Nordderby Lebenszeichen

Der HSV fällt tatsächlich mit Teamgeist und Demut auf - zum benötigten Sieg gegen Bremen reicht es trotzdem nicht.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Es gibt Situationen, da muss man wohl auch ein 2:2 als "kleinen Schritt nach vorn" bezeichnen, obwohl man vorher nichts anderes eingefordert hatte als den dringend erforderlichen ersten Sieg. Markus Gisdol, der Trainer des Tabellenletzten Hamburger SV, hat das so gehalten. Er sagte nach dem unterhaltsamen wie extrem fehlerhaften 105. Nordderby gegen Werder Bremen, er sei "mit dem Ergebnis unzufrieden", aber nicht mit der Leistung. Auch seine Spieler waren froh, trotz 118 Fehlpässen (Werder: 128) nicht erneut mit Pfiffen verabschiedet worden zu sein, obwohl ja die treuesten Anhänger den 26. November zur "Deadline" erklärt hatten, nach dem Motto: Gelingen selbst gegen den ungeliebten Rivalen keine drei Punkte, wenden wir uns ab.

Sie werden auch diesmal bleiben. Denn die Profis lösten trotz allerlei Schwächen quasi ein, was sie in einem Offenen Brief an die Fans nach dem 2:2 eine Woche zuvor in Hoffenheim versprachen. "Wir haben den Saisonstart verhauen und sind jetzt auf dem richtigen Weg, die Kurve zu kriegen", hatten sie geschrieben. Oder, wie es der zweimalige Torschütze Michael Gregoritsch nach der Partie sagte: "Wir leben." Das war tatsächlich schon in der 3. Minute zu erkennen, als der Österreicher eine Flanke von Lewis Holtby zum 1:0 ins Netz setzte; ebenso in der 28. Minute, als der aufgedreht agierende Nicolai Müller erst Zlatko Junuzovic und dann Milos Veljkovic rasant umkurvte wie ein eilender Kellner und dem Torschützen die Kugel zum 2:1 vorlegte wie einen edlen Gruß aus der Küche.

Es reichte aber immer noch nicht. Der HSV ist der sechste Klub in der 53-jährigen Bundesliga-Historie, der nach zwölf Spielen (fünf unter Bruno Labbadia, sieben unter Gisdol) noch keinen Sieg verzeichnet hat. Nur einmal, 1991/92, hat sich mit dem 1. FC Köln ein Verein in solcher Ausgangslage noch gerettet. Vielleicht ist es ja für die einst so stolzen Hanseaten gut, dass sie zumindest ein paar Profis dabei haben, die sich mit bescheideneren Klubs aus ähnlich trister Lage noch befreiten.

Ostrzolek findet, "dass momentan jeder für den anderen da ist"

Matthias Ostrzolek etwa hatte mit dem FC Augsburg Ende 2012 nach 17 Spieltagen ganze neun Punkte gesammelt und blieb trotzdem in der Liga; ebenso wie Torwart Christian Mathenia mit dem Außenseiter Darmstadt 98 in diesem Jahr. Jedes Mal habe der "Teamgeist" das Wunder überhaupt erst möglich gemacht, äußerten beide. Insofern ist es nach dem dreitägigen Trainingslager in Barsinghausen ein gutes Zeichen, dass zumindest die Basistugenden in der Hamburger Mannschaft ein Stück weit zurückgekehrt zu sein scheinen. Ostrzolek stellte jedenfalls mit fester Stimme fest, "dass momentan jeder für den anderen da ist". Und Mathenia hob hervor, "dass nur so der Abstiegskampf geht". Das ist gelebte Demut.

Auch Gregoritsch hat am Samstag die neue Niemals-aufgeben-Mentalität bewiesen. Er lief, als er nach einem Zweikampf mit Philipp Bargfrede den Schuh verlor, sogar mit dem Stiefel in der Hand in den Strafraum und war sich sicher, er hätte den Ball auch ohne Schlappen "rein gemacht", falls er ihn bekommen hätte. Doch auch, wenn der zuvor in sieben Spielen torlose HSV mit zuletzt sechs Toren in drei Partien zumindest im Angriff wieder Bundesligaklasse aufblitzen lässt, muss das Abstiegs-Derby vor allem über die Schwächen beider Teams in der Defensive erzählt werden. Man habe dem Gegner die Tore auf dem "Silbertablett" serviert, klagte Werder-Kapitän Clemens Fritz. Das hätte genauso gut HSV-Kollege Gotoku Sakai sagen können.

Vor dem 1:1 ließ sich der Brasilianer Douglas Santos vom Schützen Fin Bartels verladen wie Anfänger (14.). Vor dem 2:2 ein paar Sekunden vor der Pause eröffnete Johan Djourou mit einem missglückten Kopfball Serge Gnabry die Möglichkeit, den fest verwurzelten Dennis Diekmeier auszuspielen und locker zum Ausgleich einzuschieben. Das Silbertablett der Bremer hatte wiederum viel mit dem ehemaligen Hamburger Jaroslav Drobny zu tun. Fast ein dutzend Mal zeigte der von seinen wissenden früheren Mitspielern angegriffene Keeper, dass er fußballerisch wohl der schwächste Keeper der Liga ist. Vor dem 0:1 landete ein Drobny-Zuspiel auf Niklas Moisander im Aus. Der Einwurf landete bei Flankengeber Holtby. Gleichwohl lobte Werder-Coach Alexander Nouri den 37-jährigen Torwart, der sich Anfang Oktober einen Bruch im Handwurzelbereich zugezogen hatte und ohne Spielpraxis den Vorzug vor Felix Wiedwald erhielt. Er habe ihn wegen seiner "Persönlichkeit" und seiner "Ausstrahlung" bevorzugt. Künftig soll der Tscheche wieder die Nummer eins sein, obwohl die positive "Ausstrahlung" nur wenige Beobachter gesehen hatten.

Was die Zukunft der beiden sturmumtosten Nordlichter angeht, wünscht sich Nouri im nächsten Heimspiel gegen den FC Ingolstadt 90 Minuten, in denen "nicht so viele Geschenke verteilt werden". Gisdol ist sich sicher: "Wenn wir so weitermachen, werden wir unsere Punkte machen." Vielleicht ja schon am Samstag in Darmstadt.