Süddeutsche Zeitung

Wimbledon:Zwei deutsche Überraschungen

Lesezeit: 4 min

Tatjana Maria und Jule Niemeier setzen in Wimbledon ihre sensationelle Siegesserie fort. Jetzt stehen sie sich im Viertelfinale von Wimbledon gegenüber - und auch ein paar Tennislegenden kommen ins Staunen.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Tatjana Maria war schon auf Court No. 1 zugange, sie war gleich mit einem Break zum 2:1 in ihr Achtelfinalmatch gestartet, als sich nur drei Gehminuten entfernt hohe Prominenz einfand. Eine Zeremonie stand an, um den Centre Court von Wimbledon zu ehren. Nachdem sich um 13.30 Uhr die Haupt-Arena im All England Club ziemlich gefüllt hatte und von einem der hinteren Tribünenplätze eine Champagnerflasche aufpoppte, wurde anlässlich von 100 Jahren Centre Court ein Film auf der Leinwand eingespielt.

Große Momente der Geschichte dieses Rasen-Tennisturniers waren zu sehen, Björn Borg, Chris Evert, auch Boris Becker tauchte auf, als 17-Jähriger mit knallrotem Schopf. Schließlich betraten John McEnroe und die BBC-Größe Sue Barker (die zum Bedauern der Tennisszene nach dieser Ausgabe aufhören wird) den Platz.

McEnroe und Barker warfen sich Witzchen zu, als sich plötzlich der leibhaftige Cliff Richards aus der Menge erhob und ein Liedchen vortrug. Zeremonien können die Briten, auch die Huldigung einer Covid-Heldin des britischen Gesundheitssystems sowie von Flüchtlingen aus der Ukraine, Syrien und Afghanistan hatte etwas Würdevolles. Dann betraten ehemalige Sieger den Centre Court, Martina Hingis, Stefan Edberg, John Newcombe, der rüstige Rod Laver, Björn Borg, auch Angelique Kerber tauchte auf.

Gemessen am schrillen Applaus lieben die Briten ganz besonders: Rafael Nadal. Venus Williams. Stefan Edberg. Und dann kam Roger Federer - es wurde so laut wie bei keinem Champion sonst. Fast alle Zuschauer erhoben sich. "Ich hoffe, ich komme ein Mal noch zurück", sagte der 40-jährige Schweizer, der nach zwei Eingriffen am Knie im Herbst sein Comeback plant.

Angesichts dieser ehrenwerten Tennisgesellschaft, die sich da versammelt hatte, war es eine erstaunliche Pointe, dass im Anschluss eine gewisse Jule Niemeier, 22, aus Dortmund den Platz betreten sollte. Noch läuft ja das aktuelle Turnier, und es stand ihr Achtelfinalduell mit der Britin Heather Watson an.

Während sich dann viele der Zuschauer Pimm's-Nachschub besorgten, kämpfte drüben auf Court No. 1 Tatjana Maria weiter. Die 34-Jährige aus Bad Saulgau, die in Florida mit ihrem Mann und Trainer Charles Edouard sowie ihren zwei kleinen Töchtern lebt, hatte sich erstmals auf Grand-Slam-Niveau in die vierte Runde gesiegt. Mit ihrem unorthodoxen Spielstil hatte sie etwa die Weltranglisten-Fünfte Maria Sakkari aus Griechenland entnervt. Die Frage war nur: Würde sich die Lettin Jelena Ostapenko, die French-Open-Gewinnerin von 2017, auf diese trickreiche Komposition aus Slice-Bällen einlassen, zwischen die Maria gerne auch mal Topspin-Schläge mixt? Oder würde sie doch kompromisslos auf alles draufhauen, was sich bewegt?

Tatjana Maria kann ihre Gegnerinnen mit ihrem Stil stressen - und Jelena Ostapenko wirkte gestresst

Ostapenko tat im Grunde beides, und das konnte Maria nur recht rein. Denn so war sie ebenbürtig, und auch wenn sie den ersten Satz nach einer 3:1-Führung noch 5:7 verlor und im zweiten Satz mit 1:4 in Rückstand geriet, lauerte sie auf ihre Chance, die im letzten Moment kam. Die 25-Jährige aus Riga hatte bei 5:4 und 40:15 zwei Matchbälle - doch Maria wehrte diese ab, blieb cool und sicherte sich den Satz mit 7:5.

Auch im dritten Satz ließ sie sich nach einem Break zum 0:2 nicht abschütteln, die Partie blieb eine Auseinandersetzung zweier völlig gegensätzlicher Spielphilosophien. Maria weiß ja, dass sie andere mit ihren gesensten Unterschnitt-Schlägen stressen kann, und Ostapenko wirkte gestresst. Sie setzte einmal einen Ball weit ins Aus, da hob Maria die Faust.

Bis zum Ende war es eine enge Partie, und tatsächlich setzte sich Maria durch. Bei 5:4 schlug sie zum Sieg auf, vergab die Chance zunächst, doch nach einem zweiten Break schlug sie zu - 5:7, 7:5, 7:5. Als Nummer 103 der Weltrangliste hat sie nun das Viertelfinale in Wimbledon erreicht. Ungläubig trat Maria ans Mikrofon und sagte: "Mein Dank gilt dem fantastischen Publikum. Ich dachte, wenn man so an mich glaubt, wenn ich so angefeuert werde, dann kann ich es schaffen." Und so schaffte sie es.

Nur kurze Zeit nach ihrem gewonnenen Match gelang dann auch Niemeier die riesige Überraschung. Sie gewann 6:2, 6:4 gegen Watson, die sie vom Niveau her aber auch durchaus schlagen konnte - die Engländerin ist in der Weltrangliste als 109. hinter ihr platziert. Nach dem Matchball ließ Niemeier den Schläger fallen, sie wurde höflich beklatscht. Sie war eindeutig die Spaßbremse auf dem Centre Court, aus Sicht der Gastgeber. "Es tut mir leid", sagte Niemeier beim Interview auf dem Platz; sie entschuldigte sich dafür, dass sie eine Britin besiegt hatte. Über sich sagte sie: "Ich bin wirklich glücklich über meine Leistung." Sie klang noch etwas verdutzt.

Auf der Pressekonferenz betonte Maria, dass sie immer den Glauben an sich hatte, "dass ich das kann", dass sie eines Tages mal so einen Erfolg würde feiern können. Deshalb sei sie auch als Profi zurückgekommen nach der Geburt von Charlotte vor acht Jahren und nun 15 Monate nach der Geburt von Cecilia. Niemeier kenne sie gar nicht so gut, verriet sie, obwohl beide sogar in der Bundesliga für den TC Bredeney gespielt haben. Doch strahlend brachte sie auch zum Ausdruck, wie sehr sie sich auf das deutsche Duell freue: "Für sie ist das auch toll", sagte Maria, und "es ist schön fürs deutsche Tennis, dass wir im Viertelfinale gegeneinander spielen, weil eine dann im Semifinale sein wird." Niemeier räumte später ein, "sprachlos" zu sein, "das alles fühlt sich nicht real an". Doch sie fand dann viele gute Worte, so würdigte sie Maria, auch wie diese ihr Profileben als Mutter zweier Kinder meistere, und betonte: "Ich freue mich auf das nächste Match."

Im Viertelfinale treffen jetzt tatsächlich zwei deutsche Frauen aufeinander, und keine der beiden heißt Kerber, das ist bemerkenswert. Das erfolgreichste Abschneiden der deutschen Frauen der vergangenen Jahre war 2018, als Kerber und Julia Görges im Halbfinale standen (aber nicht gegeneinander spielten) und Kerber den Titel holte. Nun stellt sich die Frage, wer diesmal in die Runde der letzten vier vorstößt: die Mutter mit der Slice-Rückhand oder die junge Aufsteigerin mit der kräftigen Vorhand, die vor diesem Wimbledon noch nie ein Match bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen hatte?

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SZ/cca/bek
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