Nürnberg Immer weiter

Ein Foul? So entschied Schiedsrichter Robert Kampka, anstatt das anschließende Tor von Hanno Behrens (links) zu geben – und Nürnberg wütete.

(Foto: Sportfoto Zink/imago)

Der Club entdeckt möglicherweise zu spät seine Konkurrenzfähigkeit, während Schalke 04 enttäuscht.

Von Sebastian Fischer, Nürnberg

Einmal schlafen werde eher nicht reichen, sagte Boris Schommers. Aber wenn es nach ihrem Trainer geht, dann sind die Spieler des 1. FC Nürnberg am Sonntagmorgen, zwei Nächte nach dem 1:1 gegen Schalke 04, nicht mehr enttäuscht aufgewacht. Dann glauben sie jetzt weiter daran, auch in der kommenden Saison noch Bundesligafußball zu spielen. So unwahrscheinlich das auch sein mag.

Nürnberg, der Tabellenvorletzte, ist durch das Unentschieden am Freitagabend nach der Niederlage des VfB Stuttgart am Samstag dem Relegationsplatz wieder nähergekommen, drei Punkte Rückstand, das ist zunächst mal das Ergebnis dieses Wochenendes. Einerseits fühlte sich das 1:1 für den Club zwar enttäuschend an, da Matija Nastasic nach der ersten echten Schalker Torchance in der 85. Minute das Führungstor durch Yuya Kubo aus der 82. Minute ausgeglichen hatte, das nach Schommers' Zählung der neunten Nürnberger Großchance des Abends entsprungen war. Andererseits sagte der Interimstrainer: "Wenn man das Spiel sieht, kann man nur guter Hoffnung sein."

Seit dem 15. Spieltag belegt der Club einen Abstiegsplatz, zwischenzeitlich gewann er 20 Spiele lang nicht. Die Serie endete im sechsten Spiel, nachdem Schommers, bis dahin Assistent, den Job von Michael Köllner übernahm. Nun bleiben nur noch fünf Spiele, die nächsten in Leverkusen und gegen die Bayern, um die Abstiegsränge zu verlassen. Es hat also etwas Tragisches, dass Schommers nun Formation und Form des Teams so entwickelt zu haben scheint, dass es konkurrenzfähig ist: "Wir reden mittlerweile nicht nur davon, dass diese Mannschaft über Leidenschaft und Engagement alles abruft, sondern sogar spielerisch sehr gute Akzente setzt."

Nürnberg gewann gegen Schalke mehr Zweikämpfe und wurde sogar nicht nur durch Konter, sondern mit Angriffen aus eigenem Ballbesitz torgefährlich. "Wir haben dieses Spiel dominiert", sagte Schommers. Schon zur Pause hätte es 1:0 stehen müssen, Schiedsrichter Robert Kampka pfiff ein eigentlich reguläres Tor von Hanno Behrens kurz vor der Halbzeit wegen eines vermeintlichen Fouls an Schalkes Torwart Alexander Nübel zurück. "Eine klarste Fehlentscheidung", sagte Schommers, die der Schiedsrichter im Gespräch zugegeben habe; er pfiff, anstatt die Einschätzung des Videoassistenten abzuwarten. Kurz darauf gab er nach einem Foul von Nübel an Nürnbergs Matheus Pereira Elfmeter. Nübel hielt gegen Behrens.

Wer nach Spielern sucht, die für die jüngste Entwicklung des Clubs stehen, der kommt am Kapitän, 29, kaum vorbei. Am Freitag wirkte er geradezu verzweifelt, am Samstag sammelte er für den guten Zweck Müll vor dem Stadion auf und posierte mit etwas gequältem Lächeln für Fotos, immer weiter eben. Für die spielerische Entwicklung des Teams steht dagegen eher der von Sporting Lissabon geliehene Pereira, 22. In der Hinrunde spielte er kaum, im Februar fiel er erstmals richtig auf, mit einer roten Karte wegen einer Tätlichkeit in der vierten Minute gegen Düsseldorf. Doch in den vergangenen drei Spielen nach seiner Sperre war er jeweils an einem Tor beteiligt. Seine Flanke auf Kubo war gegen Schalke nur eine von mehreren gelungen Aktionen.

Nürnberg spielt im April wie ein Abstiegskandidat, der sich mit Überzeugung und aller zur Verfügung stehenden Fertigkeit gegen den immer wahrscheinlicheren Abstieg wehrt. Am Freitag fiel das auch deshalb auf, weil sich in Schalkes Team zwar diverse Spieler mit verschiedenen Fertigkeiten befinden - ihnen aber offenbar die Überzeugung fehlt, diese auf dem Platz auch zu demonstrieren. Schalke spielte wie der eigentliche Abstiegskandidat.

"Zweifel", sagte der auf standesgemäße Grimmigkeit bedachte Schalker Interimstrainer Huub Stevens, als er nach dem Spiel nach den Gründen dafür gefragt wurde. Zweifel seien ein "schlechter Ratgeber. Du darfst nicht zweifeln." Doch woran die Schalker hätten glauben sollen, das war auch nicht deutlich geworden. Eine detailliertere Analyse lieferte Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund und TV-Experte für Eurosport. "Das ist wie Kinderfußball" sagte er. "Kein Aufbauspiel, kaum Positionsspiel." Er schloss: "Entweder es wird nicht eingefordert, oder sie können es nicht besser." Das Tor fiel glücklich, durch einen abgefälschten Schuss nach einer Ecke. Der einzige Spieler in Hochform war Torwart Nübel, 22, der auch nach dem Elfmeter immer wieder Nürnberger Großchancen parierte. "Außer Nübel könnt ihr alle geh'n", sangen die Schalker Fans.

Der Abstieg ist bei sechs Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz dennoch ein unwahrscheinliches Szenario. Und so hat Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider bei der Suche nach Personal für die kommende Saison einen Vorteil vor Robert Palikuca, der am Montag in Nürnberg seinen Job als Sportchef antritt. Palikuca weiß noch nicht, für welche Liga er plant. Und das soll möglichst auch noch ein paar Wochen so bleiben.