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Fußballprofi in Australien:Wo die Spieler Interviews beim Warmmachen geben

ALEAGUE PHOENIX WANDERERS, Nicolai Muller of the Western City Wanderers FC (right) plays in front of Ulises Davila of th; Fußball - Australien - Nicolai Müller

Nach der Arbeit noch genug Zeit für Erkundungstouren durch Sydney: Nicolai Müller (rechts).

(Foto: imago)

Beim Torjubel für den HSV zog sich Nicolai Müller einst einen Kreuzbandriss zu. Nun spielt er in Sydney unter Trainer Markus Babbel - und wundert sich über manche Dinge in der neuen Liga.

Manchmal kann es Nicolai Müller selbst nicht fassen, im Wintergarten seiner Wohnung hat er hin und wieder einen dieser Augenblicke. Müller sitzt dann da, einen Kaffee in der Hand, und wirft einen Blick auf das Opernhaus, das gegenüber liegt. Oder am Strand. Wenn er nach nur 15 Minuten Fahrt angekommen ist. Auch dann ist einer jener Momente, in denen Müller seine Frau fragt: "Kannst du dir das vorstellen, dass wir jetzt wirklich hier leben?"

Seit drei Monaten ist Müller, 32, in Sydney zu Hause. Er hat mit seiner Familie eine Wohnung in einem Hochhaus an der Harbour Bridge bezogen und spielt in der A-League, der höchsten Spielklasse Australiens. Müller, der ehemalige Bundesligaspieler, führt jetzt ein aufregendes Leben, eines, das ein Abenteuer ist.

Man muss nicht jeden Ausflug zu einem Abenteuer erheben, aber Australien, das ist tatsächlich ein Abenteuer für Müller, der im unterfränkischen Dorf Wernfeld aufgewachsen ist, knapp vierzig Kilometer nordwestlich von Würzburg, als einer von rund tausend Einwohnern, ein Bruchteil jener fünf Millionen, die in Sydney leben.

Tor in Karlsruhe, Kreuzbandriss beim Jubeln

In der australischen Metropole erhält er zurzeit öfters Anrufe aus seiner Heimat - wegen des Buschfeuers, das seit Monaten im Land tobt. Wie es seiner Familie und ihm gehe, wie viel er von den Bränden mitbekomme. "Man merkt es ab und zu, wenn man durch die Stadt geht und die Straßen verraucht sind", sagt er. "Es ist natürlich nicht gerade gesund, das einzuatmen." Müller beschwichtigt die besorgten Anrufer aber: Er ist wohlauf in Sydney.

Deutsche Spieler und Trainer in der A-League

Spieler

Alexander Baumjohann Sydney FC

Matti Steinmann Wellington Phoenix

Tim Hoogland Melbourne Victory

Mirko Boland Adelaide United

Nicolai Müller Western Sydney Wanderers

Alexander Meier Western Sydney Wanderers

Patrick Ziegler Western Sydney Wanderers

Trainer

Marco Kurz Melbourne Victory

Markus Babbel Western Sydney Wanderers

Vor viereinhalb Jahren bewahrte Müller den Hamburger SV vor dem erstmaligen Abstieg, indem er beim Relegationsspiel in Karlsruhe ein entscheidendes Tor erzielte. Vor zweieinhalb Jahren zog er sich dann bei einem Torjubel einen Kreuzbandriss zu, zu Beginn jener Saison, in der der HSV sich schließlich doch aus der Bundesliga verabschiedete. Müller konnte in diesem Augenblick nicht anders, als seiner Freude freien Lauf zu lassen, sie musste raus, irgendwohin. Der Jubelsprung an der Eckfahne war, als reiße er ein Fenster auf und brülle vor Glück irgendwas hinaus in die Welt. Irgendwie unreif. Aber eben Emotion pur. Das Tor in Karlsruhe, der Kreuzbandriss beim Jubeln: Mit diesen zwei Spielen ist Müller in Erinnerung geblieben.

"Als er angerufen hat, war es 23.30 Uhr"

Jetzt lebt er in Sydney, und vielleicht hat er das auch deshalb noch nicht realisiert, weil ihm derart wenig Zeit zur Planung blieb, als fliege er bloß in den Urlaub. "Ich konnte überhaupt nicht darüber nachdenken, was mich in Australien erwartet", sagt Müller und erzählt von dem Anruf, mit dem alles anfing. Als sein Telefon klingelte, im Oktober war das, da war Markus Babbel am anderen Ende der Leitung, der Trainer der Western Sydney Wanderers. Müller staunt immer noch, wenn er von jenem Gespräch erzählt, nach dem er sich entschied, dem Mann am anderen Ende der Leitung zu folgen - ans andere Ende der Welt. "Als er angerufen hat, war es 23.30 Uhr", sagt Müller, "ich war in meiner Wohnung in Frankfurt und wollte gerade ins Bett." Babbel bot ihm einen Vertrag für zwei Jahre an, eine feine Sache, doch es gab einen Haken: "Ich musste mich bis 13 Uhr am nächsten Tag entscheiden."

Müller sagte ab. Eine solch weitreichende Entscheidung in so kurzer Zeit zu treffen, das war zu viel verlangt. Er legte auf und rief seine Frau an, die mit den gemeinsamen Kindern in Hamburg lebte. Sie berieten sich - und am nächsten Tag sagte Müller schließlich doch zu. "Dann ging es los", sagt er, "ich habe meine Air-BnB-Wohnung in Frankfurt aufgelöst, bin nach Hamburg gefahren, habe die Kinder in der Vorschule abgemeldet und habe die Krankenversicherung stillgelegt."

"Vor jedem Spiel ist eine Kamera in der Kabine"

Als Müller in Sydney zur Mannschaft stieß, war sie Tabellenführer. Sie hatte gerade das Stadtderby gegen den Sydney FC gewonnen, drei Spiele, drei Siege, 5:2 Tore. Dann kam Müller - und die Mannschaft holte aus den nächsten sieben Spielen nur noch zwei Punkte. "Das war deprimierend", sagt Müller, doch inzwischen ist er angekommen. In zehn Spielen hat er drei Tore erzielt, die Playoff-Plätze sind nahe. An ein paar Dinge muss er sich aber immer noch gewöhnen, etwa an die Nähe der Medien. "Vor jedem Spiel ist eine Kamera in der Kabine", erzählt Müller, "es gibt auch Halbzeitinterviews, und beim Warmmachen hat immer ein Spieler ein Headset im Ohr." Er beantwortet dann Fragen zum Spiel - während des Aufwärmprogramms.

Diese Aufmerksamkeit ist neu für Müller, genauso wie die Freiräume, die er hat, sobald er nicht mehr auf dem Spielfeld steht. "Ich bin meistens um 13, 14 Uhr zu Hause und habe den ganzen Nachmittag vor mir", sagt Müller. In Sydney hat er eine Menge Zeit für seine Familie. Und wenn er durch die Stadt läuft, bleibt er unerkannt, auch das war als Bundesligaspieler anders.

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Aufmerksamkeit kann schmeicheln, sie kann einen aber auch erdrücken, Müller weiß das aus seiner Zeit in Hamburg. In Australien genießt er es jetzt, einer von vielen zu sein, einer von fünf Millionen, mittendrin, in unmittelbarer Nähe zur Harbour Bridge.

© SZ vom 15.01.2020/sonn
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