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Nordische Kombination:Gegen das Mittelmaß

Viermal Gold in Lahti: Bei der WM vor zwei Jahren gewann Johannes Rydzek alle Wettbewerbe in der Nordischen Kombination. „Es muss nicht immer der Sieg sein“, sagt der 26-Jährige nun vor dem ersten Weltcup.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Das Springen wird in der nordischen Kombination immer bedeutsamer. Für Doppel-Olympiasieger Johannes Rydzek bedeutet das eine neue Herausforderung.

In Reichenbach, einem kleinen Örtchen südlich von Oberstdorf, findet Johannes Rydzek Zeit für sich selbst und sein außergewöhnliches Hobby, es ist sein Refugium. Er zieht sich dann in eine kleine Rösterei zurück und kann dort seine Leidenschaft als Barista ausleben, er kreiert feinste Espressi und Cappuccino. Am liebsten trinkt er sie selbst. Der Doppel-Olympiasieger von Pyeongchang in der nordischen Kombination ist ein echter Kenner, was Kaffee anbelangt - mit eigenen Kaffeebohnen, die er auch vertreibt. Der "Hero Roast" ist fruchtig, süß und vollmundig, wie man erfährt. Aromen von Kirsche, Kakao und Muscovado verleihen der Röstung einen besonderen Geschmack. 100 Prozent Arabica, die Bohnen stammen von einer Farm, die auf 2000 Meter Höhe in Guatemala liegt.

In Kuusamo muss Rydzek in diesen Tagen allerdings mit einem gewöhnlichen Filterkaffee vorliebnehmen, der 26-Jährige ist Anfang der Woche nach Finnland aufgebrochen, wo an diesem Wochenende im Skisportzentrum Ruka die ersten beiden Wettkämpfe des Winters anstehen. "Ich freue mich, dass es losgeht", sagt Rydzek. Und der finnische Kaffee sei besser als sein Ruf.

"Wir wollten uns vor allem technisch verbessern", sagt Bundestrainer Weinbuch

Auch für einen routinierten und erfolgreichen Sportler ist der Start in die neue Weltcup-Saison stets eine Reise ins Ungewisse, er weiß nicht, ob er zu viel oder zu wenig Gepäck dabei hat und wo er sich nach einem langen und trainingsintensiven Sommer im ersten Rennen einreihen wird. Auch Rydzek, mit sechs WM-Titeln Rekord-Weltmeister in seiner Sportart, ist angespannt, nervös irgendwie, auch wenn er das so nie formulieren würde. "Es ist immer schwierig einzuschätzen, wie die Form ist", findet er: "Derzeit fühle ich mich weder besonders gut noch hätte ich etwas zu beklagen."

Wie in den vergangenen Jahren übten die deutschen Kombinierer in den letzten Wochen vor dem ersten Wettkampf auf verschiedenen Schanzen, sie sprangen in Innsbruck, Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen allerdings auf Matten, nur die Anlaufspur war schon mit Eis versehen. In Ruka sind sie dann erstmals im Schnee gelandet. Anders als in den Vorjahren hat Bundestrainer Hermann Weinbuch aber einen anderen Schwerpunkt in der Vorbereitung gewählt, er gab dem Sprungtraining den Vorzug vor dem Laufen, "wir wollten uns vor allem technisch verbessern", erklärt er.

Das hat vor allem damit zu tun, das sich im Sommer-Grand-Prix der Trend verfestigt hat, der sich schon im vergangenen Winter angedeutet hatte. Das Springen wird immer bedeutsamer, um ein Rennen gewinnen zu können. Das liegt vor allem an der geringeren Anlauflänge, die die exzellenten Springer bevorzugt. Auch Rydzek ist ein guter Springer, mit einem guten Fluggefühl gesegnet, aber er ist kein herausragender, nicht so begnadet wie im Langlauf, wo er hohe Rückstände fast spielerisch leicht aufzuholen vermag.

"Ich bin auf der Schanze noch nicht auf dem Level, auf dem ich sein möchte", sagt er, Rydzek hat immer die höchsten Ansprüche an sich selbst, er möchte mit den besten Springern mithalten, sie im Idealfall sogar besiegen können. Er verabscheut Mittelmaß so sehr wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt, er will schon beim ersten Weltcup voll konkurrenzfähig sein. Weinbuch traut ihm das jedenfalls zu: "Ritschi hat in den letzten Wochen beim Springen einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht und im Laufen ist er eh und je stark." Der Gesamtweltcup ist die einzige Trophäe, die Rydzek noch fehlt in seiner exklusiven Sammlung, aber er ist kein Titel, den er offensiv postulieren würde. "Das wäre vermessen", sagt er selbst. Da gibt es zu viele Unwägbarkeiten. Ihn treibt etwas ganz anderes im Sport an, kleine Dinge, die er schon als Bub faszinierend fand. "Ich freue mich über einen coolen Sprung oder wenn ich auf Skiern den Berg hinauffliegen kann", hat er Anfang November bei einem bemerkenswerten Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" erzählt. "Es muss nicht immer der Sieg sein. Wenn das mal weg sein sollte, ist es Zeit aufzuhören."

Aber den Weltcup für immer zu verlassen, darüber verschwendet er im Moment überhaupt keinen Gedanken, im Gegenteil. Er will weitermachen, auf jedem Fall bis zur Heim-WM in Oberstdorf 2021. Doch zunächst steht in diesem Winter die Weltmeisterschaft in Seefeld an, wo er in vier Wettbewerben Titelverteidiger ist. Tirol liegt nur rund 135 Kilometer von seinem Heimatort entfernt. Wie die Rösterei in Reichenbach sind auch die Berge rund um Oberstdorf sein Rückzugsort, hier fühlt er sich wohl und aufgehoben, er baut sie auch regelmäßig in seine Trainingseinheiten mit ein, "sie befreien den Kopf", sagt Rydzek, hinter dem ein ereignisreicher Sommer liegt. Er hat nicht nur sein Bachelor-Studium in Wirtschaftsingenieurwesen vorangetrieben, er hat auch seine langjährige Freundin Lissi geheiratet. Die Flitterwochen in der Toskana hatte er vorgezogen, denn zwei Tage nach der Trauung stand ein wichtiger, unaufschiebbarer Termin an: das nächste Training nämlich. Das unterbricht er lediglich für einen feinen Espresso.

© SZ vom 24.11.2018

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