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Sieg der Niederlande gegen Ukraine:Vulkanausbruch in Duivendrecht

Auch entscheidend am Auftaktsieg beteiligt: der Wolfsburger Wout Weghorst (rechts).

(Foto: Olaf Kraak/AP)

Beim 3:2-Auftaktsieg gegen die Ukraine entdecken die Niederländer die Künste eines klugen Verteidigers - und die Torgefährlichkeit von Wout Weghorst. Sogar der König verlebt einen bürgerlichen Ausbruch der Freude.

Von Ulrich Hartmann, Amsterdam

Die Königin blickte streng, als am Sonntagabend um 22.41 Uhr die Johan Cruijff Arena als orangefarben brodelnder Vulkan ausbrach. Dass knapp 16 000 niederländische Fans durch den 3:2-Siegtreffer fünf Minuten vor dem Ende eine Art euphorischen Kollaps erlitten, mochte Máxima ja noch goutieren, doch dass der werte Gatte Willem-Alexander, seines Zeichens König der Niederlande, in dieser 85. Minute in der royalen Loge füßestampfend und fäusteballend und vor Freude sich krümmend einen geradezu bürgerlichen Ausbruch der Überwältigung zuließ, bestrafte die Gemahlin mit einem scharfen Blick.

Netherlands v Ukraine - UEFA Euro 2020: Group C

Willem-Alexander und Máxima waren in Amsterdam die prominentesten Fans des niederländischen Nationalteams.

(Foto: Koen van Weel/Getty Images)

Ihrem Sympathie-Guthaben im Volke wird die demonstrative Contenance kaum schaden. Der in dramaturgischer Hinsicht nicht zu überbietende Sieg gegen die Ukraine zum Auftakt der Europameisterschaft überstrahlte alles. Nach einer Stunde führten die Niederländer 2:0. 20 Minuten später hatten die Ukrainer zum 2:2 ausgeglichen, und der König kauerte genauso wie sein Volk zerknirscht in seinem Sitz im weiten Rund.

Der Niederländer Dumfries erfindet den Außenverteidiger neu

Doch als ausgerechnet der vermeintlich unscheinbare Außenverteidiger Denzel Dumfries vom international eher unscheinbaren Mario-Götze-Klub PSV Eindhoven kurz vor Schluss den erlösenden Siegtreffer erzielte, entdeckte man im flachsten aller Flachländer einen bislang unbekannten eruptiven Berg.

Vulkanologen freilich können sich die Forschungsreise in den Amsterdamer Vorort Duivendrecht sparen. Dies ist und bleibt ein Wallfahrtsort für fanatische Fußballfans, die knapp sieben Jahre nach dem vormals letzten Turnierspiel der Niederlande im Juli 2014 in Brasília (Weltmeisterschaft, Spiel um Platz 3, 3:0 gegen Brasilien) am Sonntagabend in Amsterdam wieder drei Treffer bejubeln durften - aber diesmal viel emotionaler.

Zum "Star of the Match", so heißt die Kategorie des jeweils besten Akteurs, wurde hinterher nicht Frenkie de Jong vom FC Barcelona gekürt, nicht Georginio Wijnaldum vom FC Liverpool und auch nicht der Nationalstolz namens Memphis Depay, der wohl bald von Olympique Lyon zum FC Barcelona wechselt. Hingucker des Abends war der kluge Dumfries, der die Rolle als offensiver Außenverteidiger in einer Fünferkette derart schwungvoll modern interpretierte, dass in der königlichen Loge Selbstzweifel an allen historischen Traditionen aufgekommen sein müssten.

Fußballer wie Dumfries werden in Europa händeringend gesucht

Die Oranje-Fundamentalisten, die dem Bondscoach Frank de Boer sein - wenngleich offensiv interpretiertes - 5-3-2-System niemals und unter keinen Umständen verzeihen werden, wurden irritierte Zeugen eines 25 Jahre alten Flügelspielers, der als nomineller Abwehrmann zum torgefährlichsten Spieler auf dem Feld avancierte.

Den Vollzug zahlreicher hochkarätiger Chancen sparte er sich clevererweise für jene 85. Minute auf, als seiner Mannschaft sehr konkret ein deprimierendes Unentschieden drohte. So wurde er mit einer letztlich gar nicht allzu tollen Chancenverwertungsquote in einem gleichwohl magischen Augenblick zum Helden einer ganzen Nation und erhielt als "Star" eine Silbertrophäe von zweifelhaftem Charme, gesponsert von einer Großbrauerei. Er hätte auch die Arjen-Robben-Medaille in Gold erhalten müssen, gäbe es diese Auszeichnung überhaupt.

"Ich war zum Zeitpunkt des Treffers sogar schon ein bisschen frustriert", berichtete Dumfries schüchtern über seine zuvor verpatzten Großchancen, "aber dann kam dieses Tor." Er apostrophierte es nur zu gern als "mein bestes Tor bisher", verweigerte eine ähnliche Auszeichnung aber seiner Performance insgesamt an diesem Abend: "Nein, mein bestes Spiel war es nicht." Seine aufopferungsvollen Wege rauf und runter entlang der rechten Außenlinie schienen ihm regelrechtes Vergnügen zu bereiten: "Ich spiele gerne mit viel Speed, ich bin gerne weit vorne."

Und weil es offensive Außenverteidiger dieser Couleur nicht allzu viele gibt in Europa, weil genau solche Leute aber händeringend gesucht werden, darf man davon ausgehen, dass Denzel Dumfries, 25, aus Rotterdam, Vertrag bis 2023 in Eindhoven, geschätzter Marktwert bei 20 Millionen Euro, nicht mehr sehr lange bei PSV spielen wird.

Netherlands v Ukraine - UEFA Euro 2020: Group C

Laut eigener Aussage sein bestes Tor, aber nicht seine beste Partie: Der Niederländer Denzel Dumfries im EM-Spiel gegen die Ukraine (rechts Oleksandr Sintschenko)

(Foto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Nicht mehr sehr lange beim VfL Wolfsburg sehen Experten auch den Stürmer Wout Weghorst. Der 28-Jährige war in der vergangenen Saison mit 20 Treffern der viertbeste Torjäger der Bundesliga, erzielte am Sonntag in seinem erst siebten Länderspiel mit seinem zweiten Oranje-Tor den bislang bedeutendsten Treffer seiner Karriere und wird trotz eines in Wolfsburg bis 2023 gültigen Vertrages fortan vermutlich nicht mehr nur mit Tottenham Hotspur in Verbindung gebracht.

"Dieses Spiel hat unseren Charakter gezeigt", schwelgte Weghorst, verschwieg aber nur zu gern, dass er mit fatalem Abwehrverhalten vor Roman Jaremtschuks Kopfball-Ausgleich zum 2:2 für die Ukraine in der 79. Minute selbst dazu beigetragen hatte, dass dieser Charaktertest überhaupt noch einmal nötig wurde.

Der Trainer Frank de Boer jedoch fand sein Team bis auf die fünf Minuten zwischen 75. und 79. Minute mit den beiden Gegentreffern "gut ausbalanciert". Die Fundamentalisten müssen davon ausgehen, dass er auch am Donnerstag gegen Österreich sein 5-3-2 spielen lässt. Aber so lange das Königspaar nicht den Daumen senkt, ist alles okay.

© SZ/bek/and
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