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Nordische Kombination:Mädchen auf dem Sprung

Die Disziplin ist die letzte Männerbastion des Wintersports. Doch 2020 startet der Frauen-Weltcup, ab 2021 gibt es WM-Medaillen. Bloß: Olympia sträubt sich noch.

Frühblüher können frustrieren. Wenn sie dafür stehen, dass demnächst der Schnee schmilzt und die Wintersportler schon wieder vertrieben werden. Jenny Nowak geht das gerade so. Die Nordische Kombiniererin möchte springen und laufen, aber zuhause in Sachsen sprießen mancherorts bei Plusgraden schon die Krokusse aus dem Boden. Nichts wie weg hier also, noch mal dorthin, wo's kalt ist. Nowak hat keine Zeit zu verlieren. Es ist nur noch etwas mehr als ein Jahr, bis im Wintersport die letzte Männerbastion fällt. Und dann will sie bereit sein.

Die Nordische Kombination ist auf Weltniveau bislang den Männern vorbehalten. 2020/'21 soll sich das ändern. Dann ist eine Weltcupserie für Frauen geplant. Und anders als in den kommenden Tagen in Seefeld sollen die Frauen dann auch zum Programm der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft gehören. "Nur Olympia fehlt noch", sagt Nowak. Die Schülerin aus Klingenthal ist aber optimistisch, dass auch die Spiele bald kommen. Gleichberechtigung im Wintersport - sie scheint sich endgültig durchzusetzen. Der Deutsche Skiverband (DSV) hofft, von Beginn an Erfolge zu feiern. Mit Talenten wie Nowak, die er schon jetzt aufbaut.

Jenny Nowak ist 16 Jahre alt. Sie hat schon als Kleinkind in Sohland an der Spree mit dem Langlauf begonnen. Inzwischen springt sie im Vogtland auf dem Sportgymnasium. Und auch häufig in Süddeutschland oder im Ausland, wo mehr Winter ist, und länger. Vorwiegend in Norwegen oder in den Alpen.

Den einen Ausbildungsort für die Kombiniererinnen gibt es in Deutschland noch nicht. Für eine Zentrierung sei es noch zu früh, sagt Horst Hüttel. Der 50-jährige Franke ist der Sportliche Leiter des DSV für Springer und Kombinierer. "Erst mal sollen die Mädchen ihr Abitur daheim machen", sagt er. Eine Schanze und eine in den Schnee gestanzte Spur, das braucht es in der Nähe allerdings.

FIS NORDIC COMBINED CONTINENTAL CUP LADIES 06 01 2019 in Otepää Estonia Individual Gundersen 5 0; Jenny Nowak

Nicht immer eine Schanze in der Nähe: Jenny Nowak, in Otepää, Estland.

(Foto: Karli Saul/imago)

Horst Hüttel wünscht sich jetzt erst mal: mehr Plätze für die Mädchen in Internaten und Kadern. Aktuell gibt es über alle Altersklassen hinweg 600 Springerinnen in Deutschland, die sich irgendwann in Spezialistinnen und Kombiniererinnen aufteilen. Das ist längst nicht die Talentbreite wie bei den Buben, da sind es über 2000, sagt Horst Hüttel. Aktuell starten neun Mädchen aus den Jahrgängen 2001 bis 2004 für den DSV in der Kombination.

In Klingenthal gehört Nowak gleich zu zwei Trainingsgruppen. Sie springt mit den Mädchen, kombinieren muss sie mit den Jungen. Es gibt am Standort noch nicht genug ihres Alters, die beides wollen. Aber das macht ihr nichts aus, sagt sie. "Ich möchte irgendwann mit der Kombination groß rauskommen." Das Potenzial hat sie offenkundig. Bei einem WM-Testlauf im vergangenen Jahr in Kandersteg in der Schweiz ist es Gold geworden, und kürzlich, bei der offiziellen Junioren-WM-Premiere in Lahti, wurde sie Neunte. Laufen und Springen - sie versucht sich, beides offen zu halten. Weil eben nicht klar ist, was wird mit den Olympischen Spielen.

Bisher gibt es keinen Kader für die weiblichen Kombinierer. Sie werden aktuell noch bei den Springerinnen geführt, erklärt Nowak. Sie selbst ist im C-Kader, das heißt sie erhält Material und einen Zuschuss fürs Internat, dazu kommen Lehrgangs- und Wettkampfkosten. Eventuell ist auch Geld für Nachhilfestunden drin. Den Rest zahlen die Eltern. Täglich trainiert sie zwischen zwei und vier Stunden. Das Schulgebäude sieht die Zehntklässlerin in der Wettkampfsaison kaum von innen. Hausaufgaben macht sie im Flieger oder auf der Skihütte. Drei Jahre sind es noch bis zum Abitur. Ob sich Aufwand und Verzicht dann gelohnt haben?

Sie wird es erst in ein paar Jahren wissen. Für Olympia 2022 in Peking hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Frauen eine Absage erteilt. Für Horst Hüttel, der auch für den Internationalen Skiverband Fis die Zukunft der Kombinierer plant, ist das ein Ärgernis. "Stattdessen nimmt man den Damen-Monobob auf, den es noch nirgendwo gibt, und die Kombination bleibt die einzige reine Männerveranstaltung", sagt er. "Man hätte mit Peking auch einen Anreiz setzen können", findet er: "die Programmaufnahme als Aufforderung, mehr zu investieren." Aktuell förderten nur Russland, Deutschland, Norwegen und Österreich ernsthaft die Nordische Kombination der Frauen.

Das offizielle Team-Outfit hat sie schon, jetzt fehlt nur noch eine Weltcup-Serie. Jenny Nowak, 16, Pionierin in der Nordischen Kombination der Frauen.

(Foto: DSV / oh)

Hüttel glaubt aber nicht, dass das den Trend zur Gleichberechtigung aufhalten wird. "Wir werden uns weiterentwickeln. Mit Olympia wäre es halt schneller gegangen." Auch national. Der Staat fördert vor allem, was bei Olympia Medaillen verspricht. "Durch den negativen Olympiaentscheid fehlt uns eine Menge Geld. Aktuell zwacken wir es vom Budget der anderen Disziplinen ab. Aber das ist natürlich ein Drahtseilakt." Keiner soll durch so eine Quersubventionierung benachteiligt werden.

Die Kombiniererinnen hoffen nun auf 2026. Das ist noch lange hin. Nowak wird sich vorher entscheiden müssen, ob sie auf die Karte Profisport setzt. Wie eine Förderung nach der Schule aussehen könnte, ist unklar. Der Verband tut über den Sprungkader, was er kann. Ein Platz in den Sportfördergruppen bei Bundeswehr, Polizei oder Zoll hinge an der Olympiazukunft. Wohl nur dort könnten sich Nowak und andere Talente auf den Sport konzentrieren, perspektivisch in der Weltspitze Anschluss halten.

Dabei könnte Nowak es sich leicht machen. Sie könnte sich aufs Springen fokussieren. Das ist schon olympisch und im Fernsehen präsent, da lässt sich Geld verdienen. Ihr persönlicher Bestwert liegt bei 105 Metern von der 95er-Schanze. Nicht die schlechteste Ausgangslage, um sich zu spezialisieren. "Springen ist Adrenalin pur", sagt Nowak. Also warum nicht die Langlauflatten in die Ecke stellen?

Die Schülerin zuckt mit den Schultern: "Ich bin schon als Kind immer durch die Gegend geflitzt." Im Sommer in der Leichtathletik. Im Winter ging das Stillsitzen auch nicht. Also ist sie raus, mit den Brettern durch die Loipen. Nicht immer zum Verständnis der Familie, wie sie erzählt: "Das sind alles nur Fußballer."

Jenny Nowak will also mit beidem weitermachen, mit dem Laufen wie dem Springen. "Wenn die Gesundheit mitmacht, auch nach der Schule", sagt sie. "Ich möchte Geschichte schreiben." Vielleicht 2026, bei einer möglichen Premiere der Nordischen Kombination für Frauen bei Olympia. Vielleicht schon 2021, wenn es in Oberstdorf die ersten WM-Medaillen geben soll. Nowak kann dabei nur auf sich selbst schauen. Vor ihr ist niemand - Orientierung bietet sie nur den Mädchen, die nach ihr kommen. "Ich bin der Richtwert, das ist eine Ehre", sagt die 16-Jährige. Und Aufschauen könne sie auch zu den Männern, sagt sie. Eric Frenzel kennt sie schon lange. Sie wird ihm bei der WM in Seefeld die Daumen drücken. Und hofft, dass er sich irgendwann revanchieren kann.

© SZ vom 21.02.2019

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