Dass sein ewiger Rivale Jarl Magnus Riiber, der elfmalige Weltmeister aus Norwegen, den besten deutschen Nordischen Kombinierer auch weiterhin verfolgt, das stellte Vinzenz Geiger Ende Oktober mal wieder fest. Da wurde der 28-Jährige vom SC 1906 Oberstdorf bei der Einkleidung der Athleten des Deutschen Skiverbandes (DSV) mit folgender These konfrontiert: Nach Riibers Rücktritt vom Leistungssport im vergangenen Frühjahr sei ja nun endlich der Weg frei für ihn im Gesamtweltcup und bei den Winterspielen im Februar. Oder? „Ach, das habe ich schon öfter gehört, jetzt ist es leicht“, antwortete Geiger: „Ich weiß, dass ich selber an mir arbeiten muss.“
Einen Monat später, vor dem Weltcup-Auftakt an diesem Donnerstag im nordfinnischen Wintersportzentrum Ruka-Kuusamo, ist dieser Satz aktueller denn je. Denn ein paar Tage nach der Einkleidung verletzte sich Geiger beim Hallenfußball: „Beim Warm-up zum Krafttraining habe ich mir leider drei knöcherne Bandausrisse zugezogen. Es ist natürlich blöd gelaufen – ungünstiger Zeitpunkt.“ Das kann man wohl sagen, mitten in der Vorbereitung zur Olympiasaison. Geiger plant nun, kurz vor Weihnachten in Ramsau in den Weltcup zu starten. Bis zum Saisonhöhepunkt in den italienischen Alpen sind dann nur noch sieben Wochen Zeit.
Für den Olympiasieger von Pyeongchang 2018 und Peking 2022, der vergangene Saison Weltmeister und erstmals Gesamtweltcup-Sieger wurde – vor Riiber –, kommt die Verletzung zur Unzeit. Die Titelverteidigung im Gesamtweltcup hat er offenbar schon abgeschrieben. „Wenn ich Kuusamo und Trondheim auslasse, verpasse ich fünf Einzelwettbewerbe. Eigentlich ist es unmöglich, das noch aufzuholen“, sagte er im Podcast „Ski happens“. Geiger würde damit mehr als ein Viertel der 19 Einzelwettkämpfe dieses Winters verpassen. Und das im Jahr eins nach Riiber. „Jarl hat unseren Sport durch seine extrem starken Skisprungleistungen verändert“, sagt Geiger: „Der Topfavorit ist weg. Der erste Platz wird jetzt deutlich öfter umkämpft sein als vorher.“

Während der Mitfavorit bei den Winterspielen einen Wettlauf mit der Zeit um seine Rückkehr und Form austrägt, stehen jetzt in Ruka andere im Fokus. Wie Geigers Zimmerkollege Julian Schmid und Johannes Rydzek, beide ebenfalls vom SC Oberstdorf. Das deutsche Team ist am Dienstag aber mit einigen Fragezeichen im Kopf nach Kuusamo aufgebrochen, nicht nur hinsichtlich des daheim gebliebenen Geiger. „Noch ist es schwierig einzuschätzen, wie unser Leistungsstand im internationalen Vergleich ist“, sagte Bundestrainer Eric Frenzel: „Auch bezüglich der Materialänderungen wird es interessant sein zu sehen, wie sich die Nationen weiterentwickelt haben, und wie einzelne Sportler damit zurechtkommen.“
Wie die Spezialspringer wurden die Kombinierer nach dem Anzugskandal von Trondheim mit vielen Neuerungen beim Schnitt und der Weite des Stoffes und generell im Reglement konfrontiert. Dinge, auf die auch Geiger gut hätte verzichten können. „Die Anzüge sind schon anders als letztes Jahr, sie tragen nicht mehr so gut“, sagte er bei der DSV-Einkleidung: „Letztes Jahr hatte ich ein super Set-up, war so erfolgreich wie nie. Und dann heißt es, der Anzug muss komplett verändert werden.“
Dass der Teamwettbewerb bei den Winterspielen im Februar einem Teamsprint weichen wird, mit nur noch zwei Startplätzen pro Nation, finden die gut besetzten Deutschen auch nicht so toll. Aber einen Vorteil gibt es für Geiger, Schmid und Rydzek, so sie sich qualifizieren: Von Oberstdorf ins Val die Fiemme ist es ein Katzensprung, jedenfalls im Vergleich zu einer Reise nach Ruka.

