WimbledonDer ewige Novak zeigt es wieder allen

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Novak Djokovic wird an diesem Freitag sein 55. Grand-Slam-Halbfinale bestreiten. Nun wartet der ultimative Herausforderer auf ihn.
Novak Djokovic wird an diesem Freitag sein 55. Grand-Slam-Halbfinale bestreiten. Nun wartet der ultimative Herausforderer auf ihn. Henry Nicholls/AFP

39 Jahre alt? Erschöpft? Novak Djokovic beweist im längsten Viertelfinale der Wimbledon-Geschichte, warum er der zäheste Tennisprofi ist – und erklärt, was ihn immer noch antreibt.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

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Nach dem vorletzten Ballwechsel der 374 Punkte, die die beiden am Ende gespielt hatten, konnten sie nicht mehr. Auf der einen Seite stand Felix Auger-Aliassime und stützte sich auf seinem Schläger ab. Auf der anderen Seite machte Novak Djokovic das Gleiche. Wie alte Männer, die beim Spaziergang mit ihren Gehstöcken durchschnaufen, verharrten sie in dieser Pose. Sie hatten sich gegenseitig über den Rasenplatz des Centre Courts von Wimbledon gescheucht, in die Ecken getrieben, nie nachgelassen. Die Zuschauer tobten, als sich alles zuspitzte in dieser Partie, die nach dem allerletzten Punkt direkt ins Geschichtsbuch dieses Grand-Slam-Turniers gewandert ist. Auf der Uhr stand eine Spielzeit von fünf Stunden und 15 Minuten. Ein längeres Viertelfinale hat es im All England Club noch nie gegeben.

„Es war, ehrlich gesagt, eines der besten Matches, die ich in meiner Karriere auf diesem Platz bestritten habe. Genau für solche Momente spiele ich immer noch Tennis“, sagte Djokovic, als er auch den letzten Punkt verbucht hatte und nur Minuten später am Mikrofon stand. Nach dem 7:6 (10), 3:6, 6:3, 6:7 (4), 7:6 (10:4) hatte er sich tatsächlich wieder behauptet: der 39-jährige Serbe, der ewige Novak. Der immer noch spielt, kämpft, rackert, grätscht, rutscht, hadert, jubelt, während sich seine alten Widersacher Roger Federer, 44, und Rafael Nadal, 40, längst im Ruhestand befinden. Federer war erst tags zuvor schön entspannt in der Royal Box zu sehen gewesen, er lässt es sich gut gehen. Und wie immer, wenn dieser Ausnahmesportler Djokovic siegt, geht es um Dimensionen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen.

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Djokovic wird an diesem Freitag sein 55. Grand-Slam-Halbfinale bestreiten. Man muss sich das vor Augen führen: Würde er alle diese Matches hintereinanderlegen, hätte er fast 14 Jahre nonstop in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York in der Runde der letzten Vier gespielt. Djokovic ist jetzt nach Federer (Australian Open) und Nadal (Roland Garros) der dritte Spieler in der Profi-Ära (seit 1968), der bei einem einzigen Grand-Slam-Turnier 15 Mal das Halbfinale erreichte.

Was sagt Djokovic dazu? Beim Interview auf dem Platz unterbrach er den Moderator, als dieser mit Zahlen anfing: „Für mich steht das nächste Match an.“ Nach seiner Karriere wolle er sich seine Statistiken ansehen, versprach er immerhin. Dafür wird sich Djokovic Zeit nehmen müssen. Die Liste seiner Bestleistungen ist lang.

Novak Djokovic ist ein Getriebener, nach wie vor

Um zu verstehen, was ihn noch antreibt, obwohl er 24 Grand-Slam-Pokale zu Hause stehen hat und sein Preisgeld bald die 200-Millionen-Dollar-Grenze überschreitet, musste man ihm nur in dieser Dienstagnacht zuhören. Sein Ehrgeiz ist sein Wegweiser. „Ich versuche immer noch, mir selbst und anderen zu beweisen, dass ich mit den besten Spielern der Welt mithalten und sie auf der größten Bühne schlagen kann“, sagte er, und: „Ich habe immer die höchsten Erwartungen an mich selbst.“ Lockerlassen? So tickt er nicht. „Ich kann sehr selbstkritisch und sehr hart zu mir sein“, gab Djokovic zu. Er ist ein Getriebener, nach wie vor, doch er lässt auch Freude zu. „Gleichzeitig versuche ich auch, solche Momente zu genießen“, sagte er, nachdem er vor dem in sich kauernden Auger-Aliassime ein Tänzchen für seine beiden Kinder auf der Tribüne aufgeführt hatte.

Wie sehr Djokovic in Wimbledon Liebe entgegenschlägt, ist bemerkenswert, er hatte hier oft auch ein komplizierteres Verhältnis zum Publikum, das manchmal dazu neigte, nur alles, was britisch ist, sowie jeden, der Roger Federer heißt, hochleben zu lassen. Diesmal wird Djokovic stets gefeiert, viele Novak-Rufe ertönten, und er selbst strahlt auch Freude aus, immer wieder kommunizierte er mit dem Publikum, lachend, scherzend.

Und Djokovic hatte auch Spaß daran, dass sich sein Duell mit dem Weltranglistenvierten Auger-Aliassime zu einem Wettlauf gegen die Uhr entwickelte. „Die Zuschauer waren von den Sitzen aufgestanden, besonders in den letzten 30 Minuten des Spiels. Sie wussten auch um die Besonderheit des Moments, da „wir gegen die Sperrstunde kämpften, die kurz nach 23 Uhr greifen würde“, sagte er. In Wimbledon darf aus Lärmschutzgründen nicht länger gespielt werden. Jedes Jahr gibt es dazu Debatten, aber so ist es eben. Hätte das Match sieben Minuten länger gedauert, hätte es unterbrochen und am Mittwoch fortgesetzt werden müssen.

Djokovics Gegner im Halbfinale wird Jannik Sinner sein. Den italienischen Weltranglistenersten hatte er in der gleichen Runde im Januar bei den Australian Open besiegt. „Ich war frischer, da ich aus einer mehrmonatigen Pause und Vorbereitungsphase kam“, erinnerte sich Djokovic und meinte: „Jetzt ist die Situation etwas anders.“ Über seine Chancen wollte er nicht reden, seine Bilanz steht ohnehin fest: „Für mich ist das ein weiterer großartiger, historischer Lauf bei einem Grand-Slam-Turnier. Das ist, was am meisten zählt.“

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