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Nürnberg - Fürth:Skandi­navische Entfesslungskünstler

1. FC Nürnberg v SpVgg Greuther Fürth - Second Bundesliga

Freude in Grün: Fürths Branimir Hrgota wird von seinem Sturmkollegen Harvard Nielsen zu seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 3:1 beglückwünscht – zuvor hat Nielsen zwei Mal getroffen.

(Foto: Adam Pretty/Getty Images)

Im Frankenderby erobert die SpVgg Greuther Fürth die Tabellenspitze der zweiten Liga. Der Club befindet sich dagegen in einem "Wellental".

Von Thomas Gröbner

In den letzten Minuten geriet dieses Derby noch einmal ins Rutschen, deshalb stürmte Nürnbergs Trainer Robert Klauß zu Schiedsrichter Felix Brych, um die Uhren zu vergleichen. Um ein paar Sekunden hätte Klauß gerne noch gefeilscht, er hatte ja diesen Fabian Schleusener eingewechselt, der in Nürnberg so etwas ist wie ein Experte für späte Glücksmomente. Aber Brych hatte schon abgepfiffen, die Fürther tanzten bereits und sangen "Derbysieger, Derbysieger, hey, hey" nach dem 3:2 (2:1) - da konnte selbst ein Schleusener nicht mehr viel ausrichten. Der Norweger Havard Nielsen hatte das Spiel mit zwei Toren und klugen Pässen entschieden. Als Derbyheld wollte sich Nielsen aber nicht sehen. Naja, sagte er, vielleicht als ein "kleiner Derbyheld".

Fürths Trainer Stefan Leitl hatte sich vorher geweigert, die Bedeutung des Frankenderbys runterzureden: "Man braucht das nicht kleiner machen, als es ist." Nun wurde der Sieg auch noch mit der Tabellenführung belohnt, weil der Hamburger SV in Heidenheim strauchelte und zum zweiten Mal nacheinander verlor (2:3). Fürth ganz oben - das gab es zuletzt vor sieben Jahren, ebenfalls am neunten Spieltag. Leitl sagte auch dazu: "Das braucht man nicht klein zu reden."

Auch wenn es nur eine schöne "Momentaufnahme" sei. Für die Nürnberger hingegen war es ein Tag der schnellen Nackenschläge, von denen sie sich am Ende nicht mehr erholten: Drei Minuten waren gespielt, da fand ein langer Pass den Schweden Branimir Hrgota, der steckte den Ball durch auf den Norweger Havard Nielsen - und der lupfte ihn über Nürnbergs herausstürzenden Schlussmann Christian Mathenia. Der Club hatte zwar schnell eine Antwort: Robin Hack flankte auf den zweiten Pfosten, Manuel Schäffler nutzte seine 1,89 Meter und traf per Kopf (7.). Aber die skandinavischen Entfesselungskünstler Hrgota und Nielsen konnten sich immer wieder aus der Deckung der Nürnberger befreien - mit fatalen Folgen für den Club. Es war wieder Nielsen, der sich freischlich, freundlich geleitet von der Nürnberger Defensive aufs Tor zulief und aus 20 Metern den Ball in den Winkel setzte zur erneuten Führung (37.). "Wir begleiten nur, statt zuzupacken", analysierte Klauß nach dem Spiel. Warum die Bissigkeit fehlte in den Aktionen der Nürnberger? Das konnte er auch nicht schlüssig erklären.

In der Pause warf Klauß dann sein taktisches Konzept über den Haufen. Er hatte ja die Taktik angepasst an den Fürther Kombinationsfußball und seinen Innenverteidigern den Mittelfeldspieler Tom Krauß zur Seite gestellt, um die Fürther Stürmer in den Griff zu kriegen. Angesichts des Rückstands schickte er Krauß in sein natürliches Habitat, um für mehr Wucht nach vorne zu sorgen. Aber statt eines Sturmlaufs folgte der nächste Rückschlag: Wieder dauerte es nur wenige Minuten, dann zappelte der Ball im Tor. Einen Nürnberger Ballverlust im renovierten Mittelfeld nutzte Fürth zum Überfall, Ernst steckte durch auf Hrgota, der erhöhte auf 3:1 (47.). "Das war ein klarer Wirkungstreffer, wir sind getaumelt", sagte Club-Trainer Klauß, der in dieser Phase verzweifelt mit den Händen ruderte und "Weiter, weiter!" rief. Aber es waren die Fürther, die weitermachten, wobei sie gnadenlos die Nürnberger Schwächen offenlegten.

Der Nachbar aus Fürth, das ist die bittere Erkenntnis dieses Sonntags für Nürnberg, scheint in diesen Tagen eine Nummer zu groß zu sein. "Wir hätten das vierte, fünfte Tor nachlegen können", sagte Leitl später, allein Julian Green traf zweimal die Latte. Nur weil es Fürth verpasste, den Club-Spielern vollends den Glauben zu rauben, blieb Nürnberg im Spiel.

Und die Spielvereinigung kam dem Nachbarn auch in Person von Hans Nunoo Sarpei zu Hilfe: Er rutschte im Strafraum aus - und Nicola Dovedan konnte bequem den Anschluss herstellen (78.). Das Spiel drohte nun zu kippen, "wir haben sie hinten eingeschnürt", sagte Schäffler danach. Es war dann der eingewechselte Schleusener, der immer wieder für Gefahr sorgte. Er hatte ja in der vergangenen Relegation in der Nachspielzeit gegen Ingolstadt die Nürnberger überhaupt in der Liga gehalten. Nun tauchte er zweimal gefährlich vor Fürths Schlussmann Sascha Burchert auf, und in der Nachspielzeit setzte er einen Kopfball am Tor vorbei. Späte Glücksmomente lassen sich nicht immer erzwingen, das mussten die Nürnberger einsehen an diesem Tag.

"Wir müssen den Kopf oben behalten", sagte ihr Torschütze Schäffler danach, sein Chef Klauß sieht den Club in einem "Wellental" - nach dem Sieg in der Vorwoche über Osnabrück scheint der Kopf gerade wieder unter Wasser zu sein. Wie weitermachen nun? "Training, Video, Training, Video, Training", antwortete Klauß.

Und die Fürther? Die wollen bloß nicht auf die Tabelle schauen. Vor sieben Jahren scheiterten sie am Ende der Saison in der Relegation am damaligen Bundesligisten Hamburger SV. Das kann diesmal nicht passieren.

© SZ vom 30.11.2020
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