Nordirland Hungriger Underdog

In Lauerstellung: Die Nordiren beim Abschlusstraining am Samstag.

(Foto: Philippe Desmazes/AFP)

Seit zwölf Spielen ist Nordirland ungeschlagen. Diese Serie wollen sie am Sonntag fortsetzen - auch als Außenseiter.

Fast zehn Jahre lang hörte der bekannteste aktive Sportler aus Nordirland auf den Namen Eddie Irvine. Mit Fußball hatte er nicht viel am Hut. Zwischen 1993 und 2002 war Irvine vielmehr als rasender und auch recht trinkfester Playboy im Formel-1-Zirkus unterwegs. Von 1996 bis 1999 auch an der Seite von Michael Schumacher bei Ferrari. Die Leidenschaft für Frauen und das Trinken hat Irvine mit George Best gemeinsam, dem allergrößten Sportler Nordirlands.

Womit wir wieder beim Fußball wären.

Natürlich wird auch Irvine am Sonntag in Nizza sein, wenn die nordirische Nationalmannschaft gegen Polen ihr allererstes Europameisterschaftsspiel absolvieren wird (18 Uhr/ARD). Der Formel-1-Vizeweltmeister von 1999 wird Teil der green and wihite army sein, jener sangesfreudigen Armada an Fans, welche die nordirische Mannschaft begleitet.

"Die meisten Nordiren sind verrückt"

"Die meisten Leute aus Nordirland sind verrückt. Das müssen sie auch sein", sagte Irvine über seine Landsleute und kündigte an, mit seinen beiden Cousins bereits vormittags in Nizza sein zu wollen. "Man sollte lieber früh da sein", dozierte er. Denn, Klischees sind ja dafür da, erfüllt zu werden: "Wenn in Frankreich das Guinness ausgeht, machen wir einfach mit dem nächsten Drink weiter. Nach dem Mittagessen wird es in der Stadt nichts mehr zu trinken geben", so Irvine, 50.

Um ihre Helden zu unterstützen sind sie auf den verrücktesten Wegen nach Frankreich gekommen. Die einen bauten einen Wohnwagen um, weil sie sich weder Flug noch Unterkunft leisten konnten, die ganz Verrückten nahmen einfach das Fahrrad. Die Zeitung Belfast Telegraph forderte die Fans schon auf, Fotos einzusenden, wie sie "Frankreich grün einfärben".

All jene, die es nicht über den Ärmelkanal geschafft haben, werden in Belfast eine feucht-fröhliche Freiluftparty vor den Videoleinwänden feiern. Quasi zur Generalprobe schmetterten 10 000 Fans dort bereits ihren persönlichen EM-Hit über Stürmer Will Grigg. Der Chant "Will Grigg's on fire" stürmt seit Wochen die britischen Charts.

Seit zwölf Spielen ungeschlagen

"Die Unterstützung aus der Heimat ist phänomenal", sagte Nordirlands Trainer Michael O'Neill am Samstag. "Aber ich denke, dass es die Spieler noch mehr mitbekommen. Sie erhalten die Grüße auf dem Handy. Das sollten wir aufsaugen und nicht als Last wahrnehmen."

Für den Trainer geht es am Sonntag ganz am Rande auch darum, den Rekord weiter auszubauen. Seit zwölf Spielen ist Nordirland ungeschlagen - so lange wie keine andere europäische Nationalmannschaft. Doch natürlich sind die Grün-Weißen gegen Polen der krasse Außenseiter. Vor allem vor Polens Stürmer Robert Lewandowski vom FC Bayern München haben die Nordiren größten Respekt. Andererseits: Bei zwei EM-Teilnahmen hat Polen noch kein Spiel gewonnen. Und die Nordiren haben schon in der Qualifikation bewiesen, wie weit sie ihre Leidenschaft bringen kann.

"Wir werden immer der Underdog sein. Das ist ganz normal, wenn du für Nordirland spielst", sagte Verteidiger Gareth McAuley vor dem "größten Spiel unserer Karrieren." Und weiter: "Aber wir sind sicher nicht hier, um nur dabei zu sein. Wir sind richtig hungrig." Sportlich darf die Mannschaft zum Auftakt auf den Einsatz des zuletzt angeschlagenen Stürmers Kyle Lafferty, mit sieben Toren Nordirlands Top-Torjäger in der Qualifikation, hoffen. Der 28-Jährige absolvierte am Freitag die komplette Einheit.