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NHL:Blaue Flecken für den Ruhm

Tom Kühnhackl ist ein eher rustikaler Eishockeyspieler - für Pittsburghs Meistertitel war gerade das sehr wichtig.

Von Jürgen Schmieder, San José/Los Angeles

Es gibt eine wunderbare Tradition im amerikanischen Eishockey, sie existiert seit mehr als 100 Jahren. Nach dem letzten Spiel der Saison bekommt der Sieger erst dann die Trophäe, wenn alle Akteure den unterlegenen Gegnern die Hände geschüttelt haben. Da begegnen sich kernige Kerle mit prächtigen Bärten, die sich zuvor mehrere Partien über geschubst, gestoßen und bisweilen geprügelt haben, sie klopfen sich gegenseitig auf Brust und Schultern, sie sprechen kurz miteinander, hin und wieder umarmen sie sich. Dann verlassen die Verlierer das Eis.

So war das auch am Sonntagabend, die Pittsburgh Penguins hatten gerade die Finalserie der nordamerikanischen Eishockeyliga mit 4:2 Siegen gegen die San José Sharks für sich entschieden. Kapitän Sidney Crosby war der Erste seiner Mannschaft, der den Sharks zu einer packenden Serie gratulierte, bei der jede einzelne Partie erst durch einen Treffer im Schlussdrittel oder in der Verlängerung entschieden wurde. Es folgten die Ersatzkapitäne Jewgeni Malkin und Chris Kunitz.

2016 NHL Stanley Cup Final - Game Six

Mit Pokal, Vorbild und Bart: Tom Kühnhackl und sein Vater Erich, Rekordtorschütze der deutschen Nationalmannschaft, nach der Siegerehrung.

(Foto: Bruce Bennett/Getty)

Auf Tom Kühnhackl, der irgendwo in der Mitte schüchtern die Hände der Sharks-Spieler drückte, achtete in diesem Moment kaum jemand. Warum auch? Er ist zwar der Sohn der Eishockeylegende Erich Kühnhackl und hat nun als dritter Deutscher nach Uwe Krupp und Dennis Seidenberg den Stanley Cup gewonnen, bei den Penguins ist er aber eher ein unauffälliger Nebendarsteller. Wobei, wer diese Saison der Penguins und diesen Titel verstehen möchte, der sollte eine Geschichte kennen, in der auch Kühnhackl eine Rolle spielt.

Diese Geschichte beginnt im Dezember vergangenen Jahres, die Penguins hatten gerade zum fünften Mal nacheinander verloren und waren von den Playoff-Plätzen gepurzelt. Manager Jim Rutherford feuerte erst einmal Trainer Mike Johnston und ersetzte ihn durch Mike Sullivan vom Farmteam Wilkes-Barre/Scranton Penguins. Manager Rutherford wusste um das Talent seiner Mannschaft, er wusste jedoch auch, dass ein paar schnelle Schlittschuhfahrer fehlten und auch ein paar Typen, die den Puck nicht unbedingt ins Tor des Gegners schlenzen wollen, sondern kein Problem damit haben, das Spielgerät mit irgendeinem Körperteil zu blocken. Rutherford verpflichtete Trevor Daley, Carl Hagelin und Justin Schultz, und aus den Nachwuchsteams beförderte er Bryan Rust und Conor Sheary.

NHL-Meister seit 2000

2000 New Jersey Devils - Dallas Stars 4:2

2001 Colorado Avalanches - New Jersey 4:3

2002 Detroit Red Wings - Carolina H. 4:1

2003 New Jersey - M. Ducks Anaheim 4:3

2004 Tampa Bay Lightning - Calgary F. 4:3

2005 nicht ausgetragen

2006 Carolina Hurricanes - Edmonton 4:3

2007 Anaheim Ducks - Ottawa Senators 4:1

2008 Detroit R. Wings - Pittsburgh P. 4:2

2009 Pittsburgh Penguins - Detroit 4:3

2010 Chicago Blackhawks - Philadelphia F. 4:2

2011 Boston Bruins - Vancouver Canucks 4:3

2012 Los Angeles Kings - New Jersey 4:2

2013 Chicago Blackhawks - Boston Bruins 4:2

2014 Los Angeles Kings - New York R. 4:1

2015 Chicago Blackhawks - Tampa Bay 4:2

2016 Pittsburgh Penguins - San José S. 4:2

Als sich im Januar Angreifer Beau Bennett verletzte, erinnerte sich Sullivan an diesen flinken und aggressiven Burschen, den er in Wilkes-Barre trainiert hatte. Er holte Kühnhackl als Aushilfe zu den Profis, der sollte als Mitglied der vierten Sturmreihe die namhaften Spieler entlasten und in Unterzahl Puck und Gegner vom eigenen Tor fernhalten. Das ist eine knifflige Aufgabe, weil sie für eher blaue Flecken sorgt als für Ruhm und Ehre. Tom Kühnhackl aber, 24, murrte und knurrte nicht darüber, sondern agierte derart zuverlässig, dass aus der befristeten Beförderung ein mit 1,1 Millionen Dollar vergüteter Zwei-Jahres-Vertrag wurde. Besser noch: Die Penguins beendeten die Hauptrunde mit den viertmeisten Punkten der NHL.

Topspieler Sidney Crosby sagt: "Dieser Titel ist viel schöner als der von 2009."

Manager Rutherford hatte innerhalb weniger Wochen eine Mannschaft gebastelt, die ihre Gegner nicht ausspielte, sondern einfach überrannte. Die schon in der gegnerischen Zone attackierte und damit bereits die Entstehung von Spielzügen verhinderte. "Sie bauen über ihre Geschwindigkeit derart viel Druck auf, dass du keine Zeit hast, eine Entscheidung zu treffen", sagte San Josés Trainer Peter DeBoer nach der Finalserie, bei der seine offensivstarke Mannschaft in keinem Spiel mehr als 26 Schüsse produzierte - in der sechsten Partie waren es gar nur 19: "Kein Gegner hat uns in den Playoff-Spielen zuvor derart aggressiv und präzise attackiert."

Deutsche Stanley-Cup-Gewinner

Uwe Krupp (Verteidiger) Sieger 1996 (Colorado Avalanche) und 2002 (Detroit Red Wings), 810 NHL-Spiele/310 Punkte; Status: Siegtorschütze im Finale 1996

Dennis Seidenberg (Verteidiger) Sieger 2011 (Boston Bruins), 827 NHL-Spiele/ 245 Punkte; Status: Längste Einsatzzeit der Spieler im entscheidenden Finalspiel 2011 (28:51 Minuten)

Tom Kühnhackl (Angreifer) Sieger 2016, 66 NHL-Spiele/20 Punkte Status: Mit 24 Jahren jüngster deutscher Sieger

Freilich half es den Penguins, dass sie auch Sidney Crosby hatten, den wohl talentiertesten Eishockeyspieler dieser Generation. Er galt einst als verwöhnter Bengel, der nach dem Stanley-Cup-Sieg der Penguins im Jahr 2009 einigen Spielern der Detroit Red Wings den Handschlag verweigert hatte. "Ich war ein junger Mann, der dachte, dass er in jedem Jahr die Finalserie erreichen würde", sagt Crosby nun: "Ich habe gemerkt, wie dumm das war und dass ich solche Momente schätzen muss."

Crosby, 28, hat sich aufgrund der harschen Kritik an dieser Unsportlichkeit von damals und auch wegen zahlreicher Verletzungen von einem herausragenden Einzelsportler zum Anführer eines Klubs entwickelt, der sich nun auch nicht zu schade ist für die Drecksarbeit in der Defensive. Der seine Kollegen regelmäßig zu sich nach Hause einlädt. Der unbedingt der Erste sein möchte, der Zugänge in Pittsburgh begrüßt. Der den Stanley Cup nun nicht selbst in die Höhe reckte, sondern die Trophäe dem verletzten Mitspieler Trevor Daley übergab. Der in diesem Jahr die Hände sämtlicher Gegenspieler schüttelte. "Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, wie schwierig es ist, in dieser Liga etwas zu erreichen", sagte er danach: "Dieser Titel ist deshalb viel schöner als der von 2009."

Irgendwann an diesem Abend bekam dann auch Tom Kühnhackl den Stanley Cup in die Hand. Er hatte seine Eltern aufs Eis geholt, er umarmte zuerst seine Mutter und posierte dann gemeinsam mit Vater Erich mit diesem riesigen Silberpokal. Vor sechs Monaten war Kühnhackl ein Eishockeyspieler in der Provinz, nun ist er ein bedeutender Teil dieser faszinierenden Geschichte der Pittsburgh Penguins. Und er durfte erfahren, was für eine herrliche Tradition dieses Händeschütteln nach der Finalserie doch ist.

© SZ vom 14.06.2016
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