Nordische Kombination:Ein ganzer Sport fürchtet um seine Existenz

Nordische Kombination: Kombinierer Johannes Rydzek bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang: Wie lange wird es solche Olympiabilder noch geben?

Kombinierer Johannes Rydzek bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang: Wie lange wird es solche Olympiabilder noch geben?

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Das IOC verwehrt den Kombiniererinnen die Premiere bei den Olympischen Spielen 2026. Das ist zynisch - und könnte das Ende der traditionsreichen Sportart bedeuten.

Kommentar von Volker Kreisl

Wer kennt schon diesen Sport mit diesem abstrakten Namen? Vor allem im Hochsommer denkt niemand an die Nordische Kombination, in der, richtig, so war's, erst auf Schanzen gesprungen und dann in Loipen gelaufen wird. Da braucht man etwas Vorkenntnis, um gleich mitfiebern zu können - und doch entsprechen diese Kombinierer dem olympischen Ideal. Denn sie sind vielseitig, sie haben sich immer wieder reformiert, es gibt sie seit vielen Jahrzehnten.

Nur, dem Internationalen Olympischen Komitee ist dies alles nicht genug. Seit diesem Wochenende muss die komplette Nordische Kombination schlicht um ihre Existenz fürchten, anders lässt sich die Entscheidung des IOC-Exekutivkomitees nicht verstehen. Sie hat den Frauen dieser Sportart ihre Premiere bei den Spielen, nämlich 2026 in Cortina d'Ampezzo, verwehrt - mit dem Zusatz, vielleicht klappe es ja im Jahr 2030. Zugleich verlangt das IOC Gendergerechtigkeit, fordert also einen Frauenwettkampf, der auch mit der Vielfalt und Spannung bei dem der Männer mithalten kann. Im Ergebnis ist das zynisch.

Denn wie jeder Jugendbeauftragte weiß, geht es auch im elitären Wintersport nur um die höchsten Ziele, um den Moment im internationalen Rampenlicht. Wer aber keine Perspektive bieten kann, der kann auch keine Grundschüler dazu bewegen, sich das ganze Jahr über im Training zu plagen; in diesem Fall auch noch mit einer sich technisch widersprechenden Sportart, in der das Laufen Muskeln braucht, die im Skispringen aber stören. Olympiasieger Eric Frenzel und fast alle weiteren Kombinierer, Betreuer und Trainer sehen deshalb nun schwarz. Und zwar für die Zukunft des gesamten Sports.

Ob die Frauen in den kommenden vier Jahren ohne Olympiaperspektive weitere Nationen dazugewinnen, weitere Stützpunkte schaffen und Zuschauer generieren können, ist mehr als fraglich, womit Teil zwei dieses versteckten Winterdramas immer wahrscheinlicher wird: Die Männerabteilung fliegt als Nächstes raus, denn die Kombination wäre dann die letzte Sparte der Winterwelt, die nur einen olympischen Männer-Wettkampf bietet, was den - absolut richtigen - Genderregeln widerspricht. Das IOC schließt also erst die Kombiniererinnen von Olympia 2026 aus, und hätte dann die Möglichkeit, sich auch der Männer zu entledigen.

Heutzutage will der Zuschauer Spektakuläres im Schnee: Sprünge mit Figuren und Salti, Ritte auf der Buckelpiste

Die löcherige Argumentation und die möglicherweise große Ferne zum Thema lässt Rückschlüsse auf diese Absicht zu. Dieser Sport sei altbacken, hieß es schon früher, die Jugend könne damit nichts anfangen, man wolle mehr Spektakuläres im Schnee sehen, Sprünge mit Figuren und Salti, Ritte auf der Buckelpiste.

Und außerdem soll zu allen Sportarten ja alle Welt Zugang haben, weshalb das österreichische IOC-Mitglied Karl Stoss gegenüber der dpa monierte: "Außerhalb Europas betreibt niemand diesen Sport." Wobei er die zahlreichen Olympia- und WM-Medaillengewinner aus den USA und Japan wohl versehentlich unterschlug. Auch die Behauptung, es gebe nur zehn Nationen, die die Kombination anbieten, wies Frenzel zurück, es seien insgesamt 13. Und dass bislang nur eine WM mit der Frauen-Kombi stattfand, stimmt zwar - bis Cortina würden indes noch zwei hinzukommen.

Im Kern stellt sich in diesem Hochsommer also die Frage, wer nun eigentlich der schlechtere Frauenförderer ist - die Nationen oder das IOC. Für den deutschen Bundestrainer Florian Aichinger ist dies klar Letzteres: "Wie soll sich", fragt er, "eine Sportart entwickeln können, wenn man ihr die Perspektive nimmt?" Und tatsächlich - warum stemmen sich Programmgestalter dagegen, einen Sport mit beiden Geschlechtern sofort zuzulassen, dessen Frauenabteilung zwar noch im Wachstum begriffen ist, aber (bis zu diesem Wochenende) noch voll motiviert war?

Die Skispringerinnen erschienen auch nicht sonderlich vielfältiger aufgestellt zu sein, damals, als sie in Sotschi 2014 erstmals mitmachen durften. Womöglich aber war die Lobbyarbeit aller Nationen nicht stark genug, Bernd Aicher, der österreichische Chefcoach, erklärte dem Standard, man sei sich vielleicht schon zu sicher gewesen.

Statt der Option auf eine Zukunft steht da nun also eine Schranke. Diese doch noch per Umweg zu überwinden, dürfte sehr schwer werden. Dennoch nehmen sämtliche betroffene Verbände die Aufgabe an, gegen ein offenbar abgeneigtes IOC weiterzumachen, es bleibt ihnen sonst nichts übrig. Bei den Weltmeisterschaften habe sich der Sport gerade in jüngster Zeit gesteigert, sagt Aicher, auch der norwegische Fis-Beauftragte Lasse Ottesen reagierte zunächst fassungslos und sagte dann: "Wir geben nicht auf." Alle suchen nun nach weiteren Maßnahmen, um die Kombination besser zu machen und doch noch zu retten. Alles soll auf den Tisch kommen, mehr Werbung, ein noch strafferes Programm, mehr Nationen. Jedoch: Vieles davon ist ja schon angeschoben.

Irgendwann stößt die Fantasie jedes Sportmanagers an Grenzen. Schön wäre es, sagt der frühere Olympiasieger Mario Stecher, die Sportler gleichzeitig Skispringen und Langlaufen zu lassen, das wäre spektakulär. Aber so was kriegt nicht mal das IOC hin.

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