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Adria-Tour von Novak Djokovic:Auf die Ballermann-Art

Corona, war da was? Novak Djokovic und Tennis-Kollegen inmitten von Ballkindern.

(Foto: AP)

Eigentlich ist Tennis ein sicherer Nichtkontakt-Sport. Aber Djokovic wollte aus seiner Adria-Tour unbedingt eine heiße Party machen - nach einigen positiven Corona-Fällen erntet er viel Kritik.

Von Barbara Klimke

Eine bunte Bilderflut hat der internationale Partytross veröffentlicht, der in den vergangenen Tagen, Tennisschläger im Gepäck, Serbien und Kroatien bereiste. Umarmung am Flughafen, Fußballbegrüßungsturnier, fröhliches Tackling beim Basketballspiel, eine Clubnacht mit Strip Dancing - und natürlich Tennismatches vor Publikum und dicht besetzten Rängen. Die letzte Aufnahme in diesem Bilderreigen, gepostet Sonntagnacht auf Instagram, zeigt den bulgarischen Tennisprofi Grigor Dimitrow, 29, im Bett liegend, mit schwarzem Mundschutz, gestützt auf gelbe Kissen. Er bitte alle um Verzeihung, die er möglicherweise in Gefahr gebracht habe, schreibt er dazu. Verbunden ist diese Entschuldigung mit einem dringenden Appell an jeden, mit dem er in den vergangenen Tagen zusammentraf, sich bitte testen zu lassen. Dimitrows eigener Befund: Covid-19-positiv.

So endet die sogenannte Adria-Tour, ein umstrittenes Einladungsturnier für ausgewählte Kollegen, das der Weltranglistenerste Novak Djokovic mitten in der Pandemie im Stile eines Ballermann-Wettbewerbs organisiert hatte, wie befürchtet: im Eklat. Ein am Sonntagabend am kroatischen Gruppenspielort Zadar vorgesehenes Finale musste in letzter Minute abgeblasen werden. Dann wurde der zweite Corona-Fall bekannt. Auch der 23-jährige Kroate Borna Coric, Nummer 33 der Weltrangliste, ist Covid-19-positiv, gleiches gilt für den Serben Viktor Troicki, einst Nummer zwölf der Weltrangliste, der bei der ersten Station in Belgrad mitgespielt hatte. Coric wiederrum hatte am Samstag in einem Match den sichtlich geschwächten Dimitrow geschlagen.

Noch in der Nacht veranlasste Djokovics Organisationsteam Virustests bei allen Akteuren und rief Kontaktpersonen pauschal zu einer 14-tägigen Selbstquarantäne auf. Serbischen Medienberichten zufolge sollen sich angeblich auch ein Fitnesstrainer und ein Coach angesteckt haben. Doch die Vorsichtsmaßnahmen kamen zu spät. Lange hatte der Branchenprimus, der zugleich als Präsident des Spielerrats der Profivereinigung ATP fungiert, alle Warnungen hochmütig in den Wind geschlagen. In demonstrativer Sorglosigkeit verwies Djokovic auf die Einhaltung der behördlichen Vorgaben an den Tourneestandorten der Balkanländer; dass er nun auf seiner Adria-Tour das erste Seuchenduell zweier Corona-Infizierter im Tennis zu verantworten hat, trägt ihm, bei allem Mitgefühl für die Betroffenen, den geballten Ärger der Szene ein.

"Holzkopf" nannte ihn der Australier Nick Kyrgios, ein Profi, der in der Vergangenheit ebenfalls zu impulsiven Entscheidungen neigte, der in der Pandemie aber gebetsmühlenartig zur Einhaltung der Infektionsschutzregeln mahnt. So etwas passiere, "wenn man alle Vorschriften ignoriert", schrieb er auf Twitter. Ein "schlechtes Vorbild", befand der Brite Dan Evans. Der Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, Dirk Hordorff, befürchtet eine verheerende Außendarstellung für seinen Sport. Zudem sorgt er sich um all jene, die sich möglicherweise angesteckt haben, ohne dass die breite Öffentlichkeit wohl jemals davon erfahren wird: Denn zu den bunten Bildern von Novak Djokovic und seiner Tennis-Gang zählt auch eines, das sie bei einem Interview umringt von Passanten zeigt, darunter Kinder.

"Wer es jetzt nicht verstanden hat, dem ist wirklich nicht zu helfen"

Der Tennissport hat anders als etwa Turniertanz, Handball oder Fußball den Vorteil, dass er zwei Kontrahenten durch ein Netz voneinander isoliert: Social Distancing könnte also prinzipiell selbst bei hitzigsten Ballgefechten gewährleisten sein. Deshalb gipfelt der Hauptvorwurf an Djokovic nun darin, dass er aus einer Nichtkontaktsportart vorsätzlich einen Kontaktsport machte, indem er die Gegner ohne Not ständig im Rahmenprogramm zusammenführte - Clubbing inklusive. Ein "katastrophales Bild", wie Hordorff findet.

Denn auch der Deutsche Tennis Bund hat eine Turnierserie für seine Spieler ins Leben gerufen, "coronagerecht, auf Abstand, regional", wie Hordoff sagt: ohne Ballkinder und Linienrichter, weitgehend publikumsfrei, das sei die einzige Möglichkeit in dieser Zeit. Jedem Akteur werden eigene Handtücher ausgehändigt, der DTB sei wegen seiner Betulichkeit schon belächelt worden, so Hordorff: "Aber das ist kein Happening, was wir machen."

Wie bizarr Djokovics Beharren auf Nationalstaatsregeln statt auf allgemeinen Menschenverstand war, wird deutlich, wenn sich das Schlaglicht auf die Reisetätigkeit der Tennisprofis richtet. Als Grigor Dimitrows Befund den Rest der Adria-Truppe erreichte, war er längst nach Monte Carlo zurückgekehrt. Viren werden bekanntlich nicht durch Passkontrollen gestoppt. Dominic Thiem beispielsweise, der die erste Etappe der Adria-Tour in Belgrad gewonnen hatte, ließ sich anschließend in Österreich testen; danach ist er nach Frankreich zum Show-Turnier des Tennistrainers Patrick Mouratoglou gejettet und hat dort gegen Richard Gasquet sowie den Griechen Stefanos Tsitsipas gespielt. Vom 7. bis 11. Juli will Thiem sein eigenes Wettkampfspiel in Kitzbühel ausrichten. Auf der vorläufigen Einladungsliste: zwei alte Bekannte, Grigor Dimitrow und Borna Coric.

Zudem wird Thiem mit seinem Kumpel Alexander Zverev, ebenfalls Adria-Tour-Teilnehmer, auch in Berlin erwartet, wenn dort in drei Wochen das nächste private Turnier stattfindet. "Das Hygiene- und Gesundheitskonzept ist mit den Gesundheitsämtern von Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg abgestimmt", teilt der Sprecher des Veranstalters vorsorglich mit. Zudem würden alle Spieler und Spielerinnen in Berlin vor dem ersten Aufschlag auf das Virus getestet.

Zverev übrigens hat mit einiger Erleichterung vermeldet, dass sein erster Befund negativ ausfiel. Vielleicht war es ein Warnschuss zur rechten Zeit, hofft DTB-Vize Hordorff: "Wer es jetzt nicht verstanden hat, dem ist wirklich nicht zu helfen."

© SZ vom 23.06.2020/ska

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