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Nordische Ski-WM:Siege haben lange Beine

FIS Nordic World Ski Championships Oberstdorf - Men's Nordic Combined Team HS106/4x5 Km

Athletisch und zäh, immer noch: Eric Frenzel ist zwar schon 32 Jahre alt, aber weiterhin einer der fittesten Kämpfer im Feld der Kombinierer.

(Foto: Matthias Hangst/Getty)

Seit mehr als zehn Jahren ist der Kombinierer Eric Frenzel der Vorzeigesportler des Winters. Sein Erfolg könnte damit zusammenhängen, dass er früh erwachsen werden musste.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Kaum zu glauben, dass er erst 32 Jahre alt ist. Eric Frenzel hat doch schon gewonnen, als manche jüngeren Fans gerade mal das Laufen lernten. Aber weil Frenzel seitdem einfach nicht mehr aufgehört hat zu gewinnen, ist seine Kunst vielleicht auch zur Routine geworden. Und dann beginnt eben die Zeit, sich zu dehnen. Und so lange währt seine Erfolgsphase dann auch wieder nicht. Nur 13 Jahre.

Am Donnerstag kann der Nordische Kombinierer Eric Frenzel, wenn er ein wenig Glück mit dem Wind hat, die nächste Medaille gewinnen, von der Großschanze bei den Weltmeisterschaften in Oberstdorf. Vielleicht sogar Gold, wie vor zwei Jahren bei der WM in Seefeld. Dass er grundsätzlich in Form ist, hat Frenzel am ersten Wochenende im Wettkampf von der Normalschanze demonstriert, wenngleich ihm da auf der Ziellinie die letzte Kraft gefehlt hatte, um den Norweger Jens Luraas Oftebro zu überholen. So wurde es Platz vier.

Platz vier ist gemeinhin ein frustrierendes Ergebnis. Auf die Frage, wie es ihm damit gehe, setzte Frenzel kurz an, hielt inne, schluckte vielleicht einen Fluch runter und sagte dann, er werde ins nächste Rennen gehen, und zwar "in positiver Erwartung, dass es noch mal besser wird". Diesen Grundsatz, dass Fluchen nichts bringt in schwierigen, vielleicht aussichtslosen Situationen, hat Frenzel schon früh gelernt.

Er hatte noch nichts erreicht außer einem Platz an einer Sportschule, als er Vater wurde. 18 Jahre war er damals, er und seine zwei Jahre jüngere Frau Laura, damals ein Langlauftalent, bekamen zwar Unterstützung von den Familien, dennoch war klar, dass Geld verdient werden musste. Nur, geht das? Auf Schanzen befreit springen, mit neuer Verantwortung und dem ständigen Druck, Erfolg zu haben? Nur Erfolg garantiert ja in einem Nischensport, welche die Kombination ist, auch das Interesse von Sponsoren und damit genügend Unterhalt. Doch letztlich war dies doch kein großes Problem, im Gegenteil: Manche Begleiter glauben, dass Frenzel gerade deshalb so viele Erfolge errang, weil er wegen der Familie nie Star-Allüren bekam: Kleinen Kindern sind Goldmedaillen eher egal.

Besser geht es nicht für einen Sportler: Eric Frenzel präsentiert seine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang 2018.

(Foto: Dimitar Dilkoff/AFP)

"Wir wollten beide schnell erwachsen werden. Das haben wir hinbekommen", sagte Frenzel einmal, und obwohl Erwachsensein viele Facetten hat, konnte Frenzel zumindest einige früh aufweisen. Insgesamt 16 WM-Medaillen, davon sieben goldene, zudem drei Olympiasiege, diverse weitere Saisonhöhepunkte, etwa beim Weltcup in Seefeld drei Triple-Erfolge, alles in allem 54 Weltcupsiege, und überhaupt immer in Form zu bleiben - das schafft man nur mit guter Tages-, Saison- und Lebensplanung. Erst als Frenzel schon eine feste Position im Team von Cheftrainer Hermann Weinbuch hatte, wurde die Familie größer, um einen Sohn und eine Tochter.

Frenzel, das muss man sagen, hatte außer diesem frühen Rückhalt auch andere Vorteile, die seinen Erfolg beförderten, unter anderen die für einen Skispringer und Langläufer richtigen Maße, kurz: lange Beine. Damit gelang es ihm schnell, die besonderen Qualitäten in diesem Sport zu entwickeln, diese ewige Balance zwischen Leicht und Schwer. Von Natur aus war er eher ein Leichtgewicht, die Bein- und Armmuskeln, die er dann für die Loipe brauchte, beeinträchtigten ihn auf der Schanze nicht.

Frenzel lernte etwas Wichtiges: dass es zuvorderst um Freude am Sport geht

Wintersportler durchlaufen in ihrer Karriere fast immer Krisen, manche einmal, andere mehrmals. Nicht nur die eigenen Kräfte bestimmen über den Erfolg, sondern auch andere Faktoren. Der Oberstdorfer Johannes Rydzek etwa stürzte eine Weile nach seinem Vierfachsieg bei der WM in Lahti 2017 in eine Sinnkrise. Seit er irgendwann akzeptierte, dass in erster Linie die Freude am Sport selbst im Vordergrund stehen kann, ging es wieder bergauf, sagte er kürzlich der Allgäuer Zeitung; für die Großschanze wurde nun auch Rydzek wieder nominiert. Tückisch sind aber auch die häufigen Technik- und Materialveränderungen, die Biathleten, Skispringer, Bobfahrer und Rennrodler begleiten. Umstellungen haben schon manche Karriere beendet. Frenzel aber hat bei all seinen zehn Großveranstaltungen als Kombinierer Medaillen nach Hause gebracht.

Weil niemand unfehlbar ist, weil jeder irgendeine Schattenseite hat, wird dies auch bei Frenzel der Fall sein, nach außen ist sie aber nicht bekannt. Wohl auch deshalb, weil Frenzel früh gelernt hat, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, und dass Rangkämpfe, Streitereien, wie sie in der Kombination schon vorkamen, nur die eigene Form bremsen. Es gibt ja auch so schon genügend Probleme. Aus dem Formeinbruch im Winter 2019/2020 etwa fand Frenzel erst mit Hilfe des neuen österreichischen Sprungtrainers Heinz Kuttin heraus.

Nun geht es auf die nächste Großschanze, und vielleicht gelingt Frenzel wieder eine Überraschung. Auf dem großen Bakken in Seefeld 2019 hat er zuletzt den WM-Titel errungen. Wenn er nun vor dem Absprung den Druck im Radius aufnehmen kann, wenn er die Ski schnell nach oben bringt und den Aufwind spürt, dann ist wie in den vergangenen 13 Jahren alles möglich.

© SZ/klef/moe
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