Süddeutsche Zeitung

Novak Djokovic gewinnt die Australian Open:Schach mit Filzbällen

Lesezeit: 3 min

Es war ein Duell unter Freunden, von Taktik geprägt und mit dem besseren Ausgang für den Weltranglistenersten: Novak Djokovic besiegt im Endspiel der Australian Open Andy Murray - und gibt schon mal einen feinen Ausblick auf das Tennisjahr 2013.

Von Milan Pavlovic

Vielleicht war es die weiße Feder, die beim Stand von 2:2 im Tiebreak des zweiten Satzes über den Platz trudelte. Andy Murray stand bereit, seinen zweiten Aufschlag zu spielen, als er sich entschloss, die Feder vom Feld zu tragen. Als er die Aufräumaktion beendet hatte, unterlief dem Schotten ein Doppelfehler, der ihn den eminent wichtigen zweiten Satz kostete. Vielleicht waren es aber auch die drei hintereinander vergebenen Breakbälle von Murray zu Beginn dieses Durchgangs, die entscheidend für den Ausgangs des Finales in Melbourne waren.

Novak Djokovic hatte soeben den fast 70-minütigen ersten Satz verloren, obwohl er mehr Chancen gehabt hatte, und nun schlich der Serbe über den Center Court, wie er es manchmal in solchen Situationen tut: Die Schultern hingen tief vor lauter Enttäuschung herunter, der Blick wirkte fahl, der Atem schwer. Das sind die Momente, in denen man die 25-jährige Nummer eins der Tenniswelt überwältigen muss. Andy Murray schaffte es nicht, und deshalb musste er sich am Ende nach dreidreiviertel Stunden geschlagen geben, 7:6 (2), 6:7 (3), 3:6, 2:6 - am Ende deutlicher als das nach den beiden ersten Sätzen zu vermuten war.

Zum vierten Mal gewann Djokovic damit "mein Lieblingsturnier", genauso oft wie Andre Agassi, von dem er den Pokal überreicht bekam; der Serbe ist außerdem der erste Spieler der Profi-Ära (seit 1968), der seinen Titel in Australien zweimal erfolgreich verteidigen konnte. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, diese Trophäe ein weiteres Mal in Empfang nehmen zu können", sagte er. Und es sei noch besser, "in die Rekordbücher dieses Turniers einzugehen". Murray blieb nichts übrig, als einzugestehen, "dass Novak verdient gewonnen hat, weil er seine Chancen besser genutzt hat".

Wenn man sich so gut kennt wie Djokovic und Murray, wird Tennis rasch zu einer Art Schach mit Filzbällen. Seit ihren Juniorentagen haben die beiden immer wieder gegeneinander gespielt und noch häufiger miteinander trainiert. Djokovic erinnert sich genau daran ("Andy hatte damals noch viel wildere Locken und war deutlich blasser"). Jeder weiß um die Stärken des Gegners, oft können sie dessen Züge schon vorher ansagen. Die Kunst besteht dann darin, die Bälle trotzdem so gut zu spielen, dass sie unerreichbar sind - oder zu improvisieren.

Die Optionen zielen so oder so darauf ab, sich in den Kopf des anderen zu schleichen, Zweifel zu sähen, den Willen zu brechen. Aus den beiden vergangenen epischen Duellen bei Grand Slams (Djokovic gewann 2012 in Melbourne in fünf Sätzen, Murray bei den US Open - seinem ersten Major-Erfolg überhaupt - ebenfalls in fünf), hatten offenbar beide übereinstimmende Schlüsse gezogen: dass es kontraproduktiv ist, stets mit höchster Intensität zu Werke zu gehen. Und weil beide um die überragenden Konterfähigkeiten des anderen wussten, wurde jede Attacke noch akribischer vorbereitet als sonst. So kam es, dass beiden in der Vorbereitung mehr Fehler unterliefen als gewöhnlich.

Vor allem Djokovic erweckte zweieinhalb Sätze lang den Eindruck, als würde er etwas für den Notfall zurückhalten. Im Viertel- sowie im Halbfinale hatte er frei durchgeschwungen und seine Gegner (Tomas Berdych, die Nummer sechs, und die Nummer vier David Ferrer) langsam und überfordert aussehen lassen. Gegen Murray fand er aber lange nicht die richtige Balance aus Offensive und Defensive, aus Vernunft und Wagemut. Wenn er als Rückschläger initiativ werden wollte, verzog der Serbe immer wieder seine Vorhand, wie schon im Achtelfinale gegen Stanislas Wawrinka. Deshalb erreichte das Match nicht die Höhen des letztjährigen Duells zwischen Djokovic und Rafael Nadal - aber es war viel besser, als es der Vergleich zwischen Fehlern (107) und Gewinnschlägen (76) nahe legt.

Die Entscheidung fiel beim 4:3 im dritten Satz. Bis dahin hatte keiner der Spieler seinen Aufschlag verloren. Doch als hätte er seine innere Bremse gelockert, riskierte Djokovic mehr, er schlug die Bälle flacher, härter, präziser - und zog dem Briten den Zahn beim längsten Ballwechsel der Partie, einer Kette aus 36 atemberaubenden Schlägen, an deren Ende der Serbe eine Vorhand unerreichbar ins Eck hämmerte. Kurz danach, 168 Minuten waren gespielt, war das erste Break des Matches perfekt.

Murray erholte sich davon nicht mehr. Bei seinem vierten und letzten Breakball des Duells (zum 2:0 im vierten Satz) konnte der Schotte einen Aufschlag nicht returnieren, Djokovic hingegen krönte sein Hoch durch Breaks zum 2:1 und 4:1. Nun glückten ihm plötzlich auch konstant Kunstschläge wie in den ersten Runden, darunter ein Rückhand-Stopp aus vollem Lauf, den man gerne in einer Endlosschleife an seiner Wohnzimmerwand wiederholt sähe.

Auch wenn Murray in der Weltrangliste weiter als Nummer drei geführt wird (hinter Roger Federer), dürften die Finalisten von Melbourne die Protagonisten dieses Tennisjahrs werden, vielleicht sogar der kommenden Jahre - ähnlich wie Federer und Nadal zwischen 2005 und 2010. Novak Djokovic hätte nichts dagegen. "Wir hatten so viele spannende Spiele in den vergangenen Jahren", sagte der Serbe. "Ich hoffe, es kommen noch viele, viele hinzu."

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Quelle:
SZ vom 28.01.2013
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