1.FC Köln in der Conference League:"Das war einfach nur nackte Gewalt"

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1.FC Köln in der Conference League: Szene der Randale im Stadion: Kölner Fans greifen den Nizza-Block an.

Szene der Randale im Stadion: Kölner Fans greifen den Nizza-Block an.

(Foto: Nicolas Tucat/AFP)

Nach den heftigen Ausschreitungen im Stadion in Nizza ist die Schuldfrage kompliziert. Der 1. FC Köln reagiert schockiert und kritisiert die Polizeipräsenz als zu gering. Die Bandbreite an möglichen Strafen ist groß.

Steffen Baumgart stand der Schock über das Erlebte auch am Tag danach noch ins Gesicht geschrieben. Weil er für das Conference-League-Spiel beim OGC Nizza (1:1) gesperrt war, hatte er auf der Tribüne die Ausschreitungen vor der Partie mit 32 Verletzten aus der Nähe erlebt. "Das, was gestern passiert ist, wird mich sehr lange begleiten. Das war einfach nur nackte Gewalt."

Direkt nach den Vorfällen am Donnerstagabend begann die Aufarbeitung, die laut Geschäftsführer Christian Keller aber "ein paar Wochen" dauern kann. Die Disziplinarkammer der Europäischen Fußball-Union hat Verfahren gegen den Bundesligisten und den französischen Klub eröffnet. Die Konsequenzen für den Verein seien "noch nicht abzusehen", sagt Keller. Die Bandbreite möglicher Strafen reicht von Geldstrafen bis zu Auflagen oder auch Geisterspielen und Zuschauer-Ausschluss bei Auswärtsspielen. Als Direktmaßnahme wurde die nächste Europacup-Partie am kommenden Donnerstag gegen den 1. FC Slovacko aus Tschechien von der Uefa "zum Risikospiel aufgewertet". Die Staatsanwaltschaft in Nizza hat mehrere Ermittlungsverfahren wegen gemeinschaftlicher Sachbeschädigung oder Gewalt am und im Stadion eingeleitet.

Schwierig ist die Frage nach der Schuld. Die Zeitung Le Parisien schrieb: "Schuld waren die wütenden deutschen Fans." Aber die Sache ist wohl deutlich komplexer. Auf den Tribünen des Stadions war es zu heftigen Schlägereien gekommen, vermummte Hooligans aus dem Kölner Block hatten über die Haupttribüne die Heimkurve angegriffen. Zuvor soll es aber vor dem Stadion schon zu Übergriffen durch Nizza-Fans gekommen sein. Zudem hatten sich Fans des OGC-Erzrivalen Paris St. Germain unter die Kölner gemischt und eine aktive Rolle gespielt. PSG verurteilte dies eigens in einer Mitteilung, versehen mit der Klarstellung, "dass die Gruppe Supras Auteuil durch ein Dekret vom 29. April 2010 aufgelöst wurde" und "nicht als Fangruppe von Paris Saint-Germain anerkannt wird".

"Wir werden alles probieren, um möglichst viele rauszuziehen. Und die schließen wir dann aus", sagt FC-Geschäftsführer Keller

Geschäftsführer Keller betonte, dass der FC vor der Partie auf zahlreiche Sicherheitsbedenken aufmerksam gemacht habe. "Wir haben darauf hingewiesen, dass wir ein deutlich höheres Polizeiaufkommen für angemessen erachten. Wir haben auch darauf hingewiesen, dass wir eine bessere Fantrennung für sehr sinnvoll und wichtig erachten", sagte er. "Doch die Vorschläge wurden im Endeffekt größtenteils nicht angenommen." Auch die Sportzeitschrift L'Équipe bezweifelte, ob genügend Sicherheitskräfte im Einsatz waren.

Die Sicherheitsvorkehrungen seien dem Risikopotenzial der Begegnung angemessen gewesen, teilte dagegen die Präfektur in Nizza mit. Die Zahl der eingesetzten Polizeikräfte sei im Tagesverlauf von 450 auf 650 erhöht worden. Und Auslöser für die Krawalle seien die Gästefans gewesen: "Es scheint, dass es eindeutig letztere waren, die die Nizzaer provozierten." Fünf Verletzte seien ins Krankenhaus gekommen, einer davon nach einem Sturz von einer Tribüne. Dieser Pariser Fan befinde sich inzwischen nicht mehr in Lebensgefahr, hieß es.

Keller kündigte an, man werde "mit aller Härte und Entschlossenheit" versuchen, die Beteiligten zu ermitteln. "Ich weiß nicht, ob das 50, 60 oder 70 waren. Es waren auf jeden Fall sehr, sehr wenige", sagte Keller. "Aber wir werden alles probieren, um möglichst viele rauszuziehen. Und die schließen wir dann aus."

Positiv war für den Geschäftsführer das Verhalten des großen Teils der friedlichen Fans. "Über 7900 der 8000 haben sich korrekt verhalten", sagte er. "Wenn ich Videos sehe, auf denen richtige Fans versuchen, den anderen die Sturmkappen wegzuziehen - das ist Zivilcourage."

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