Novak Djokovic Gut massiert

Handauflegung: Zweimal lies sich Novak Djokovic in seiner Halbfinal-Partie gegen Gael Monfils an der Schulter behandeln.

(Foto: Jewel Samad/AFP)

Wie fit ist Finalist Novak Djokovic? Fitter jedenfalls als die Konkurrenten: Auf dem Weg ins Endspiel profitiert er zum vierten Mal von den Schwächen eines Gegners.

Boris Becker saß entspannt in der hintersten Ecke des Spielergartens. Während Angelique Kerber in acht verschiedene Fernsehkameras über ihre Rolle als neue Nummer eins im Damen-Tennis redete, machte sich Novak Djokovic vor den Augen seines prominenten Trainers mit der roten Trainingsjacke und der roten Schirmmütze gewissenhaft warm. Bis zum Halbfinal-Tag der US Open war der Weltranglisten-Erste aus Serbien ja praktisch nicht gefordert worden.

Die Statistikexperten der ATP fanden sogar heraus, dass Djokovic der erste Spieler in der Geschichte des Profitennis war, der bei einem Grand-Slam-Turnier nach drei Absagen oder Aufgaben das Halbfinale erreichte. In der zweiten Runde konnte der Tscheche Jiri Vesely wegen einer Verletzung am Arm nicht spielen. In der dritten Runde gab der Russe Michail Juschni im ersten Satz wegen einer Oberschenkelblessur auf, und im Viertelfinale musste der Franzose Jo-Wilfried Tsonga nach zwei Sätzen wegen Knieproblemen das Match beenden.

Im dritten und vierten Satz bekommt Djokovic zwei Schultermassagen

So richtig wussten also weder Becker noch die Fans in New York oder Djokovic selbst das Leistungsvermögen des 29-Jährigen einzuschätzen. Zumal der Titelverteidiger zuletzt von Problemen am Handgelenk und am Ellbogen geplagt wurde und sportlich auch nicht überzeugen konnte. In Wimbledon flog er in der dritten Runde raus, bei Olympia in Rio de Janeiro war sogar schon nach dem Auftaktmatch Schluss, wenn auch nach einer Niederlage gegen den wiedererstarkten Argentinier Juan Martín del Potro. Djokovic, 29, hatte sogar überlegt, nicht anzutreten, sagte Marian Vajda, neben Boris Becker zweiter Chefcoach im Team Djokovic.

Gegen den Franzosen Gael Monfils stand also mal wieder ein echter Härtetest an. Djokovic bewältigte ihn in großer Schwüle trotz einiger Kapriolen - kleiner Wackler in Satz drei, zerrissenes T-Shirt, zwei extensive Schultermassagen im vierten Satz - am Ende souverän mit 6:3, 6:2, 3:6, 6:2. "Ich bin sehr, sehr froh, dieses Resultat erzielt zu haben", sagte Djokovic nach dem seltsamen Spiel gegen den an der Grenze zur Lustlosigkeit spielenden Franzosen Gael Monfils, der herumkasperte, an sein Knie griff und entweder spektakuläre Fehler beging oder Gewinnschläge produzierte.

In seinem siebten US-Open-Finale und dem insgesamt 21. Grand-Slam-Endspiel strebt Djokovic nun am Sonntag (22 Uhr MESZ/Eurosport) gegen Stan Wawrinka seinen 13. Major-Titel und den dritten in New York an. "Er liebt es, auf den großen Bühnen gegen die Großen zu spielen. Ich habe das Gefühl, dass er sich dann noch steigert", sagte Djokovic über den Schweizer. "Er glaubt an sich." Wawrinka entschied das zweite Halbfinale gegen den Japaner Kei Nishikori mit 4:6, 7:5, 6:4, 6:2 für sich.

Die Bilanz spricht klar für Djokovic - aber zwei Niederlagen stammen von Grand-Slam-Turnieren

Im direkten Vergleich mit Djokovic liegt der 31-Jährige Schweizer zwar 4:19 zurück, doch auf dem Weg zu seinen beiden bislang einzigen Grand-Slam-Siegen hat Wawrinka den Serben geschlagen: im Viertelfinale der Australian Open 2014 und im Endspiel der French Open 2015. Wer also am Sonntag als Favorit in das Arthur-Ashe-Stadium einmarschiert, ist nur schwer einzuschätzen.Djokovic sicherte sich in diesem Jahr die Titel bei den Australian Open und den French Open, patzte dann aber in Wimbledon und Rio. Wegen seiner körperlichen Probleme reiste er skeptisch nach New York.

Monfils nervte ihn im dritten Satz derart, dass er vor Wut im Stile des "Unglaublichen Hulk" sein weißes Oberteil zerfetzte. "Mal siehst du einen zerbrochenen Schläger, mal ein zerrissenes Shirt. So etwas passiert in der Hitze des Gefechts", beschwichtigte Djokovic. Sein Finalgegner Wawrinka dagegen blieb gegen Nishikori trotz arger Startprobleme ruhig und abgeklärt - und rechnet sich nun gegen Djokovic durchaus Chancen aus.