 1999. Er wurde als Nürnberger Trainer gelobt und später entlassen, 2013. Er ist im vergangenen Jahr als Nachwuchsleiter zurückgekehrt. Er kenne diesen Verein, er trage ihn im Herzen, das hat er in den vergangenen Tagen immer wieder gesagt, in denen er als Interimstrainer helfen sollte, den größten Misserfolg in der jüngsten Vereinsgeschichte zu verhindern, den zweiten Abstieg in die Drittklassigkeit.

Am Samstagabend lief und hüpfte Wiesinger über den Rasen in Ingolstadt, er schrie und brüllte, später weinte er sogar ein bisschen. Er sagte: "Ich bin auch schon lange dabei, aber das hat natürlich nochmal alles getoppt." Und: "Wir müssen uns beim Fußball-Gott bedanken, dass er uns nochmal die Hand gereicht hat."

Der 1. FC Nürnberg, neunmaliger deutscher Meister, wird in der kommenden Saison weiter in der zweiten Bundesliga spielen. Das ist natürlich eigentlich kein Erfolg, Nürnberg ist im vergangenen Sommer mit der Ambition aus der ersten Liga abgestiegen, bald wieder zurückzukehren. Doch es haben nur Sekunden gefehlt, und der Club wäre nach zwei Relegationsspielen gegen den FC Ingolstadt abgestiegen. Es lief die sechste Minute der Nachspielzeit im Rückspiel, als ein Stürmer namens Fabian Schleusener den Verein rettete, indem er einem mit Verzweiflung in den Strafraum geschlagenen Ball hinterhergrätschte und ihn zum 1:3 in die Ecke drückte. Dann lief der Trainer los auf seinen Jubel-Lauf.

FC Ingolstadt v 1. FC Nürnberg - 2. Bundesliga Playoff Leg Two

Michael Wiesinger rennt zu seinen Spielern.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Wiesinger, 47, hatte vor rund zwei Wochen gemeinsam mit Marek Mintal, 42, für zwei Spiele die Mannschaft übernommen, die nach einer missratenen Saison am letzten Spieltag auf den Relegationsplatz abgestürzt war. Und im Hinspiel sah alles danach aus, dass sich der Favorit gegen den Drittliga-Vierten Ingolstadt durchsetzen würde, 2:0 gewann Nürnberg und hätte eigentlich noch höher gewinnen müssen. Auch im Rückspiel wirkte dieser Vorsprung lange ungefährdet, bis zur 53. Minute: Torwart Christian Mathenia faustete den Ball nach einem Freistoß gegen seinen Mitspieler Patrick Erras, Ingolstadts Stürmer Stefan Kutschke schoss ihn zum 1:0 ins Tor. Und aus einer Begegnung, die Nürnberg überlegen geführt hatte, wurde ein Fußballspiel mit der Angst. "Wir haben Ingolstadt zurück ins Leben geholt. Das war schon ein Spiel mit dem Feuer", sagte Wiesinger.

Viel war plötzlich offensichtlich, was Wiesinger und Mintal in einem Kurztrainingslager in Bad Gögging scheinbar abgestellt hatten: Die Mannschaft, mit einigen für die zweite Bundesliga überdurchschnittlich talentierten Individualisten besetzt, sprach kaum noch miteinander - und machte in der 62. und der 66. Minute kaum erklärbare Fehler: Zwei Standardsituationen verteidigten die Abwehrspieler eigentlich gar nicht, die vor dem 2:0 besonders grotesk: Nach einem Freistoß aus dem Halbfeld, hoch und weit geschlagen, lief Ingolstadts Tobias Schröck alleine durch den Strafraum und verlängerte den Ball per Kopf in die Ecke. Beim 3:0 stand Robin Krauße frei im Strafraum und verlängerte.

Wiesinger wird nicht Cheftrainer bleiben

Im Hinspiel hatte noch Dinos Mavropanos verteidigt, ein Abwehrspieler vom FC Arsenal, den Nürnberg im Winter ausgeliehen hatte, der eigentlich zu begabt für die zweite Liga ist und angeblich Interesse aus der Bundesliga auf sich gezogen hat. Am Samstag saß er angeschlagen auf der Bank. Doch auch gewöhnlichen Zweitligafußballern passieren solche Fehler natürlich eigentlich nicht. Allerdings: In dieser Saison des FCN war wenig gewöhnlich, unzählige Zugänge hatte der Sportchef Robert Palikuca verpflichtet und zwei Trainer entlassen. In den letzten Minuten des Spiels setzte er sich mit auf die Bank.

Es gibt viel zu besprechen, was die Zukunft dieses traditionsreichen Vereins angeht, der so gerne mit seiner ruhmreichen Vergangenheit kokettiert. Der Aufsichtsrat wird über die Zukunft von Palikuca beraten, Verträge mancher Protagonisten enden an diesem Sonntag. Wiesinger hatte in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dass er wieder in seinen Job als Nachwuchsleiter zurückkehren werde, er sagte es auch am Samstag wieder. Mintal, heißt es, könnte Trainer werden.

Nach dem Schlusspfiff werden Beleidigungen ausgetauscht

Doch es wäre noch viel mehr zu besprechen gewesen, hätte es die Nachspielzeit nicht gegeben, fünf Minuten eigentlich, in der sechsten stand plötzlich der eingewechselte Schleusener frei, weil sein Gegenspieler Nico Antonitsch im Zweikampf mit dem Nürnberger Michael Frey fiel, der Ball kullerte über die Line, es war Schleuseners erstes Saisontor, das Nürnberg nur deshalb reichte, weil auch in einer Geisterspiel-Relegation ein Auswärtstor bei Gleichstand doppelt zählt.

Ingolstadts Trainer Tomas Oral haderte mit der zusätzlichen Zeit, die Schiedsrichter Christian Dingert gewährte: "Da geht es drunter und drüber in der letzten Minute. Fakt ist, dass wir eine Nachspielzeit hatten, die für mich unverständlich ist." Ebenso kritisierte er, dass der VAR das Tor nicht zurücknahm: "Wenn Kontakt da ist, ist es ein Foul. Das ist natürlich brutal. Was soll ich dazu sagen."

Nach dem Schlusspfiff wurde es dann auf beiden Seiten emotional, Spieler gerieten aneinander, sogar Trainer Wiesinger, einst selbst Trainer in Ingolstadt, mit dem gegnerischen Stürmer Kutschke. Es wurden ein paar hässliche Beleidigungen ausgetauscht. Doch irgendwann ging selbst das im Nürnberger Jubel unter, der vor dem Stadion weiterging, Fans waren angereist. Hanno Behrens, der Nürnberger Kapitän, der mit dem Club auch schon aufgestiegen und wieder abgestiegen ist, sagte: "Ich denke, dass wir heute Abend feiern werden. Dann werden wir die Saison abhaken. Das war eine Scheiß-Saison, das weiß jeder." Und Wiesinger sagte: "Der Auftrag war, mit dem 1. FC Nürnberg in der zweiten Liga zu bleiben. Der Auftrag ist erfüllt."

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