bedeckt München 17°
vgwortpixel

Fußball-WM der Frauen:Groenen schießt die Niederlande ins Finale

Women's World Cup - Semi Final - Netherlands v Sweden

Jackie Groenen (r.) feiert ihren Treffer zum 1:0.

(Foto: REUTERS)
  • Die Niederlande ziehen bei der Fußball-WM der Frauen ins Finale ein, wo sie am Sonntag auf die USA treffen werden.
  • Beim 1:0 nach Verlängerung gegen Schweden erzielt Jackie Groenen das Tor des Tages.

Ihr erstes Tor bei dieser Weltmeisterschaft hatte sich Jackie Groenen noch aufgehoben. Und es wird ihr egal gewesen sein, dass es so lange gedauert hat, bis sie jubelnd über französischen Rasen rennen durfte. Denn dieses erste war schließlich ein besonderes Tor. Nicht nur für sie persönlich, sondern für die gesamte niederländische Fußballnationalmannschaft der Frauen. 99 Minuten waren im zweiten Halbfinale am Mittwochabend vor 48 452 Zuschauern im Stade de Lyon schon zwischen den Niederlanden und Schweden gespielt. Es war das erste Spiel beider Teams bei dieser WM, das in die Verlängerung gehen musste. Groenen, die zur neuen Saison vom 1. FFC Frankfurt zu Manchester United wechselt, bekam den Ball am Ende einer längeren Ballstafette, als sie gerade an der Strafraumgrenze war. Sie zog ins linke Eck ab, kraftvoll, präzise zur sehnlichst ersehnten Führung - und schließlich auch zum 1:0 (0:0, 0:0)-Endstand.

Die Niederlande stehen damit bei ihrer zweiten Teilnahme erstmals im Finale bei einer Weltmeisterschaft, wo sie am Sonntagnachmittag auf den dreimaligen Titelträger und großen Favoriten USA treffen. Die Amerikanerinnen hatten sich am Dienstagabend mit 2:1 gegen England durchgesetzt. Dass Schwedens Kosovare Asllani am Ende verletzt mit einer Trage abtransportiert werden musste, nachdem sie vom Ball am Hals getroffen worden war, machte den Abend für die Skandinavierinnen noch bitterer, als er sportlich ohnehin schon war.

Elf Turnierspiele hatten die Niederländerinnen vor dem Anpfiff des Halbfinales am Mittwochabend nacheinander gewonnen, eine souveräne Serie. Die Kritik in der Heimat war dennoch da, in niederländischen Medien wurde der Spielstil bemängelt, dieses Team könne es besser. Die Erwartungen sind von Anfang an hoch gewesen, die Niederlande gehörten bei dieser WM erstmals zum Favoritenkreis - nachdem sie 2017 bei der Europameisterschaft im eigenen Lande triumphierten. Noch immer prägen die Spielerinnen von damals den heutigen Kader. "Das ist jetzt nun mal die Situation, in der wir uns befinden, seit wir den EM-Titel gewonnen haben", sagte Nationaltrainerin Sarina Wiegman. "Das ist jetzt Teil unseres Lebens. Alles, was wir tun können, ist besser zu werden in jedem einzelnen Spiel und das ist es, was wir jetzt tun."

Schweden trifft den Pfosten, die Niederlande die Latte

Die erste Halbzeit lieferte dann aber zunächst mehr Stoff für die Kritiker. Sie blieb weitgehend ohne Höhepunkte. Und der Kontrast fiel sicherlich auch deswegen so stark auf, weil am Abend zuvor zwischen den USA und England im Kampf um den ersten Finalplatz eines der besten Spiele dieser WM zu sehen war: schnell, athletisch, mit cleveren Spielzügen und vielen Chancen von Anfang bis Ende. Am Mittwoch hatte Schweden in der 13. Minute das erste Mal die Gelegenheit, als Sofia Jakobsson auf Stina Blackstenius passte, deren Schuss von Torhüterin Sari van Veenendaal abgeblockt wurde und im Getümmel wieder bei Jakobsson landete. Nur nicht im Tor.

Wenn Schweden den Niederlanden gefährlich wurde, dann meist nach Ecken. Für die Niederlande versuchte es Sharida Spitse in der 39. Minute noch aus der Distanz mit viel Kraft - aber zu wenig Präzision. Beide Mannschaften neutralisierten sich darin, wie sie den Ball in ihren Reihen gut laufen ließen, aber im entscheidenden letzten Drittel nicht gefährlich genug waren. Die Niederlande lagen in der Statistik knapp vorne nach der ersten Hälfte: 52:48 Prozent Ballbesitz, 5:3 Torschüsse. Tore: 0:0.

Die niederländischen Spielerinnen hatten beste Erinnerungen daran, Schwedinnen auf dem Platz zu begegnen. Zuletzt hatte es diese Ansetzung bei einem großen Turnier vor zwei Jahren gegeben, im EM-Viertelfinale, als die Oranje Leeuwinnen nach Toren von Vivianne Miedema und Lieke Martens 2:0 gewannen und zwei Spiele später den bisher größten Erfolg ihrer Geschichte feierten. Der Titel löste in den Niederlanden eine Euphorie aus, die sich auch in Frankreich zeigt. In Lyon hatten sich vor dem Halbfinale viele Fans in Orange rund um den Platz Bellecour im Stadtzentrum versammelt, niederländische Schlager hallten aus den Boxen, alle wirkten bestens gelaunt. In den fünf vorherigen WM-Spielen hatten sich ganze Straßenabschnitte mit Fans gefüllt und fast schon Heimspielatmosphäre verbreitet mit ihren euphorischen Gesängen.

Schweden stand an diesem Abend zum vierten Mal nach 1991, 2003 und 2011 im Halbfinale. Woran Nationaltrainer Peter Gerhardsson aber auch keine Zweifel hatte: "Wir wussten, dass wir so weit kommen können. Ich habe schon oft gesagt, dass wir alle Chancen haben", hatte er die Tage gesagt. Und fast wäre es Nilla Fischer gewesen, die bis zu diesem Sommer sechs Jahre beim VfL Wolfsburg gespielt hat, die die Einschätzung ihres Trainers auf dem Platz bestätigte: In der 56. Minute landete der Ball bei der 34-Jährigen und wurde von ihr mit rechts genau in die richtige Richtung gelenkt, ein kleines bisschen jedoch fehlte und so prallte er am Pfosten ab. Es wäre ein besonderer Treffer gewesen, noch eine Weltmeisterschaft wird die derzeit vielleicht prägendste Fußballerin ihres Landes nicht spielen. "Natürlich fühlt sich das sehr groß an", hatte sie vor dem Halbfinale gesagt. "Als wir hier hergekommen sind, haben wir von Gold geträumt und die Möglichkeiten dazu gesehen. Nun werden wir alles geben, um es ins Finale zu schaffen."

Allein, es reichte nicht. Auch die Niederlande kamen in der regulären Spielzeit noch zu guten Chancen, wie beispielsweise in der 64. Minute, als eine Ecke von Spitse perfekt auf Miedema zuflog, die druckvoll ihren Kopf entgegenhielt. Doch Schwedens Hedvig Lindahl lenkte ihn gerade noch so an die Latte. Miedema beobachtete die Parade und zeigte mit ihrem Blick danach deutlich, was sie sich in diesem Moment fragte: Wie konnte das nur passieren? Es hätte zu diesem Turnier gepasst, wenn sie es gewesen wäre, die für die mögliche Vorentscheidung gesorgt hätte. Drei Tore hat sie bei dieser WM bisher geschossen und ist nun mit 60 Länderspieltoren der beste Scorer überhaupt in den Niederlanden. Mit erst 22 Jahren. "Ich glaube, der Druck ist jetzt weg", hatte Miedema vor dem Spiel gesagt. "Ich glaube, wir haben alle überrascht, so weit gekommen zu sein. Uns eingeschlossen." An diesem Abend kam eine weitere Überraschung für die Niederlande hinzu.

Fußball-WM der Frauen Auch ohne Rapinoe erstklassig

USA - England 2:1

Auch ohne Rapinoe erstklassig

Mit 2:1 bezwingen die Titelverteidigerinnen England und ziehen als erstes Team ins WM-Finale ein. Die angeschlagene Megan Rapinoe will dann wieder dabei sein.   Von Anna Dreher