Mütter im Profisport Schwanger? Verrückt!

Wütende Mutter: Die US-Läuferin Allyson Felix, mit 16 Medaillen die erfolgreichste Teilnehmerin in der Geschichte der Leichtathletik-Weltmeisterschaften.

(Foto: Patrick Smith/Getty Images)
  • Mehrere amerikanische Leichtathletinnen berichten, wie ihr Sponsor Nike ihnen Sponsorenzahlungen strich, als sie ein Kind bekamen.
  • "Schwanger zu werden, ist der Todeskuss für eine Sportlerin", sagt Phoebe Wright.
  • Nun will der Sponsor nachbessern.
Von Lisa Sonnabend

Ihr Sohn, gerade einmal ein paar Wochen alt, war krank. Er kam ins Krankenhaus. Doch Kara Goucher war nicht bei ihm. Die amerikanische Langstreckenläuferin rannte stattdessen, sie rannte weiter, immer weiter. Eine Mutter zu sein, die für ihr Kind da ist, und gleichzeitig eine Profisportlerin, war ihr nicht möglich. Und das hatte vor allem einen Grund: Ihr Ausrüster Nike hatte die Sponsorenzahlungen an sie eingestellt und wollte ihr erst wieder Geld überweisen, sobald sie ähnlich gute Leistungen wie vor der Geburt erzielen würde. Goucher brauchte das Geld, deswegen trainierte sie verbissen, während ihr Sohn im Krankenhaus lag.

Der Fall liegt fast neun Jahre zurück, jetzt hat Kara Goucher es gewagt, ihre Stimme zu erheben und den Umgang von Nike mit schwangeren Sportlerinnen anzuprangern. Nicht nur sie. Mehrere amerikanische Leichtathletinnen haben in den vergangenen Tagen in der New York Times ihre Geschichten erzählt. Es sind Geschichten von Profisportlerinnen, die, wenn sie ein Kind bekommen, von ihrem Sponsor finanziell benachteiligt werden - und harte Entscheidungen treffen müssen. Es sind Geschichten, die Fragen nach der Fairness im Sport und der Gleichberechtigung in der Gesellschaft aufwerfen. Und Fragen wie: Warum ist eine Schwangere in den USA im Profisport manchmal weniger geschützt als ein Verletzter?

"Schwanger zu werden, ist der Todeskuss für eine Sportlerin"

Die 800-Meter-Spezialistin Alysia Montaño beispielsweise nahm, im achten Monat schwanger, noch an Wettkämpfen teil. Nicht weil sie es unbedingt wollte, sondern vor allem, weil sie befürchtete, dass ihr Sponsor Zahlungen an sie einstellen könnte. Die Läuferin Phoebe Wright sagte der New York Times: "Schwanger zu werden, ist der Todeskuss für eine Sportlerin."

Schließlich meldete sich auch Sprinterin Allyson Felix zu Wort, dekoriert mit neun Olympiamedaillen und seit November Mutter. Sie schilderte, dass Nike ihr die Bezüge um 70 Prozent kürzen wollte, dass sie noch immer keine Einigung über einen neuen Vertrag mit der Firma erzielt habe und deswegen derzeit ohne Kontrakt dastehe. "Das ist ein Beispiel, wie in der Sportindustrie die Regeln noch immer vor allem für und von Männern gemacht werden", klagte die 33-Jährige.

Die Athletinnen riskierten einiges, indem sie öffentlich über die Geheimhaltungsklauseln ihrer Verträge sprechen. Doch sie sahen die Zeit gekommen, und sie waren richtig sauer. Denn Nike, der weltweit führende Sportartikelhersteller, preist gerne in seinen Werbebotschaften an, wie sehr er Frauen und ihre Rechte stärke. Zum Muttertag Anfang Mai erschien ein Video, in dem die Tennisspielerin und Mutter Serena Williams die Nike-Botschaft an alle Frauen auf der Welt sendet, an ihren Träumen festzuhalten. Egal, wie verrückt diese Träume seien.

Die Sportlerinnen, die sich nun zu Wort gemeldet haben, sind allerdings der Meinung, dass die US-Firma eher die Träume von Frauen zerstöre, als diese zu ermöglichen. Mutter und Leistungssportlerin zu sein, das sei wohl zu verrückt. Amerikanische Leichtathletinnen haben es dabei besonders schwer: Sie sind weitgehend auf sich allein gestellt, die einzige Einnahmequelle in ihrer Sportart sind meist die Sponsorengelder ihrer Ausrüsterfirmen, nur bei den richtig Erfolgreichen kommen Preisgelder hinzu. Wenn Sportler bei Wettkämpfen eine Zeit lang keine vorderen Platzierungen erzielen, verlieren sie zudem ihre Krankenversicherung - so erging es Läuferinnen wie Goucher und Montaño.