Nürnberg - Augsburg Glanz, Gloria, Vanitas

Zwei Versicherungen, Drei im Weggla und eine rappende Legende: Zwischen dem FCN und dem FCA gibt es ein paar Gemeinsamkeiten - und sehr viele Unterschiede.

Von Markus Schäflein

Nürnberg hat seine Rostbratwürste, Augsburg hat gar keine eigene Spezialität. Obwohl die Stadt – meist abfällig gemeint – als „Datschiburg“ bezeichnet wird, kommt nicht einmal der Datschi ursprünglich von dort. Dafür hat die Stadt wenigstens eine Puppenkiste mit berühmten Figuren wie Urmel aus dem Eis.

(Foto: Jens Wolf / dpa, Johannes Simon)

An diesem Samstag (15.30 Uhr) treffen sich der 1. FC Nürnberg und der FC Augsburg in der Fußball-Bundesliga zum Derby - angesichts der Tabellensituation womöglich zum vorerst letzten Mal. Die Nürnberger haben als Letzter mit 13 Punkten nur noch geringe Chancen auf den Klassenverbleib, die Augsburger mit derzeit 25 Zählern beste Aussichten. Aber das heißt ja nicht, dass der FC Augsburg besser ist. Ein Vergleich.

Die Legende(n)

Der FC Augsburg hat eine Legende: Helmut Haller. Von 1957 bis 1959 und in der Saison 1961/62 spielte er für den BC Augsburg in der Oberliga, bereits 1958 wurde er Nationalspieler. Für ein Handgeld von 300 000 DM wechselte der gebürtige Augsburger 1962 zum italienischen Erstligisten FC Bologna, für den er sechs Jahre spielte. Dort liebten die Fans den technisch beschlagenen Mittelfeldspieler, weil er den schönen Fußball und "La dolce vita" zu schätzen wusste. Nach weiteren fünf Jahren bei Juventus Turin kehrte er nach Augsburg zurück, wo sich viel getan hatte: Der BCA und der Lokalrivale TSV 1847 Schwaben Augsburg waren zum FC Augsburg fusioniert, dieser spielte in der zweiten Bundesliga und erlebte durch Hallers Rückkehr einen Zuschauerboom.

Der Club hingegen ist, zumindest laut Vereinshymne, selbst eine Legende, und er hat sehr viele Legenden. Den Torwart Heiner Stuhlfauth mit der tief ins Gesicht gezogenen Schiebermütze etwa, der von 1916 bis 1933 für Nürnberg 606 Spiele bestritt, dabei fünf Mal deutscher Meister wurde und Wirt der Sebaldusklause war. Oder Max Morlock, 1948 bis 1961 deutscher Meister mit dem Club, Weltmeister von 1954, nach dem das Stadion benannt ist. Oder Vlado Kasalo, der 1991 in zwei Spielen nacheinander Eigentore erzielte. Ermittlungen wegen Wettbetrugs brachten kein Ergebnis, er wurde allerdings wegen illegalen Glücksspiels zu einer Gefängnisstrafe verurteilt - und wegen Fahrens ohne Führerschein.

Der Hauptsponsor

Beide Klubs haben eine Versicherung als Hauptsponsor. Schwer zu sagen, welche besser ist, das liegt wohl im Auge des Vermittlers. Beide wurden im Jahre 1884 gegründet. Die Nürnberger Versicherung ist allerdings deutlich größer, wenn man die Zahl der Mitarbeiter (4187) betrachtet, als die WWK (1120). Vor allem jedoch hat sie das deutlich schönere Logo, darin ist nämlich die Nürnberger Burg zu sehen. Das macht sich auf den Trikots natürlich schon schick, auch wenn sich kaum behaupten lässt, dass das Max-Morlock-Stadion in dieser Saison eine Festung ist.

Die Kulinarik

Nürnberg hat seine Nürnberger Rostbratwurst, eine Brühwurst aus Schweinefleisch, gewürzt mit Majoran. Wichtig ist, dass die Masse eine feine Struktur von drei Millimetern Körnung hat und in Schafsaitlinge mit einem Durchmesser von 15 Millimetern abgefüllt wird. Zudem muss die Wurst zwischen sieben und neun Zentimeter kurz sein. Außerdem ist die Bezeichnung "Original Nürnberger Rostbratwurst" von der EU-Kommission geschützt. Nur Bratwürste, die im Stadtgebiet von Nürnberg und nach der festgelegten Rezeptur gefertigt werden, dürfen so heißen. "Drei im Weggla" sind natürlich auch das Standardgericht im Stadion.

Ein typisches Gericht für Augsburg zu finden, ist hingegen schwierig. Trotz des "Augsburgischen Kochbuchs" von Sophie Juliane Weiler aus dem Jahre 1788, das 1835 von ihrer Tochter Jakobine um einen zweiten Band erweitert wurde, kann man schwerlich von speziellen Augsburger Gerichten sprechen; Maultaschen, Schupfnudeln und Kässpätzle entstammen alle der gesamtschwäbischen Regionalküche. Pikant: Obwohl die Stadt - meist abfällig gemeint - als "Datschiburg" bezeichnet wird, kommt nicht einmal der Datschi ursprünglich aus Augsburg.

Der Sport-Geschäftsführer

Beim FC Augsburg arbeitet seit Dezember 2012 der frühere Nationalspieler Stefan Reuter, er hielt den Verein mit einem im Vergleich niedrigen Etat konstant in der Bundesliga. Meist tritt Reuter besonnen und ruhig auf, man könnte auch sagen: langweilig. Auch bei Misserfolgsserien hielt er so lange an Trainern fest, bis die Augsburger Allgemeine fand: "Das Modell Reuter gehört auf den Prüfstand." Am Ende hatte er immer Erfolg.

Beim 1. FC Nürnberg arbeitet derzeit niemand als Sport-Geschäftsführer. Der Aufsichtsrat sucht noch einen Nachfolger für Andreas Bornemann, der Mitte Februar entlassen wurde - angesichts der miesen Saison, die wenig überraschend kommt: Bornemann gab ganz wenig Geld aus, das war nötig, weil sein Vorgänger Martin Bader ganz viel Geld ausgegeben hatte.

Das Stadion

Die nach einer Versicherung benannte Augsburger WWK Arena fasst 30 660 Zuschauer, das nach einer Legende benannte Max-Morlock-Stadion 50 000. Während in Augsburg eine Fußballarena moderner Prägung steht, die erst 2009 nach dem Auszug aus dem altehrwürdigen Rosenaustadion eröffnet wurde, ist das Max-Morlock-Stadion mit seiner Laufbahn altehrwürdig. Obwohl es auch schon Städtisches Stadion, Victory Stadium, Frankenstadion, easyCredit-Stadion, Stadion Nürnberg und Grundig Stadion hieß.

Die Saison

Der FC Augsburg ist mit 25 Punkten derzeit der Anführers des Quintetts, das noch um den Klassenverbleib kämpft. Dabei sah es lange schlecht aus für den FCA, zwischen dem 10. und dem 19. Spieltag gelang ihm kein einziger Sieg. Reuter trat besonnen und ruhig auf und hielt an Trainer Manuel Baum fest. Und zuletzt gelangen den Datschiburgern Siege gegen Hannover und gegen Dortmund (!) sowie ein 0:0 in Leipzig (!). Angesichts der Schwäche der Konkurrenten war das womöglich vorentscheidend, mit einem Sieg in Nürnberg wäre der Verein bereits die größten Sorgen los. Beim Tabellenletzten aus Nürnberg (13 Punkte) könnte man bei derzeit sieben Zählern Rückstand auf den Relegationsplatz von einem Endspiel reden, aber Trainer Boris Schommers sagt: "Es ist ein sehr wichtiges Spiel, aber kein Endspiel. Es gibt auch am Samstag nur drei Punkte." Wobei man sich wundert, dass sich Schommers überhaupt noch daran erinnert, wie viele Punkte es für einen Sieg gibt: Seit 20 Spielen hat der 1. FC Nürnberg nicht mehr gewonnen. Der Aufsichtsrat blieb besonnen und ruhig und entließ neben Bornemann Trainer Michael Köllner. Lediglich zu Saisonbeginn, mit der Euphorie des Aufstiegs im Rücken, waren zwei Siege gelungen: Am 4. Spieltag ein 2:0 gegen Hannover, am 6. Spieltag ein 3:0 gegen Düsseldorf.

Die Personalsituation

Die Einsätze der Augsburger Jonathan Schmid und Dong-Won Ji sind offen. Schmid erlitt im Testspiel gegen Dynamo Dresden (2:1) einen Bluterguss an der Fußsohle, Ji kehrte angeschlagen von der südkoreanischen Nationalmannschaft zurück. Beim Club ist der wichtige Verteidiger Georg Margreitter nach Rückenproblemen wieder im Kader zurück. Offensivspieler Matheus Pereira ist nach seiner Rot-Sperre wieder eine Option.

Die Hymne

"Rot, Grün, Weiß / sind die Farben unseres Traums, der FC Augsburg heißt / Und den tragen wir im Herzen dieser schönen Stadt / mit den wunderbarsten Fans, die nicht ein jeder hat / Du bist Glanz und Gloria / Unser FCA." So lautet der Text der Augsburger Hymne, in der auch der 2012 verstorbene Helmut Haller in einer Art Rap-Einlage in der Mitte des Liedes zu hören ist - verstörend. Alternativ wird auch mal Musik der Augsburger Puppenkiste gespielt. Die Nürnberger Hymne greift das Vanitasmotiv der Barockdichtung auf und erinnert an die Vergänglichkeit alles Irdischen (außer dem Club): "Die Legende lebt / wenn auch die Zeit vergeht / Unser Club, der bleibt besteh'n! / Die Legende lebt, wenn auch der Wind sich dreht / Unser Club wird niemals untergeh'n!" Das ändert freilich nichts daran, dass die besten Zeiten des 1. FCN längst vorbei sind.