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Vegas Golden Knights:Trost in tristen Zeiten

Colorado Avalanche v Vegas Golden Knights

Inspiration für eine gebeutelte Stadt: Fans aus Las Vegas feiern während eines Spiels gegen Colorado Golden-Knights-Kapitän Mark Stone.

(Foto: Ethan Miller/AFP)

Die Vegas Golden Knights gelten zu Beginn der NHL-Playoffs als Mitfavoriten auf den Titel - für Las Vegas bedeuten sie viel mehr: Zum zweiten Mal in der erst vier Jahre alten Geschichte sollen sie den Einwohnern Hoffnung spenden.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Zum Beispiel die Golden Maki Roll im Cosmopolitan: Sushi mit Blauflossenthunfisch, Kaviar und 24-Karat-Blattgold. Oder der Krapfen bei Pinkbox Doughnuts: Schokoglasur, weiße Streuseln, Erdnussbuttersoße; sieht aus wie ein Eishockeypuck im Kettenhemd. Oder der Nachtclub im Red Rock Casino, den sie zur Mischung aus Ritterburg und Eishockeystadion umgebaut haben. Völlig verrückt, na klar, es ist schließlich Las Vegas. Die wunderbar überkandidelte Stadt in der Wüste macht sich bereit für die Playoffs der Profiliga NHL. Die Golden Knights haben die regulären Saison mit den meisten Siegen abgeschlossen - und noch viel mehr: Zum zweiten Mal in der erst vier Jahre alten Geschichte spendet die Eishockey-Franchise den Einwohnern Trost in tristen Zeiten.

Zur Erinnerung: Am 1. Oktober 2017 schoss ein Attentäter aus dem 32. Stock des Mandalay Bay auf die Besucher des Country-Festivals "Route 91 Harvest"; er tötete 60 Menschen, 867 wurden verletzt. Nur zwölf Tage später trugen die Golden Knights das erste Heimspiel ihrer Geschichte aus, und wer an beiden Tagen in der Stadt war, beim Attentat und bei der ersten Partie, der sah, dass Las Vegas nicht nur Glitzer und Glamour ist, sondern dass die Einwohner das Schicksal teilen, in diesem unwirklichen Gebilde überleben zu müssen, wie sie sich gegenseitig helfen und aufeinander aufpassen.

Erstes Heimspiel wenige Tage nach dem Massaker: Die Golden Knights spendeten Hoffnung und wurden sofort Teil dieser Stadt

Sport besitzt ja bisweilen heilende Kräfte. Am 30. Oktober 2001 warf der damalige US-Präsident George W. Bush beim Spiel des Baseballvereins New York Yankees einen Ball als Symbol für die Rückkehr zur Normalität nach den Terroranschlägen drei Wochen davor. Im September 2006 gab die Football-Franchise New Orleans Saints ein emotionales Comeback im renovierten Superdome, in dem viele Menschen beim Hurrikan Katrina im Jahr zuvor Zuflucht gefunden hatten. Und dann, am 13. Oktober 2017: Die Golden Knights vor 18 191 Zuschauern in der neuen Arena. Sie erzielten in den ersten zehn Minuten vier Tore, sie gewannen 5:2; die Spieler spendeten danach Blut und besuchten Opfer im Krankenhaus. Sie wurden sofort Teil dieser Stadt, von der es geheißen hatte, dass Profisport dort nicht funktionieren würde.

Die Leute in dieser Stadt können Ablenkung gebrauchen, denn: Gibt es eine Stadt, die mehr gebeutelt wurde durch die Restriktionen der Pandemie als Vegas, das nun mal davon lebt, dass Leute aus aller Welt kommen, auf engstem Raum miteinander feiern und dann wieder entschwinden? Es gibt nun, angesichts hoher Impfzahlen und niedriger Inzidenz, genau jetzt, zu Beginn der Playoffs, massive Lockerungen - und das hat Auswirkungen auf die Golden Knights. Die haben in der auf 56 Partien verkürzten Saison nur fünf von 28 Heimspielen verloren, die Siegquote (78,5 Prozent) liegt weit über dem Ligaschnitt von 58 Prozent. Das liegt laut Golden-Knights-Besitzer Bill Foley an den Fans: "Die sind völlig verrückt, selbst wenn nur ein paar in der Arena sind." Foley plant, für die Playoffs den Heimvorteil seines Teams noch ein bisschen auszuweiten. Derzeit sind 7500 Zuschauer erlaubt, beim ersten Playoff-Spiel am Sonntag sollen es 9000 sein, von 1. Juni an - dann beginnt die zweite Runde - 14 500. Zum Vergleich: Beim Erstrunden-Gegner Minnesota Wild dürfen 3000 Leute in die Arena, beim möglichen Kontrahenten in der zweiten Runde, den St. Louis Blues: null.

DENVER, CO - FEBRUARY 22: The Vegas Golden Knights bench, defenseman Alex Pietrangelo (7), defenseman Nicolas Hague (14); Eishockey

Smarte Typen, die wunderbar harmonieren: von links Alex Pietrangelo, Nicolas Hague, William Carrier, Nicolas Roy, Alex Tuch, Kapitän Mark Stone und Keegan Kolesar.

(Foto: Dustin Bradford/Icon SMI/Imago)

Die Golden Knights sind nicht Titelfavorit, weil es Sushi mit Blattgold und Fans im Stadion gibt, sondern weil sie ein paar interessante Typen haben, die auf wundersame Weise harmonieren. Torwart-Legende Marc-Andre Fleury, 36, spielt gerade die Saison seines Lebens (92,8 Prozent Fangquote, nur 1,98 Gegentore pro Spiel), er steht in den Rekordbüchern bei bedeutsamen Statistiken (491 Siege, 67 Partien zu Null) mittlerweile vor oder knapp hinter seinem Idol, der Legende Patrick Roy - doch teilt er sich den Platz im Tor mit Robin Lehner, und das führt zum Erfolgsgeheimnis des Teams: Balance.

In der ersten Sturmreihe etwa spielt Chandler Stephenson, den sein früherer Arbeitgeber, die Washington Capitals, in den hinteren Reihen versteckt hatte; Stephenson selbst sagt: "Ich musste mich zwicken, dass ich jetzt nicht nur mit den Jungs aus der ersten Reihe spiele, sondern auch gegen die besten Leute des Gegners." Er ist einer der flinksten Leute auf Kufen, er schafft so Raum für die Flügel-Naturgewalten Mark Stone (1,92 Meter, 100 Kilo) und Max Pacioretty (1,89 Meter, 95 Kilo). 41 Treffer gab es mit dieser Reihe auf dem Eis und nur 18 Gegentore - wie erwähnt: gegen die jeweils besten Reihen der Gegner Und die zweite Reihe (Jonathan Marchessault, William Karlsson und Reilly Smith) ist nicht schlechter.

Die Golden Knights können jederzeit schnell, aggressiv und auch mal riskant spielen, weil sie wissen, dass sie diese zwei famosen Torhüter haben. Das führte in der regulären Saison zu den drittmeisten Toren (191) und den wenigsten Gegentreffern (124). Das 6:0 beim letzten Spiel der regulären Saison zeigte: Sie sind bereit, zum ersten Mal in der jungen Vereinsgeschichte den Stanley Cup zu gewinnen. 2018, in der Premieren-Saison, waren sie erst im Finale gescheitert. Nur eines trübt die Stimmung: Sie haben zwar die meisten Siege geschafft, doch hat Colorado nach dem 5:1-Sieg am Donnerstagabend ebenfalls 82 Zähler und den direkten Vergleich gewonnen. Das bedeutet, weil beide Vereine in der West Division angesiedelt sind, einer von vier regionalen NHL-Gruppen: Es könnte bereits in der zweiten Runde zum Duell der beiden derzeit besten Teams kommen, und Colorado hätte in der Best-of-seven-Serie Heimvorteil.

© SZ/sjo
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