Nordische Kombination Das Fliegen neu gelernt

Eric Frenzel hat seinen sechsten WM-Titel gewonnen.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Erik Frenzel holt seinen sechsten WM-Titel. Der 30-Jährige profitiert dabei von einer Unterbrechung des Springens. Danach segelt er davon.

Von Volker Kreisl, Seefeld

Die Frage ist, wann genau sich das Blatt gewendet hat. Die Nordische Kombination ist ein komplizierter Sport, in dem sich viele Einflüsse auswirken. Das beginnt am frühen Morgen mit dem Probesprung und endet vor Sonnenuntergang mit dem Zielsprint.

Aber diesmal war schon vor dem Finish alles entschieden. Schon bevor der enteilte Eric Frenzel die Arme hochriss und fassungslos von sich selber und von diesem Tag in den Schnee sank. 30 Jahre alt ist er und wieder Weltmeister, zum sechsten Mal, wie sein Teamkollege Johannes Rydzek. Mit insgesamt 13 WM-Medaillen hat Frenzel seinen Rekord ausgebaut. Der erste WM-Freitag war sein Tag, und entscheidend gewendet hatte sich das Blatt diesmal am Mittag im Tal, an der Bergiselschanze in Innsbruck.

Das Springen war zwischendurch für 20 Minuten unterbrochen, als sich nach dem Sturz eines Kombinierers ein Ski gelöst hatte, am Gegenhang hinauf schoss und in die TV-Interview-Zone einschlug. Den früheren Top-Springer und heutigen Eurosport-Experten Martin Schmitt verfehlte er knapp. Schmitt kritisierte die Veranstalter, die schließlich ein dichteres Schutznetz montierten. Verletzt wurde zum Glück niemand. Als das Springen fortgesetzt wurde und der Wind auffrischte, flog Frenzel allen davon.

Bis dahin hatte alles danach ausgesehen, dass die Österreicher Mario Seidl und Franz-Josef Rehrl sowie der Seriensieger Jarl Magnus Riiber aus Norwegen einen gewaltigen Abstand herausspringen, sie hatten die Trainingstage dominiert, die Deutschen waren ratlos. Doch mit Rückenwind musste der Anlauf verlängert werden, und das spielte Frenzel in die Karten. Er erwischte kurzen Aufwind, kam ins Fliegen und verunsicherte mit einem 130,5-Meter-Satz die Favoriten. "Mein System ist wieder zusammengekommen", sagte er, und ja, das sei auch Glück, "aber vielleicht war es auch das Glück des Tüchtigen."

Frenzel hatte nach einer Krankheit im Januar eine Auszeit vom Weltcup genommen, hatte mit seinem Heimtrainer in Planica in Slowenien noch mal das Springen trainiert, immer wieder, hatte zu Hause in Oberstdorf weiter Sprünge trainiert, und schon zuvor mit dem Team auf der Bergiselschanze: Sprünge trainiert. Die Menge macht's, das war wohl das Kalkül, am Ende hat er mit Hilfe des Windes, wie vor einem Jahr, nach einer ähnlichen Krise vor den Spielen in Pyeongchang wieder das Fliegen gelernt.

Blieb noch die zweite Unbekannte, die Laufform. Mangels guter Startpositionen hatte er sich in dieser Saison nie vorne wirklich mit den Besten gemessen. Am späten Nachmittag ging er also als Erster in die Spur, der zweitbeste Deutsche, Fabian Rießle, lag 39 Sekunden hinter ihm, die anderen, Vinzenz Geiger und Johannes Rydzek, waren schon zu weit weg. Frenzel tat sich bald mit den beiden Österreichern und mit dem späteren Silbergewinner Jan Schmid (Norwegen) zusammen. Kurz wurde es spannend, als der Vorsprung auf 20 Sekunden schrumpfte, dann stellte sich heraus, dass die Vier alles unter Kontrolle hatten, genauer gesagt: Frenzel hatte alles unter Kontrolle.

Er erledigte viel Führungsarbeit, "der Eric hat eh das meiste gemacht", sagte Bronzegewinner Rehrl später. Bei Kilometer 7,5 war klar, die Vier holt keiner mehr ein. Und als auch Schmids Ausbruchversuch misslang, skatete Frenzel seinem Lieblingsfinish entgegen: dem langen Sprint am letzten Anstieg. Er setzte sich wie in Pyeongchang ab, hüpfte davon und hatte genügend Abstand. "Jetzt nur noch auf den Skiern bleiben", dachte er. Es ist ihm gelungen.