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NHL-Torhüter Philipp Grubauer:Die Lawine rollt

DENVER, CO - JANUARY 13: Colorado Avalanche goaltender Philipp Grubauer (31) takes his helmet off during a break in the; Eishockey

Trägt die Kelle wie ein Wilderer seine Büchse: Torhüter Philipp Grubauer.

(Foto: Dustin Bradford/Icon Sportswire/imago)

Der Rosenheimer Philipp Grubauer ist einer der besten Torhüter der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL. Mit seinem Team Colorado Avalanche will er in dieser Saison zum zweiten Mal den Stanley Cup gewinnen.

Von Johannes Schnitzler

Wenn Philipp Grubauer seinen Arbeitsplatz im Tor der Colorado Avalanche verlässt, klemmt er den Schläger unter den linken Arm wie ein Beamter die Aktentasche. Schichtende. Mit seiner Torwartkelle - das breite Schlägerblatt unter der Achsel, den Schaft voraus auf dem Unterarm ruhend - sieht Grubauer allerdings nicht aus wie ein braver Büroangestellter, sondern eher wie ein Wilderer mit Bart und doppelläufiger Büchse. Im Mangfallgebirge bei Rosenheim, Grubauers Heimat, trieb einst der Wildschütz Jennerwein sein verbotenes Jagdwerk, und dorthin führte auch Grubauer 2018 sein Weg zurück, als er den Stanley Cup, den Pokal für den Meister der nordamerikanische Eishockey-Liga, zu Hause präsentieren durfte. Der Bayer Grubauer trug dabei die für solche Anlässe obligatorische ortstypische Tracht.

Am Donnerstag zum Spiel gegen die Vegas Golden Knights trug Grubauer dem Anlass angemessen etwas Unbequemeres - die dicken Schutzschichten lassen Eishockeytorhüter in etwa so elegant erscheinen wie eine Kegelrobbe an Land - dazu einen schlicht mit den Logos seines Klubs und dem Schriftzug "Grubi" verzierten Helm. Sein Gegenüber Marc-André Fleury, Torhüter der Golden Knights aus der Casinostadt Las Vegas, trug einen goldglitzernden Helm und farblich dazu passende Schoner. Den Jackpot aber knackte Grubauer: Colorado siegte 5:1 und zog nach Punkten mit dem Tabellenführer der Division West gleich. Für Grubauer war es der achte Sieg in Serie in dieser Corona-bedingt dicht gedrängten Saison - und persönlicher NHL-Rekord. "Es läuft einfach", sagte er hinterher. Verantwortlich dafür seien der eng getaktete Spielplan, "dass wir jeden zweiten Tag spielen und alle im Rhythmus sind", und die mannschaftliche Geschlossenheit, dass "jeder jedes Spiel hochkonzentriert angeht und wir extrem verteidigen". Colorado hat neben Las Vegas die wenigsten Gegentore aller NHL-Teams kassiert.

Stanley Cup kommt nach Rosenheim

Triumphale Heimkehr: Nach dem Finalsieg mit den Washington Capitals präsentiert Philipp Grubauer 2018 den Stanley Cup zu Hause in Rosenheim.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Das sah am Donnerstag zunächst allerdings anders aus. Nach nur 40 Sekunden war Grubauer geschlagen, weil Colorados Verteidiger den Puck irgendwie zu Max Pacioretty schusselten, der Grubauer keine Abwehrchance ließ. Danach wehrte er alle 17 Schüsse auf sein Tor ab und ermöglichte so seinem Team den 20. Erfolg in dieser Spielzeit. Im zweiten Drittel überrollte die "Lawine" aus Denver das Team aus der Wüste von Nevada regelrecht: 4:0 entschied Colorado den mittleren Abschnitt für sich, und vor allem beim zweiten Gegentreffer gab Golden-Knights-Goalie Fleury keine besonders glückliche Figur ab: J.T. Compher erwischte ihn mit der Rückhand zwischen Körper, Blocker und Pfosten.

Auch wenn man sich den bodenständigen Bayer kaum im Glitzerlook vorstellen kann, hat Grubauer doch eine besondere Verbindung zu Las Vegas und diesem Fleury. Der Nationaltorhüter, der nie ein Spiel in der Deutschen Eishockey Liga bestritten hat, wechselte bereits 2008 als Teenager nach Nordamerika. Nachdem er einige Jahre in unteren Ligen und eine Infektion mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber hinter sich gebracht hatte, beförderten ihn die Washington Capitals 2014 in ihren NHL-Kader. Beim Team des großen Alexander Owetschkin war allerdings Braden Holtby die Nummer eins. Und so hoffte Grubauer 2017 auf eine Berufung nach Las Vegas, wo ein neues NHL-Team aus der Taufe gehoben wurde. Grubauer galt als heißer Kandidat - Las Vegas aber entschied sich letztlich für Fleury.

Ein Jahr später standen sich beide im Stanley-Cup-Finale gegenüber: Washington setzte sich in der Serie 4:1 durch und gewann erstmals den Titel. Grubauer durfte in den Playoffs nur zwei Mal ran und wechselte zur nächsten Saison nach Colorado, 2001 mit dem legendären Patrick Roy zwischen den Pfosten letztmals Stanley-Cup-Sieger. Die Partie am Donnerstag war seine 100. im Dress der Avalanche - und nie hatte er bessere Statistiken als jetzt. Unter den Stammtorhütern weist er mit 93,1 Prozent gehaltener Schüsse die beste Fangquote aus vor Andrei Wassilewski (93,2) von Meister Tampa Bay Lightning - und Fleury (92,7). Nur Wassilewski hat einen Sieg mehr auf seinem Konto. Bei den Shutouts, den Spielen ohne Gegentor, liegt Grubauer (5) vorn - vor Fleury (4). Im Schnitt kassiert er nur 1,69 Gegentore pro Partie. Ein Grund, warum die Lawine derart rollt, heißt also auch: Philipp Grubauer.

"So gut wie jetzt habe ich ihn noch nicht spielen sehen", sagt sein Trainer Jared Bednar

Grubauer ist derzeit so gut, dass ihm sein Trainer Trainer Jared Bednar nur ungern eine Pause gönnt. "Wenn du Schlüsselparaden zu Schlüsselzeitpunkten von deinem Startspieler bekommst, ist das ein gutes Erfolgsrezept", sagt Bednar. "Er hält alles, was er halten sollte und dazu noch ein paar, die du im Netz erwarten würdest. So gut wie jetzt habe ich ihn noch nicht spielen sehen." Oder anders herum gesagt: Ohne Grubauer hat Colorado erst einen Saisonsieg geschafft. Die gar nicht einmal so verwegene Formel lautet also: Bleibt der Torhüter gesund, ist die Avalanche nach 20 Jahren wieder einmal reif für den Titel. "Mit einem solchen Torwart wächst das Selbstvertrauen in der Kabine", sagte Teamkollege J.T. Compher nach dem Sieg gegen Las Vegas. Und Grubauer? Bleibt gelassen. "Der Stanley Cup ist das Ziel. Aber wir haben jetzt noch etwa 25 Spiele. Wichtig ist das Spiel morgen und dann das Spiel danach." Am Samstag, wieder gegen Las Vegas, verlor Colorado allerdings erstmals nach acht Siegen wieder, mit 2:3 nach Verlängerung. Grubauer parierte dabei immerhin 31 Schüsse.

Die Zukunft in Colorado ist ungewiss. Sein Vertrag läuft am Saisonende aus

Dreizehn Jahre nach seinem Aufbruch aus Rosenheim scheint Philipp Grubauer mit 29 in Colorado also endlich sportliche eine Heimat gefunden zu haben. Allerdings endet sein Vertrag am Ende dieser Saison. "Ich würde gerne in Denver bleiben", sagt er. Die Avalanche zahlt ihm 3,33 Millionen US-Dollar pro Saison, zum Vergleich: Fleury, 36, bekommt in Las Vegas glatte sieben Millionen. Am Geld aber dürfte es trotz Corona und Salary Cap wohl eher nicht scheitern. Wenn doch, dann könnte das an der Laufzeit des Vertrags liegen, glaubt Grubauer. Schlaflose Nächte hat er deswegen nicht. Wenn ihm etwas die Nachtruhe raubt, dann sein Ehrgeiz. "Wenn ich mich aufs Ohr haue, drehen sich die Rädchen, dann wird das Spiel noch mal eins zu eins nachgegangen. Und dann schaust du auf die Uhr, und es ist schon vier." Das Vorbild in dieser Beziehung heißt Uwe Krupp: Der als immer etwas überehrgeizig geltende ehemalige Bundestrainer schoss Colorado 1996 gegen Florida zum Stanley Cup. Grubauer hat seine Büchse schon mal unter den Arm geklemmt.

© SZ/dpa/sid/jkn/bkl
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