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Oregon Project und Salazar:Die Athleten müssen reden statt schweigen

Konstanze Klosterhalfen bei der Leichtathletik-WM 2019

Hat bislang nur beteuert, dass sie mit Salazar nicht zu tun hatte: die deutsche Weitklasseläuferin Konstanze Klosterhalfen (rechts).

(Foto: dpa)

Aus Nikes Oregon Project werden immer schlimmere Details bekannt. Jetzt müssen sich die Läuferinnen und Läufer glaubhaft distanzieren - auch Konstanze Klosterhalfen.

Vermutlich hat es auch mit der Ignoranz von Nike zu tun, dass nun immer schlimmere Details aus dem Elite-Läuferteam des US-Sportartikelkonzerns publik werden. Im Oktober wurde das Nike Oregon Project (NOP) eingestellt; Alberto Salazar, sein Gründer und Mastermind, war der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada ins Netz gegangen und vier Jahre gesperrt worden.

Aber: Verhält sich Nike wirklich nur ignorant, angesichts erdrückender Zeugenberichte und einer überwältigenden Faktenlage? Oder ist es so, dass der Konzern gar nicht mehr anders kann, weil er untrennbar an Salazar gekettet ist? Der hatte sein Treiben ja bis an die Konzernspitze referiert. Das verraten Mails an Vorstandschef Mark Parker, der jüngst ebenfalls zurücktrat.

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Nike verteidigte Salazar und dessen Hormondoktor bedingungslos, Millionen flossen an Anwälte. Als trotzdem das Usada-Urteil erging, verfasste der Konzern Statements von Kabarettreife: Salazar, lautete die Pointe, sei vom Dopingverdacht freigesprochen worden. Nie distanzierte sich Nike vom Guru, es gab keine Entschuldigung an Athleten und Whistleblower. Jetzt ist es zu spät. Nike hat alle Glaubwürdigkeit verspielt.

Dagegen steht die Tapferkeit vieler NOP-Athleten, etwa der Läuferin Mary Cain, die gerade bedrückende Details schilderte. Ihr Leidensdruck muss enorm sein, sie klagt immerhin eine Supermacht des Weltsports an. Weit, sehr weit reichen die Tentakel dieses Konzerns, zumal in der Leichtathletik, die sogar ihre WM 2021 am Konzernsitz in Oregon austrägt. Wo aber die Zivilcourage von Topsportlern gegen die Marketingmaschinerie eines Global Players steht, geht es um alles: Jeder einzelne NOP-Athlet hat nun Stellung zu beziehen. Wer das nicht tut, in Kenntnis der Aussagen geschundener Kollegen und der Vorgänge in Salazars Lauflaboren, der erntet blankes Unverständnis. Im besten Falle.

Es steht die Zivilcourage von Topsportlern gegen die Marketingmaschine eines Global Players

Auch Konstanze Klosterhalfen war im Nike-Projekt. Die Deutsche mit den atemraubenden Leistungssprüngen beteuerte bisher nur, sie habe nie mit Salazar zu tun gehabt und einzig unter dessen Co-Trainer Pete Julian trainiert. Das ist nicht nur unzureichend, weil auch Julian laut Usada der Mitwirkung an typischen Vorgängen verdächtigt wird. Es ist schon deshalb ungenügend, weil kein realitätsnaher Beobachter glauben kann, dass es im Laufprojekt eines fast 20 Jahre herrschenden Gurus zwei völlig verschiedene Leistungskulturen gab. Eine, die Salazar mit faustischer Experimentierwut pflegte und die den missbräuchlichen Umgang mit Athleten nahelegt, und eine andere, völlig saubere - die merkwürdigerweise genauso erfolgreich war. Warum wurde dann nicht auf die saubere Tour gesetzt? Das hätte Nike ein Desaster erspart.

Es ist nun an den Athleten, die bisher schwiegen. Weil die Vorwürfe einen Generalverdacht begründen, braucht es die klare Distanzierung von dem Projekt. Und wer wirklich nie mitbekam, was heute so viele berichten, hat die Pflicht, sich bei den Opfern auf den Stand zu bringen. Wer aber glaubt, diese Fragen einfach aussitzen und die Karriere gar mit NOP-Personal fortsetzen zu können, rennt voll hinein in das Minenfeld, das für immer den Namen Nike Oregon Project trägt.

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